Nächtliches Feuerwerk zum Ende des Ramadan in der iranischen Hauptstadt Teheran|Foto:Jane Ashkanian

Politik

Fastenbrechen Eid-e Fetr im Iran

02.09.2011

Von schönen Menschen und schlafenden Schildkröten im Ramadan

Jane Ashkanian


Die schiitischen Iraner feiern das Fastenbrechen zwei Tage nach den Sunniten: Nachts knallte es wie im Krieg, dann marschierte die Polizei mit Bananenschalen auf. Aber die Bürger von Teheran machten das beste aus diesem feierlichen Tag.


Aus reiner Trotzköpfigkeit gegen die sunnitische Welt, die den Orient ja dominiert, lässt mein Land das Fest des Fastenbrechens nach dem Ramadan erst zwei Tage später verkünden als die Sunniten. Im Iran ist der Fastenmonat also erst seit Donnerstag vorbei. Das Spiel, das diesem Ereignis vorausgeht, nennen wir »Suche den Mond!«. Die Iraner haben zwar ihren eigenen Kalender, der dem Lauf der Sonne folgt, aber zu religiösen Feiertagen richten auch wir uns nach dem islamischen Mondkalender. Eigentlich sieht niemand den Mond zur gleichen Zeit, jeder ist anderer Meinung, und es ist unmöglich, sich für den Festtag irgend etwas vorzunehmen.


Und dann passiert es: Wir sitzen zu Hause mit unseren Gästen und befinden uns gerade inmitten einer weltbewegenden Konversation, als es plötzlich kracht und donnert. Wir hatten lange keinen Krieg mehr und während des letzten war ich noch ziemlich klein. Aber das Adrenalin schießt mir in solchen Momenten noch immer ins Blut. Sind das schon die Bomber der Nato, die uns eine neue Revolution bescheren. Jetzt, das es in Libyen anscheinend so gut geklappt hat? Und gibt es schon die ersten Toten?


Ich renne zum Fenster und erinnere mich wieder an »Suche den Mond«. Jetzt ist Eid: In ganz Teheran knallen die Feuerwerkskörper und Raketen pfeifen in der Luft. Das zu erleben ist und bleibt ein sehr erhabenes Gefühl. Es verbindet uns Iraner, trotz allem, was in den letzten Jahren hier geschehen ist.


Am nächsten Morgen, dem eigentlichen Tag des Eid-e Fetr, ist es üblich, dass die Muslime gemeinsam ihr Gebet verrichten. Ich war um sechs Uhr morgens auf der Straße. Was ich sah, machte weder einen festlichen noch einen frommen Eindruck: Polizisten und Sicherheitskräfte an jeder Straße und Kreuzung. Die meisten von ihnen hatten neben dem Knüppel eine Banane in der Hand und machten ein grimmiges Gesicht. Das Regime hat Angst vor jeder Ansammlung von Menschen, die sich in eine Demonstration verwandeln könnte, auch an religiösen Feiertagen.


Die Menschen wollten allerdings nicht demonstrieren, sondern in Würde ihrer Tradition nachgehen: Autos fuhren vor, die Ehemänner trugen Gebetsteppiche herum, Frauen mit Tschador und eleganten Vernis-Schuhen gingen an ihrer Seite. Die Fetr-Formalitäten sollten korrekt, würdevoll und sorgfältig erledigt werden.


Warum will ich dieser Moschee nichts spenden?

Ich lief ein paar Stunden durch die Stadt und passte auf, nicht auf einer Bananenschale auszurutschen, die die tapferen Polizisten auf die Straße geworfen hatten. Vor den Moscheen trugen einige Männer große Schalen mit Halim, einer süßen Spezialität, die besonders zum Ramadan gemacht wird – die Moscheen geben den Gläubigen nach dem Gebet davon zu essen.


Die Leute waren ganz verrückt danach. Auch ich spürte den Hunger, konnte mir aber nicht vorstellen, in die Halim-Schale dieser Moschee zu greifen und etwas Geld dafür zu spenden. Soll ich nach allem, was die Mullahs meinem Land angetan haben, diesen Apparat noch unterstützen? Was habe ich mit dieser frommen Welt zu tun?


Ich gab schließlich etwas Geld und fragte mich, wie weit es schon mit mir gekommen ist: Ich bin Iranerin, von Geburt an Muslima. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich habe damit aber auch kein Problem. Wenn immer ich auf Reisen irgendwo auf der Welt eine Kathedrale besuche, kaufe ich dort Kerzen, um sie anzuzünden. Und ich ziere mich, dieser Moschee für Halim ein paar Toman zu spenden?


Die Menschen in Teheran an diesem Morgen waren fröhlich, und sie waren schön: Als ich von der Moschee zurückkehrte, kam mir eine besonders vornehm herausgeputzte Familie entgegen: Zu dritt saßen auf einem frisch gewaschenen Motorrad. Es war ein milder, aber sonniger Morgen, die Parks und Sightseeing-Plätze in Teheran waren voller Menschen. Sie hatten das beste aus sich und ihrem Tag gemacht.


Als ich nach Hause ging, sah ich eine Gruppe Polizisten, die soeben aus dem Schlaf erwachten. Sie hatten sich in ihrer furchteinflößenden Montur ins Gebüsch gelegt und sahen aus wie riesige Schildkröten. Einer aß eine Banane. Ich wollte keinen Ärger, deshalb ging ich vorbei, so schnell ich konnte.




Was ist das für ein Erwachen?
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