Foto: Mustafa Abulhimal

Politik

Weltweit Proteste vor ägyptischen Botschaften

30.01.2011

»Ich habe Angst, die Revolution zu verpassen«

Katharina Götze


Von Kapstadt bis Washington sammeln sich Menschen zu Protestkundgebungen. In London trotzten sie der Übernahme ihres Protests durch die islamistische Hizb-u-Tahrir. Kuwait drohte das Innenministerium potenziellen Demonstranten und deren Familien mit der Abschiebung.



»Komm runter, komm runter, wir sehen dich«, ruft die Menge einem Augenpaar zu, das für einen kurzen Moment zwischen den Jalousien der ägyptischen Botschaft im Londoner Nobelstadtteil Mayfair hervorlugt. So furchtlos gegenüber der Staatsgewalt hat man die Ägypter seit Jahrzehnten nicht gesehen. Doch seit diesem Dienstag, dem ersten »Tag des Zorns«, hat sich vieles geändert.


So recht können einige wohl selbst nicht glauben, was da geschieht. »Das hier ist wie ein Traum, ich hätte nie gedacht, das wir so etwas erleben würden«, seufzt einer der Demonstranten. Um ihn herum haben sich mehrere hundert Menschen versammelt, vor allem junge Ägypter, aber auch Familien mit kleinen Kindern, die aufgeregt mit rot-weiß-schwarzen Fähnchen wedeln, und solidarische Europäer, die versuchen, die arabischen Slogans mitzurufen.


»Diese Revolution ist ägyptisch, nicht islamisch«

»Brot, Freiheit, Menschenwürde«, fordert die Menge lautstark, und natürlich den Sturz des Regimes Mubarak. Und noch etwas ist anders als erwartet: Als die islamistische Hizb-ut-Tahrir sich zu den Demonstranten vor der Botschaft gesellen will, erteilen die ihnen eine Absage. »Diese Revolution ist ägyptisch, nicht islamisch«, ruft die Menschenmenge. Die Hizb-ut-Tahrir darf nicht mitmachen, muss ihre Banner in einer Seitenstraße schwenken. Religion spielt bei diesem Umsturz, so scheint es, nicht die Rolle, vor der Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperten (und nicht zuletzt Mubarak selbst) immer gewarnt hatten. Stattdessen sind in der Menge auch Flaggen mit ineinander verschlungenen Kreuz- und Halbmondsymbolen zu sehen.


»Hätte mich am Anfang dieser Woche jemand gefragt, wer bei freien Wahlen in Ägypten gewinnen würde, hätte ich überzeugt gesagt, die Muslimbruderschaft, denn die, die bei uns seit jeher wählen gehen, waren entweder von der Bruderschaft oder der Regierungspartei NDP. Aber die Leute, die in den letzten dreißig Jahren nie bei einer Wahl waren, sind diejenigen, die jetzt auf den Straßen sind. Und ich glaube, diese Leute werden von jetzt an immer wählen, und der Bruderschaft eine starke Opposition bieten, und für ein gesundes politisches Klima sorgen«, sagt Mustafa, der seit zwei Jahren in London lebt.


Khaled, ein 37-jähriger Software-Ingenieur aus Helwan, stimmt zu. Die Angst des Westens vor einem zweiten Iran sei unbegründet, die meisten Demonstranten seien einfach nur junge Leute ohne Verbindungen zu religiösen Organisationen. »Ich bin heute hierher gekommen, um wenigstens etwas getan zu haben. Wir stehen hier seit Stunden in der Kälte, aber daheim sind die Leute schon seit fünf Tagen auf der Straße«, sagt er.


»Ich habe geweint, als alle meine Freunde in Ägypten offline waren«

Das Gefühl, die eigenen Leute daheim im Stich gelassen zu haben, und die Revolution zu verpassen, scheint viele Ägypter in der Fremde zu plagen. »Wenn man den ganzen Tag nur am Internet sitzt, fühlt man sich so nutzlos. Ich habe Schuldgefühle, dass ich nicht genug getan habe«, sagt Marwa aus Kairo, die seit Oktober 2010 in England studiert.


»Am Donnerstag, als wir erfahren haben, dass das Internet nicht mehr funktioniert, habe ich geweint. Ich war online und plötzlich waren alle meine freunde offline. Das war der schlimmste Moment meines Lebens, als mir klar geworden ist, dass ich niemanden mehr erreichen kann.«


Zur Demo, sagt sie, sei sie gekommen, um unter Landsleuten zu sein, und vor allem auch gegen die Blockade von Internet und Mobilfunknetzen zu protestieren. »Ich hoffe, dass die Leute hier in Großbritannien verstanden haben, dass unser Staat komplett verrückt geworden ist.«


Doch nicht überall im Ausland konnten Ägypter so ungehindert auf die Straße gehen. Mustafas Bruder Mohammed, der mit seiner Familie als Ingenieur in Kuwait arbeitet, konnte es kaum fassen, als er am Telefon die Demonstranten im Hintergrund hörte. »Hast du keine Angst?«, die ungläubige Frage. Er selbst war zu Hause geblieben, denn in Kuwait waren die ägyptischen Gastarbeiter vor der Teilnahme an Protesten gewarnt wurden. Wer bei Anti-Mubarak-Protesten erwischt wird, würde mit samt seiner Familie abgeschoben, so die Durchsage vom kuwaitischen Innenministerium an die knapp halbe Millionen Ägypter im Lande.


Anderswo auf der Welt jedoch, wie beispielsweise in den USA und vielen Städten Europas, fanden sich jeweils einige hunderte Demonstranten vor den Botschaften ein. Selbst in Tel Aviv protestierten Medienberichten zufolge eine Handvoll in Israel lebende Palästinenser vor der ägyptischen Botschaft.


»Gamal ist ein Feigling«

Unterdessen kursierte später am Nachmittag bei den Londoner Demonstranten Gerüchte, das Hosni Mubaraks Söhne Alaa und Gamal am Londoner Flughafen Heathrow gesichtet worden seien. »Ich bin sicher dass er nicht mehr in Ägypten ist, Gamal ist ein Feigling«, sagt Khaled. Mustafa stimmt zu.


»Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die beiden hierher geflohen sind, denn ihre professionelle Zukunft ist ruiniert. Was auch immer mit Hosni Mubarak geschieht, Ägypten ist kein sicherer Ort mehr für sie, weder für ihre Familien noch für die Reichtümer, die sie in den letzten drei Jahrzehnten angehäuft haben.«


Die englischsprachige Facebook-Gruppe »Wir sind alle Khaled Said« schmiedete unterdessen am Samstagabend bereits Pläne für eine weitere Demonstration in London, diesmal allerdings vor Gamal Mubaraks Haus. Kurz darauf stand dann auch schon Gamals Adresse in der britischen Hauptstadt im Netz.




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