
Politik
Katharina Engels, Damaskus
Der blutigste Tag seit Beginn der Proteste in Syrien fiel auf den Karfreitag – »trauriger Freitag«, so heißt er im Arabischen. Geheimpolizei beherrscht die Straßen. Viele Christen fürchten einen Anschlag während der Feiertage.
Die Sicherheitsleute sind anhand ihrer inoffiziellen Uniform, den schwarzen Ledermänteln, schnell auszumachen. Sie dominieren an diesem Freitag die Szenerie in den Straßen Bab Toumas, des bekanntesten christlichen Altstadtviertels von Damaskus. Am Nachmittag vor dem abendlichen Karfreitagsgottesdienst schlossen für etwas über eine Stunde die Geschäfte, weil in dem Viertel scharf geschossen wurde. Die sonst üblichen Prozessionen durch die Altstadt, die die Kirchen in den Jahren zuvor abhielten, wurden dieses Jahr verboten.
Sieben Kirchen gibt es in Bab Touma. Einer alten Tradition folgend, besuchen sich am Gründonnerstag die Anhänger der verschiedenen Konfessionen in ihren Gotteshäusern. Am Eingang der Kirche werden Aufkleber verteilt und kleine Heiligenbilder; die Kirchenchöre singen, Kerzen werden angezündet. Tausende Gläubige nehmen normalerweise an diesen Umzügen teil, in diesem Jahr sind es wenige Dutzend. Die meisten Christen sind zuhause geblieben. Denjenigen, die doch gekommen sind, ist die Beklemmung deutlich anzumerken. Ein zu lautes Knarren, eine zu hastige Bewegung – in diesen Tagen scheint alles verdächtig.
Die Mehrheit der Christen scheint geschlossen hinter dem Präsidenten zu stehen, denn zu unkalkulierbar ist die politische Alternative. Mit Inbrunst wird die Unterstützung für Baschar al-Asad Kund getan und internationale Medien beschuldigt, ein verzerrtes Bild der Situation zu vermitteln. »Al-Arabiyya und Al-Jazeera sind Lügner,« heißt es immer wieder, »der Präsident würde nie auf Demonstranten schießen lassen.« Trotz Lobeshymnen auf das Regime ist Anspannung deutlich spürbar. Am vergangenen Palmsonntag wurden schwarz gekleidete Sicherheitskräfte auf vielen Kirchendächern aufgestellt und Taschen am Eingang kontrolliert.
Die Angst davor, dass sich ein blutiges Attentat wie im ägyptischen Alexandria während des vergangenen Weihnachtsfestes nun an Ostern in Syrien ereignen könnte, ist groß und nicht vollkommen unberechtigt. Die Regierung instrumentalisiert diese Angst: »Es sind entweder wir oder die Islamisten, die regieren. Ohne uns wird dieses Land ins Chaos stürzen«, so lautet der offizielle Tenor, der bereits von den Präsidenten Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten zur Rechtfertigung der Repression genutzt wurde.
Der Aufmarsch von Sicherheitskräften in der Altstadt soll verdeutlichen, dass die Regierung für den Schutz der Christen sorgt und dass diese Schutz benötigen. Die Strategie der Verunsicherung zeigt Wirkung. In Bab Touma und anderen Staatteilen haben sich bewaffnete Gruppen gebildet, die nachts die Straßen patrouillieren und Passanten willkürlich anhalten und die Papiere kontrollieren. Jeder der im Viertel unbekannt ist, gilt als verdächtig.
Während die Christen in Bab Touma um ihre Sicherheit bangen, nimmt die Gewalt schon vom Rest Syriens Besitz. Landesweit gab es an diesem Freitag zu Demonstrationen, 70 und 90 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Truppenpräsenz war in der Nacht zum Freitag in vielen syrischen Städten stark aufgestockt worden. Zwar hatte der Präsident in seiner zweiten Rede seit Beginn der Proteste die Aufhebung des Ausnahmezustandes, die Auflösung der Militärgerichte und ein neues Versammlungsrecht verkündet, aber auch dies konnte die Proteste nicht beenden.
Ähnlich wie in Ägypten und im Jemen können halbherzige Ankündigungen die Massen nicht mehr beruhigen. Das syrische Regime hätte aus den Protesten anderenorts lernen können, hat es jedoch nicht. Der Zeitpunkt der Rede war mit dem Donnerstag strategisch gewählt worden und sollte den für nach dem Freitagsgebet angekündigten Protesten den Wind aus den Segeln nehmen.
Doch das Regime hat sich verkalkuliert; tausende strömten nach dem Freitagsgebet auf die Straßen. Die Zahl der Teilnehmer des Freitagsgebets war in den letzten Wochen stark zurückgegangen. Die Moschee ist von einem religiösen zu einem politischen Ort geworden. »Wer einfach nur beten will, betet in diesen Tagen zuhause«, sagt ein Gläubiger, der in den letzten Wochen regelmäßig am Freitagsgebet teilgenommen hat.
Die Proteste haben längst ähnliche Formen wie in Ägypten angenommen. Am Donnerstag hatten sich nach der Beisetzung einiger getöteter Demonstranten zehntausende auf dem zentralen Platz in Homs versammelt. Sie begannen, Zelte aufzubauen und forderten sitzend den Sturz des Präsidenten. Der Sicherheitsdienst ging brutal gegen die Demonstranten vor und löste die Proteste auf. Es wurde behauptet, Salafisten hätten die Proteste organisiert. Die Stadt ist nur etwa eine halbe Stunde von Hama entfernt, wo 1982 der damalige Präsident Hafiz al-Asad einen Aufstand der Muslimbruderschaft blutig niederschlagen ließ.
Die Beliebtheit des Präsidenten schwindet mit der zunehmenden Gewalt stetig. Hatten die Teilnehmer zu Beginn der Proteste sich noch hinter den Präsidenten gestellt und sich auf dessen korrupte Entourage eingeschossen, so hat sich dies seit Freitag vor einer Woche geändert. Es wird jetzt lautstark der Rücktritt von »Doktor Baschar«, wie der Präsident landläufig heißt, gefordert.
Die Strategie des Präsidenten, der in seiner ersten Rede am 30. März ausländische Mächte und Salafisten für die Proteste verantwortlich machte, scheint nur sehr begrenzt aufzugehen. Die Christen in Bab Touma sind empfänglich für diese Art der islamistischen Verschwörungstheorie, doch der Großteil der Bevölkerung lässt sich davon nicht in die Irre führen. Gestern sang die Menge in Baniyas und anderen Orten immer wieder »Nicht die Muslimbrüder, und nicht die Salafisten. Wir fordern nur Freiheit!«
Am Samstag zielten Scharfschützen des Regimes auf einen Zug Trauernder in Douma und Izra, als diese ihre Angehörigen beisetzen wollten. Derartige Aktionen werden die Wut der Demonstranten steigern, zumal der Präsident angekündigt hatte, das keine scharfe Munition gegen Demonstranten mehr eingesetzt werden würde.
Das amerikanische Außenministerium hat eine Reisewarnung herausgegeben und insbesondere amerikanische Studenten treten die Rückreise an. Viele Ausländer haben mittlerweile das Land verlassen. Die meisten Sprachstudenten, die an der Universität Damaskus einen Arabischkurs besuchten, sind abgereist. Seit die Proteste vor etwa zehn Tagen die Universitäten erreicht haben, umstellen Sicherheitskräfte regelmäßig das Gebäude. Am Eingang werden Taschen und Ausweise kontrolliert.
Der Karfreitagsgottesdienst hat währenddessen trotz der Anspannung in Bab Touma seinen Lauf genommen. Der Priester in der orthodoxen Kirche schließt an diesem Freitag die Messe und bittet die Gläubigen, nach dem Segen umgehend nachhause zurückzukehren. Dann wird es still, betretenes Schweigen. Alle haben verstanden. Die Menge drängt hinaus. Einige Geheimdienstmitarbeiter geleiten den Umzug nach draußen; sie helfen mit, das Jesusbild aus der Kirche zu tragen. Vor der Kirche stoppt die Prozession. Die Menge verläuft sich. Eine Stunde später sind die Straßen wieder menschenleer.
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