Kultur
Florian Bigge
Produzent Thomas »Tommy T« Gobena lädt seine Zuhörer zu einer hypnotischen Reise in seine Heimat Äthiopien ein. »The Prester John Sessions« vereint Reggae, Jazz und Dub – und lässt erahnen, welche musikalische Kraft der äthiopische Funk bereithält.
Kürzlich sorgte der deutsche Aktionskünstler Hannibal Helmurto in seiner Wahlheimatstadt London für Furore, weil er sich selbst in den Zustand der Hypnose versetzt haben soll. Vor dem Spiegel in seinem Badezimmer. Angeblich. Fünf Stunden lang stand er da - starr der Blick auf sein Spiegelbild, die Pupillen klein wie Erbsen, sein Körper in tiefer Trance.
Thomas T. Gobena hat angenehmere Formen der Hypnose gefunden. Dass er Selbsthypnose übt, soll hier nicht behauptet werden, aber andere hypnotisieren, das kann er, auch wenn es nicht sein Beruf ist. Gobena ist Musiker, er ist Bassist der amerikanischen Gypsy-Punk Band Gogol Bordello, außerdem Produzent und Songwriter.
Nun hat Thomas »Tommy T« Gobena sein erstes Soloalbum veröffentlicht. »The Prester John Sessions« führt den Hörer nach Äthiopien, wo Tommy T geboren und aufgewachsen ist. »Es war immer Musik in unserem Haus«, erinnert sich der Musiker. Das Album öffnet ein Fenster zu diesem Haus, es ist ein musikalisches Spiegelbild seiner Heimat, wenn auch nur ein kleines.
Schon der Eröffnungstrack »Brothers« ist ein Hypnosebrett, es ist die passende Eröffnung der folgenden fünfzig Minuten. Was ist das für ein Instrument?, fragt sich der Hörer beim Klang der äthiopischen Masenqo. Diese einsaitige Violine kann so hypnotisch klingen? Ja, sie kann, und es ist nicht das Einzige, was auf dieser Platte so herrlich den Verstand beirrt.
Tommy T lädt den Hörer ein zu entdecken. Da sind diese tanzenden Rhythmen des äthiopischen Funk, da hört man Klänge und Melodien wie auf alten staubigen äthiopischen Schallplatten. Das Album lebt von den verschiedenen Musikstilen, ob kraftvoller Reggae (»The Call«), treibender Dub (»Oromu Dub«) oder rauchiger, knisternder Jazz (»September Blues«).
Den unterschiedlichen Musikstilen zum Trotz bilden die einzelnen Lieder eine homogene Fläche, es ist ein einziger Groove auf dem Album. Es scheint, als hätte hier jemand die Teile eines zerbrochenen Mosaiks wieder zusammengesetzt und als wären die verschiedenen Musikstile nur die Zweige eines Baumes und der Stamm ist die äthiopische Musik der Sechziger und Siebziger Jahre.
Eine der wenigen Gäste ist Gigi, eine äthiopische Sängerin, die in ihrer Heimat ein großer Star ist. Gigi ist eine Wohltat für das Album. Sie gibt den Liedern »Edge« und »The Response« ein Herz, eine Seele und offenbart so auch die Schwäche des Albums. Denn nach mehrmaligem Durchhören fehlt es den vielen Instrumentalstücken an Intensität. Der Hörer bleibt nur der Ahnende. Er ahnt, dass Äthiopien ein musikalisches Kraftwerk ist. Und er spürt, dass davon auf diesem Album etwas verloren ging.
»The Prester John Sessions« ist eine erste schöne Entdeckungsreise in die äthiopische Musik. Es ist Musik zum Zurücklehnen. Tommy T öffnet das Fenster zu seinem Haus. Er ist der Hypnotiseur, diese CD ist sein Medium. Dem Hörer soll es recht sein.
Tommy T. The Prester John Sessions. Easy Star Records, 2010. Weitere Informationen: www.easystar.com.
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