
Kultur
Mohamed Amjahid
Nâzım Hikmet ist einer der bedeutendsten türkischen Lyriker, den auch hier zu Lande jedes Kind kennen müsste. Die Sängerin und Komponistin Defne Şahin verjazzt seine kommunistisch-patriotischen Gedichte und haucht ihnen neues Leben ein.
Täglich aufs Neue ertönt in den Gesangs- und Krabbelgruppen der Republik, also in Kindergärten und Grundschulen zwischen Kostanz und Flensburg, zwischen Aachen und Görlitz, türkische Lyrik vom Feinsten: »Lasst uns die Erde den Kindern geben, wenigstens für einen Tag«. Während die kleinen Racker mit den Händen in der Höh' singen, interessieren sie sich vielleicht nicht gerade dafür, dass Nâzım Hikmet – einer der bedeutendsten modernen Dichter, die die Türkei hervorgebracht hat – hinter den pazifistischen Versen steckt.
Aber nicht nur bei Kindern kommen die Reime aus der Feder Hikmets gut an. Auch Jazzfans kommen nun auf ihre Kosten. Die Berliner Künstlerin Defne Şahin hat sich daran gemacht, die Gedichte des großen Nâzım Hikmet zu vertonen, der in den meisten Listen »der wichtigsten Türken überhaupt« immer oben vertreten ist. »Ich habe als Kind zum ersten Mal ein Gedicht von Hikmet gehört«, erklärt Şahin, »das hat mir aber nicht so gefallen, und ich wollte schon immer meine eigene Version daraus basteln«. Gesagt, gesungen: Nach ihrem Musikstudium an der Berliner Universität der Künste, machte sich die Sängerin an das große Werk.
Nâzım Hikmet wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Thessaloniki geboren und war – wie schon aus seinem Kinderlied hervorgeht – Pazifist. Dass er sich zum Ende seines Lebens in der Sowjetunion niederließ, passt nicht so ganz zu seiner Einstellung zu Krieg und Leid, dafür aber mehr zu seinem Glauben an das Kommunistische Manifest. In den letzten Jahren des greisen Osmanischen Reichs und in den ersten Jahren der Türkei des Mustafa Kemal Atatürk kam vor allem sein politisches Engagement in der damals verbotenen türkisch-kommunistischen Partei nicht gut an. Er wurde in seiner Heimat verfolgt und saß auch mehrmals im Kerker. Im Exil in Moskau konnte er bis zum Jahr 1963 sein Werk vollenden.
Deswegen passt es nicht ganz, dass viele Türken Hikmet und Atatürk gleichermaßen bewundern. Egal, welcher der beiden Namen fällt: Bei Türken, die ihr Land lieben, geht das Herz auf. »Viele blenden halt das kommunistisch-politische Engagement Hikmets aus und konzentrieren sich auf seinen romantischen Patriotismus«, erklärt Şahin. Da handelt das eine Gedicht von der kleinen Frau, die sich in den Riesen verliebt, und das andere Gedicht vom Mann, der unter dem endlos blauen Heimathimmel steht und auf das Meer blickt. Es ist Lyrik, die mit und ohne Politisierung funktioniert, so wie die Romane des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk.
Die Reime des Meisters Hikmet liegen seit diesem Monat auch in deutschen Plattenläden: »Yaşamak« bedeutet »leben« (als Verb), und so hat Defne Şahin ihr Album mit den von ihr vertonten Gedichten Hikmets genannt. Das Highlight auf der CD ist der Dichter selbst, der in einer Originalaufnahme sein Werk rezitiert. Für alle, die der türkischen Sprache nicht mächtig sind, wird das Gedicht »Bir Yolculuk Üstüne«, das von einer besonderen Reise handelt, danach von der Jazzsängerin auf Englisch übersetzt.
Aber auch live klingen die Verse gut, die man – wenn man, wie gesagt, nur will – auch politisch für eine »bessere Welt« deuten kann. Auf der CD und den noch bekömmlicheren Konzerten von Defne Şahin und ihrer Jazzkombo lässt sich meistens ein bisschen Weltverbessern:
»Leben wie ein Baum,
einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht«
Bei einem Glas Rakı und gedimmten Licht, lässt sich wahrlich gut darüber grübeln.

hat an der Universität der Künste Berlin und an der Escola Superior de Música Barcelona studiert. Nun hat sie die Gedichte von Nâzım Hikmet in Jazzform vertont.

Defne Şahin Group
Erschienen bei Doublemoon Records
12 Tracks, 15 Euro
Seit dem 28. Oktober im Handel erhältlich
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