
Kultur
Sara Winter
Aserbaidschan hat den Eurovision Song Contest gewonnen. Der Sieg bei dem im alten Europa halb belächelten, halb gefeierten Wettbewerb löste eine Welle nationaler Freudengefühle aus. Diese zu hinterfragen, sei keinem empfohlen.
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich mochte den Eurovision Song Contest noch nie. Als Kind eines Musikers war mir eingebläut worden, der Wettbewerb habe so viel mit Musik zu tun wie Groschenromane mit Literatur. Ein ganz schlimmer Auswuchs kommerzialisierter Popkultur. Als ich den Grand Prix mit Anfang zwanzig das erste Mal angeschaut habe, war ich erst aufgeregt wegen des Tabubruchs, und dann gelangweilt. Er war vor allem lang, der Wettbewerb. Und die meiste Musik fiel wirklich in die Sparte »Fahrstuhlpop«.
Dieses Jahr hat Aserbaidschan den Contest gewonnen, das Land, mit dem mich seit Studienzeiten vieles verbindet. Ich erfuhr davon, weil Freunde aus Deutschland mir scherzhafte Gratulationen auf meine Facebook-Wall schrieben. Als ich mich das nächste Mal einloggte, war die Nachricht bereits in jeden Winkel des Netzes gedrungen. Die aserbaidschanische Community auf Facebook feierte – Freunde aller politischen Richtungen waren sich einig: Dies sei ein ganz besonderer Moment für das kleine Land am Kaspischen Meer.
Ich konnte es nicht ganz ernst nehmen. Es passte mir etwas zu gut in die riesige PR-Kampagne, die die aserbaidschanische Regierung seit Jahren fährt. Seien es ganze Kulturjahre in einzelnen Ländern Europas – wie etwa in Deutschland und der Schweiz –, die mit einem speziell aserbaidschanischen Programm aufwarten, sei es die Teilnahme an der Biennale in Venedig oder am renommierten Jazzfestival in Montreux. Aserbaidschan legt Wert auf breite Präsenz, kauft sich überall ein. Die Kampagne der Regierung zielt darauf ab, dem Image des autoritären Ölstaats das einer gestandenen Kulturnation entgegen zu stellen.
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Doch der Auswahlprozess der Künstler und Kunstobjekte, die auf solchen Veranstaltungen gezeigt werden (dürfen), richtet sich nicht immer nach der Qualität der Kunst – oft genug spielen politische Faktoren eine Rolle. Was wird gezeigt, welche Fragen werden gestellt, was wird gesungen? Europäische Veranstaltungspartner werden nicht selten vor vollendete Tatsachen gestellt, häufig auf Kosten der Qualität.
Dabei verfügt Aserbaidschan über einen reichen Schatz an Kultur. Eine Reise in das »Land des Feuers« lohnt sich sehr, wenn man von den gigantischen Neubauprojekten in der Hauptstadt Baku einmal absieht. Sei es der Artenreichtum der südkaukasischen Natur, die hohe Kunst des »Mugham«, der traditionellen Musik der Region, die neolithischen Höhlenmalereien von Qobustan, die jungen Komponisten zeitgenössischer Musik oder die Bakuer Jazzschule, die schon zu Zeiten der Sowjetunion ihren ganz eigenen Stil entwickelte. Es gibt eine besondere Küche, freundliche, sehr gastfreundliche Menschen mit einer spannenden Geschichte zwischen Orient und Okzident, Sozialismus und Kapitalismus. Aserbaidschan bietet einiges zum sehen, hören, schmecken, fühlen, erleben.
Aserbaidschanischer Pop jedoch gehört nicht gerade zu den lokalen Exportschlagern. Ein Grund mehr, warum mich der Sieg am ESC eher belustigte als freute. Ich fragte mich, nur halb im Ernst, ob Aserbaidschan dem Sieg nicht irgendwie nachgeholfen habe. Immerhin belegt das Land Platz 134 auf dem Korruptionsindex von Transparency International – zwischen Uganda und Bangladesch. Etwas gedankenlos und, im Nachhinein betrachtet, unsensibel, stellte ich meinen Facebook-Freunden die Frage, ob Aserbaidschan den Titel wohl gewonnen habe oder doch eher gekauft? Ich meinte es nicht ganz ernst, wie solle man auch ernsthaft über den ESC reden, dachte ich mir. Die Quittung für meine Sorglosigkeit kam sofort.
Es hagelte Vorwürfe, verletze Kommentare von aserbaidschanischen Freunden, die mir vorwarfen, ihnen auch noch den einzigen nationalen Freudentag madig machen zu wollen. Ob das der Dank sei für die Gastfreundschaft, die ich bei ihnen genossen habe? Beweise wollten sie für meine Anschuldigung. Und wenn ich keine hätte, solle ich mich gefälligst mit ihnen freuen, anstatt respektlos und fies alles ins Lächerliche zu ziehen. Endlich sei man wer! Die Nation könne zusammen feiern! Und ich, die ich quasi zur Familie gehöre, mache alles kaputt mit meiner haltlosen Bemerkung. Gleichzeitig gestanden mir Freunde aus Deutschland und England, die selbst längere Zeit in Aserbaidschan gelebt hatten, dass ihnen der Gedanke ebenfalls gekommen sei. Ein Bekannter, der im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit für die Kaukasusrepublik tätig ist, erzählte, bei ihm liefen die Telefone heiß: Jeder vermutete einen geschickten PR-Schachzug hinter dem Sieg.
Beweise hatte ich keine. Wozu auch? Ich wollte Aserbaidschan den Titel gar nicht ernsthaft absprechen. Scheinbar hatte ich jedoch genau das angesprochen, was dort in diesem Moment wirklich keiner hören wollte. Man solle doch lieber darüber diskutieren, wie Deutschland die Weltmeisterschaft 2006 zu sich geholt habe, anstatt den ESC-Titel zu hinterfragen, schrieb einer. Es gelang mir nicht, zu erklären, dass mir das nichts ausmachen würde. Auch Witze über Lena Meyer-Landruth kämen bei mir gut an. Die Frage, ob ich vom Geheimdienst bezahlt würde, um solche destruktiven Dinge zu schreiben, ließ ich unbeantwortet.
Über 100 Kommentare häuften sich im Laufe weniger Stunden an. Ich war erstaunt über die patriotische Wut, die sich hier entlud – und ein wenig reumütig ob meiner achtlosen Bemerkung. Gleichzeitig fragte ich mich, warum meine vielen Kommentare zu weitaus kritischeren Themen in Aserbaidschan, wie der Verhaftung unschuldiger Oppositioneller, der Einschränkung sämtlicher Bürgerrechte und der Gefahr für Journalisten, niemals solch eine Diskussion auslösten.
Die Kampagne für die Freilassung der unschuldig verhafteten Blogger Emin Milli und Adnan Hajizade erreichte politische Dimensionen bis hin zur amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton. Eine ähnlich erhitzte Diskussion über nationale Werte und das internationale Image von Aserbaidschan löste sie jedoch nicht aus. Ich wünschte, bei der Freilassung der beiden wäre ein ähnliches Freudengefühl entstanden wie nun bei der Verleihung des Eurovision-Preises.
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