Immer draufhalten, immer nah dran sein. Zeit zum Hinterfragen ihrer Arbeit haben Journalisten nur selten. | Foto: dpa-PA

Kultur

Kriegsgefangen von Lutz Kleveman

12.10.2011

Wenn der Tod das Leben bestimmt

Ramon Schack


Lutz Kleveman war Spiegel-Korrespondent, Kriegsreporter und Abenteurer. Die Sinnkrise kam mit Mitte dreißig – was faszinierte ihn so an Gewalt? Antworten fand er in der eigenen Familiengeschichte.


Was treibt einen jungen Mann dazu, als Reporter in die Kriegs- und Krisengebiete der Welt zu reisen, sich in Gefahr zu begeben, Leib und Leben zu riskieren, in die Abgründe der menschlichen Natur zu blicken? Berufliches Interesse, Neugier, Abenteuerlust, die Sehnsucht nach den »starken Gefühlen«, »les émotions fortes«, wie es die Franzosen ausdrücken, oder gar eine Mischung aus all diesen Komponenten?


Lutz Kleveman, Jahrgang 1974, hat sich diese Frage gestellt und nach einer persönlichen Antwort gesucht. Fast zehn Jahre lang reise Klevemann als Kriegsberichterstatter an die Orte, in denen Krieg, Gewalt, Zerstörung und Tod zum Alltag gehören. Nach Afghanistan, Westafrika - wo ihn Peter Scholl-Latour aus einer gefährlichen Situation befreite -, Lateinamerika und machte dabei Karriere als freier Journalist und Buchautor. Dass die Zeit drängt, diese Periode seines Lebens begrenzt ist, das weiß er von Anfang an.  Nach dem Tode seines Vaters hatte er seiner Mutter versprechen müssen, eines Tages die Verantwortung für den Familiensitz, Gut Ankelohe, im nordwestlichen Niedersachsen zu übernehmen. Mit dieser Aussicht im Nacken, der er anfangs wenig abgewinnen kann, geht es los. Nach seinem Studium in London treibt es ihn in die entlegensten Winkel des Erdballs.


In seinem neuen Buch »Kriegsgefangen«, eine gelungene Mischung aus Familienchronik, Autobiographie und Sachbuch, nimmt Lutz Kleveman seine Leser mit auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland - auf den Spuren seines Großvaters, der diese Strecke als Kriegsgefangener im 1. Weltkrieg zurückgelegt hatte. Es ist für Kleveman auch gleichzeitig eine Reise zu sich selbst. Während der Zug die Weiten Sibiriens durchquert, reflektiert der Autor seine eigene Tätigkeit, bietet einen tiefen, spannenden, vor allem aber ehrlichen Einblick in die Arbeit eines Kriegsreporters.


Er tauschte Spiegel-Redaktion gegen Irak-Schlachtfeld

Kleveman liefert dabei  auch eine subjektive und schonungslose Analyse der heutigen Medienwelt. Seine Tätigkeit als New York-Korrespondent von Spiegel Online, die mit einer fristlosen Kündigung endet, öffnet ihm die Augen. »Nach den entspannten Jahren beim Telegraph törnte mich die Spiegel-Maschinerie zunehmend ab. Auf dem selbst ernannten Flaggschiff des deutschen Journalismus ging es unter Kapitän Stefan Aust oft erstaunlich dilettantisch zu. Für eine Titelgeschichte über die Sitzungen des UN-Sicherheitsrates flogen einmal sämtliche Spiegel-Starreporter, die sogenannten Edelfedern, in New York ein. Bei der montäglichen Lagebesprechung im Spiegel-Büro in Manhattan saßen  mehrere Kisch-Preisträger zusammen. Es hätte eine großartige Geschichte über ein seltenes diplomatisches Drama werden können, aber leider gelang es den Kollegen nicht, auch nur in die Nähe der entscheidenden Figuren oder Orte zu kommen. Es fehlte ihnen an Kenntnissen und Kontakten, und sie wussten sich in New York offenbar nicht zu bewegen. Die Recherche war ein Desaster, der Artikel zwar gewohnt süffisant formuliert, aber inhaltlich extrem dünn.«


Kleveman zieht es daraufhin wieder dorthin, wo Geschichte geschrieben wird. Sein Aufenthalt im Irak wird dabei für ihn zum Wendepunkt. »In einem Gebiet, so groß wie zwei Fußballfelder standen dutzende Männer und Frauen, mit Dischdascha-Kitteln bekleidet, und brachen mit Spaten, Schaufeln und manchmal ihren bloßen Händen den Erdboden um. Viele der Toten waren noch nicht völlig verwest, Haare und krustiges Fleisch hingen an ihren Knochen.« Dort, in diesem geschundenen Land, nach solchen schlimmen Erlebnissen beginnt er sich zu fragen, was ihn eigentlich immer wieder in Krisengebiete treibt.


Liegt die Antwort möglicherweise in der eigenen Familiengeschichte begründet? Während der Reise durch Sibirien geht Kleveman dieser Frage nach, flankiert von autobiografischen Passagen. Am Ende seines Buches, nach einem literarischen Tour d´Horizon, schreibt Klevemann: »Meine Wanderjahre, die Wunderjahre, sind vorüber. Ankelohe hat gewonnen, der sogenannte Ernst des Lebens kann beginnen. Aber vielleicht wird es ja auch ganz schön sein. Einen Versuch ist es wert. Man muss dem Schicksal ja auch mal ein Angebot machen.«


Als Leser nimmt man diese Aussage mit gemischten Gefühlen auf. Fast würde man sich wünschen, Kleveman würde wieder als Reporter auf Reisen gehen, denn Journalisten seines Schlages sind heute sehr selten, werden aber dringend gebraucht.

Kriegsgefangen


Lutz Kleveman

Berlin (Siedler Verlag), 2011

480 Seiten, 22,99 Euro

www.kleveman.com




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