Kalligraphie und Buchmalerei sind wichtige Kunstformen in Afghanistan | Foto: S. Sabawoon/dpa-PA

Kultur

»Gott im Reiskorn«

27.10.2011

Geschenk der Gegensätzlichkeit

Miriam Shabafrouz


Mariam Kühsel-Husseini, 24 Jahre jung, ist ein Werk gelungen, das Wahrnehmungen verschiebt und erweitert. Sie erzählt darin die bemerkenswerte und traurige Geschichte ihrer Familie in Kabul.


Mariam Kühsel-Husseini, 24 Jahre jung, ist ein Werk gelungen, das Wahrnehmungen verschiebt und erweitert. Sie erzählt darin die bemerkenswerte und traurige Geschichte ihrer Familie in Kabul, beginnend mit jener ihres Großvaters, eines virtuosen Kalligraphen, der sogar auf winzigen Reiskörnern in schönster Schrift Gedichte und Koransuren verewigen konnte: »Seine Handschrift besaß die Kontinuität eines ganzen Zeitalters, war dem Auge zu jedem Moment imponierend und kraftvoll. Und der menschlich vom Gefühl durchtränkte Blick kann einem solchen geschriebenen Gemälde nicht mehr ausweichen.«


Mit viel Liebe und einem Hauch Melancholie beschreibt sie die dichterische Begabung ihres Vaters, der allmählich unter dem Niedergang Afghanistans und dem späteren Exil zerbrach. »Wenn man sich ein Leben lang nur an die Gesetze der Dichtung gehalten, wenn man sich in jeglicher Ansprache nur an das Wort selbst gerichtet und sich an den überragenden Raubzügen der Kunst einer Hochsprache beteiligt hatte, können einen die Minuten in einer gräulich sterilen, unterschiedslosen Ausländerbehörde für alle Ewigkeit kränken.« Sie selbst und ihre Schwestern konnten dagegen in ihrer neuen Heimat auf der schwäbischen Alb Fuß fassen und auch hier Schönheit und Poesie entdecken, ohne ihren orientalisch-afghanischen Ursprung zu verleugnen. »Die Welten trafen in den Mädchen niemals als Gegengift zueinander auf, sondern als Geschenke einer Gegensätzlichkeit, die sie früh erkannten.«


Kühsel-Hussaini, die mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Thorsten Kühsel in Berlin lebt, begreift Orient und Okzident als zwei unterschiedliche Welten, die sich niemals angleichen, dafür aber lieben können. Dies wird bereits zu Beginn des Romans in der Erzählung von dem deutschen, zutiefst europäischen Reisenden Jakob deutlich, den eine innige, aber oft missverständliche Freundschaft mit Mariams Großvater verband und der sich allmählich und nicht ohne Widerstand der orientalischen Kultur und Dichtkunst öffnete. Im Vorwort schreibt sie: »Dem Zwischenweltlichen, jenem zarten Punkt und übermütigen Gebilde, das die beiden Gezeiten voneinander scheidet, soll dieses Buch in seiner Darstellung gewidmet sein.«


Ihr Beherrschen der persischen und der deutschen Sprache sowie Begabung und Mut zu sprachlichen Neuschöpfungen und dem Rückgriff auf beinahe altmodisch anmutende deutsche Begriffe führen dazu, dass jeder einzelne Satz überrascht und die sprachlichen Grenzen des Lesers, der sich mit Herz und Seele auf das Buch einlässt, wohltuend ausdehnt.


Ein schöner und wahrer Roman, der ein Afghanistan vor seiner kontinuierlichen Zerrüttung, vor allem aus Sicht einer privilegierten und kultivierten Familie, wieder belebt und damit zugleich an die Zerbrechlichkeit von allem erinnert.

Gott im Reiskorn


Mariam Kühsel-Hussaini

Berlin University Press 2010,

315 Seiten, 22,90 Euro





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