»Es geht um das Recht der Frau am eigenen Körper«, sagt Fahed Halabi über sein Bild »My Druze Madonna«

Kultur

Israel / Palästina Kunst Ausstellung

Arabischer Künstler Fahed Halabi

30.07.2014

»Das hat ihr Weltbild ins Wanken gebracht«


Der arabische Künstler Fahed Halabi malt nackte Liebende, Frauen mit Kopftuch und verwundbare Männer mit Fez und Schnurrbart. Mit den Themen seiner vielschichtigen Malerei sorgte er in seiner Heimat für einen handfesten Skandal.


Ein Atelier im Hamburger Gängeviertel. Das baufällige Haus steht kurz vor der verordneten Renovierung, auf den diversen Etagen herrscht Auszugsstimmung. Oben im vierten Stock steht Fahed Halabi zwischen halb gepacktem Malutensilien und arbeitet, die Leinwand mal an die Staffelei geklemmt, mal auf dem staubigen Bretterboden abgelegt. Auf dem weißen Grund manifestiert sich mit jedem Pinselstrich das Gesicht einer jungen Frau, das Haar verschleiert, die Augen groß.

 

»Mich beschäftigt die Frage nach Identität, nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft, aus der ich komme«, erklärt der 44-jährige Künstler während des Gesprächs mit zenith. Seine Gesellschaft, das ist die syrisch-drusische Ortschaft Majdal Shams im Golan. Der 8000-Einwohner-Ort liegt offiziell auf syrischem Staatsgebiet, wird seit 1967 jedoch von Israel kontrolliert. Halabi wächst in einer konservativ-drusischen Familie auf. Das Drusentum ist eine Religion, deren genaue Praktiken nur Eingeweihten bekannt sind. »In konservativen Gesellschaften wie meiner sind die Bedingungen immer noch sehr schwierig, die Frauen stehen unter Druck. Meine Bilder zeigen meine Solidarität mit den Frauen, mit meiner Mutter, meiner Schwester. Ein Teil von ihnen leidet immer noch unter den religiösen und patriarchalischen Strukturen. Die Frage ist nicht neu, aber sie begleitet mich immer.«

 

Halabis monochrome Malereien zeigen etwa ein nacktes Paar, das sich umarmt, der Mann trägt mit Schnurrbart und Fez-ähnlichem Hut, der traditionellen drusischen Kopfbedeckung, die Symbole der Männlichkeit zur Schau, doch sein Kopf lehnt schutzsuchend an der Schulter der Frau.

 

Während der heißen Jahre der ersten Intifada verbringt Halabi vier Jahre im israelischen Gefängnis, mit Mitte 20 kehrt er dem Golan vorübergehend den Rücken, studiert Kunst am Tel Hai College und an der Beit Beirl School of Fine Art in Tel Aviv. Er arbeitet als Kunstpädagoge und gründet mit Freunden ein Zentrum für Kunst in seinem Heimatort. 2008 hat Halabi seine erste Einzelausstellung in Tel Aviv. Unter dem Titel »Yalla Bye« zeigt er Bilder von weiblichen Knesset-Mitgliedern, ein Pin-Up mit Palästina-Flaggen-Bikini, aber auch Video-Arbeiten von seinem Arbeitsalltag auf israelischen Baustellen und in Restaurantküchen. In einem Film hebt und senkt Halabi die Lenden, verführerisch wie eine Bauchtänzerin, um seine Hüften keine schillernden Ketten geschlungen, sondern ein Werkzeuggürtel. In einem anderen Video lässt er sich an einem Stand in Tel Aviv Gebetsriemen anlegen, wie sie orthodoxe Juden tragen. Männer und Frauen, Araber und Juden. Scheinbar klar abgegrenzte Identitäten, die es für Halabi zu hinterfragen gilt.

 

Und dann ist da noch dieses eine Bild, das für jede Menge Probleme sorgen sollte: »My Druze Madonna«. »Ich habe es 2002 gemalt als ich in Tel Aviv studiert habe«, erklärt Halabi, »es geht um das Recht der Frau am eigenen Körper, an Sexualität«. Das Bild konturiert in expressiven teer-schwarzen Strichen den nackten Körper einer Frau, die Haare verschleiert, die Beine geöffnet, die Hand im Schritt. »Das Bild wurde auf der Website von Haaretz gezeigt und plötzlich wussten alle von dem Bild: Für die Menschen in meinem Dorf, alle Drusen in Israel, war es ein Skandal. Die religiösen Mitglieder meiner Familie haben mich bedroht, für einige Zeit konnte ich nicht mehr dorthin zurück. Es hat ihr Weltbild ins Wanken gebracht, aber ich denke, dass ist eine der Aufgaben von Kunst in der Gesellschaft.« Inzwischen sei Gras über die Geschichte gewachsen, schiebt Fahed Halabi nach, »wahrscheinlich auch weil sie denken, dass ich das Bild zerstört habe.«

 

Von der liberalen Öffentlichkeit in Israel wird seine Solo-Ausstellung positiv aufgenommen. Der Besitzer der israelischen Tageszeitung Haaretz kaufte mehrere seiner Bilder, die Rezensionen sind positiv. Auf Augenhöhe fühlt Halabi sich dennoch nicht: »Ich hatte das Gefühl, dass es für einige links-liberale Menschen zum Mainstream gehörte, meine Kunst zu mögen, wie wenn sich dadurch ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Arabern reinwaschen könnten.«

 

Fahed Halabi wählt seine Worte mit Bedacht, er wirkt nicht hasserfüllt, eher zermürbt, wenn er über seine Erfahrungen spricht. »Ich hatte einige israelische Freunde, alle aus der Kunstszene, dort ist man auf einer Ebene. Aber im realen Leben sieht es ganz anders aus. Du musst immer beweisen, dass du ein guter Araber bist, du bist nie auf Augenhöhe. Das ist bedrückend.« Sein Reisedokument scheint dieses innere Gefühl der Nichtzugehörigkeit in bürokratisch-nüchterner Sprache zu bestätigen: Unter dem Punkt »Staatsangehörigkeit / Identity« steht da »undefiniert«.

 

Seit Anfang 2012 lebt Fahed Halabi in Hamburg, ein Zurück nach Israel kann er sich nicht vorstellen, auch wenn das Land und die hebräische Sprache Teil seiner Identität sind. Deutschland wird langsam zur neuen Heimat: »Ich fühle mich wohl hier, die Deutschen sind sehr offen und sehr praktisch veranlagt«, sagt Halabi lächelnd. Er packt Pinsel und Farben zusammen, ein weiterer Umzug steht an. Diesmal nur in ein neues Atelier.

 

Die Werke von Fahed Halabi und weiteren Künstlern sind von 30. Juli bis 5. August 2014 in Hamburg im Oberhafen-Quartier, Halle 4, Tor 25 in der Stockmeyerstraße zu sehen. Der Eintritt ist frei.

www.galerie-kit.de




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