Subtile Gesellschaftskritik bis hin zur ungeschminkter Wut auf das politische System sind in den Werken der jungen Iraner omnipräsent|Foto:AB Gallery

Kultur

Moderne Kunst aus dem Iran

21.06.2011

Die Steinigung an der Wohnzimmerwand

Rebekka Salm


Die Kunstwerke junger Iraner erzählen von politischen und gesellschaftlichen Missständen, aber auch vom Stolz auf ihre kulturellen Wurzeln. In der Schweizer »AB GALLERY« setzen sie sich unverhüllt mit ihrem Heimatland auseinander.


Einmal im Jahr erwacht das beschauliche Städtchen Basel aus seinem Dornröschenschlaf und mausert sich zum pulsierenden Mekka für Liebhaber zeitgenössischer Kunst. Wenn die Grand Dame der Gegenwartskunst, die »ART Basel«, jeweils im Juni für fünf Tage ihre Tore öffnet, wird die Schweiz global. 300 Galerien aus 35 Ländern rangeln um die Aufmerksamkeit von Kunstfans und Sammlern mit so klingenden Namen wie Brad Pitt, Karl Lagerfeld oder Roman Abramovitsch.


Auch der Nahe und Mittlere Osten, allen voran der Iran, erstaunte und begeisterte dieses Jahr die Besucher mit innovativer Kreativität. Verantwortlich für die aufsehenerregende Präsentation iranischen Kunstschaffens war die Galerie »AB GALLERY«, deren Fokus auf Kunst und Kultur der islamischen Welt liegt. Der Name der Galerie ist Programm, denn »AB« steht für »across borders«. Hier bietet sich aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern sowie etablierten Meistern eine in Europa einzigartige Plattform, um sich über nationale und kulturelle Grenzen hinweg Gehör zu verschaffen und zu experimentieren.


Politische Willkür in schwarz-weiß

Das Galeristen-Ehepaar Heidi und Franz Leupi hat seine Leidenschaft für die moderne iranische Kunst eher zufällig entdeckt. Im Jahre 2008 erhielten sie in Begleitung des Künstlers Shahriar Ahmadi erstmals Einlass in versteckte Untergrund-Ateliers und waren begeistert von der vielfältigen, passionierten und ausdrucksstarken iranischen Kunstszene, die sich ihnen hinter verschlossenen Türen offenbarte.


Einer ihrer Entdeckungen ist der Exil-Iraner Baktash Sarang, der mit intensiven Bleistiftstrichen das totalitäre iranische Regime und dessen politische Willkür an den Pranger stellt. Die Bilder von Sarang erinnern an Werke von Käthe Kollwitz über den Krieg und den Tod. Ähnlich wie die deutsche Künstlerin reduziert Sarang das vielgestaltige Leid einfacher Leute und die facettenreiche Brutalität der Uniformierten auf ein unmissverständliches Schwarz-Weiß. Diese Klarheit trifft den Betrachter mitten ins Herz. Was bleibt, ist Beklemmung und Sprachlosigkeit.


Nicht alle Werke erschliessen sich jedoch dem Betrachter so einfach und unmittelbar wie die Zeichnungen von Sarang. Die Iranerin Samira Alikhanzadeh experimentiert mit Spiegelornamenten, wie sie heute noch in den Spiegelsälen persischer Königspaläste zu bestaunen sind. Die Künstlerin arrangiert diese auf beinahe satirisch überzeichneten Gesichtern, die an Andy Warhols Portraits von Marilyn Monroe erinnern. So wird aus dem Abbild eines realen Menschen eine uniforme Schablone ohne Identität. Alikhanzadeh arbeitet mit Begriffen wie Realität und Fiktion, Individualität und Verfremdung und lässt sich bei der künstlerischen Umsetzung von Orient und Okzident inspirieren.


Spiegelmosaik trifft auf Andy Warhol

Dieses Zusammenfließen von iranischen und europäischen Techniken und Motiven ist dem Ehepaar Leupi bei ihren Künstlern sehr wichtig. »Der Künstler soll seinen Wurzeln treu bleiben, aber nicht in die Folklore abrutschen.« Viele europäische Betrachter seien noch immer im Orientalismus verhaftet und erwarten unter dem Label »islamische Kunst« Bilder von Kamelen und Falken, pompös gerahmt in schwerem Gold. Die Verlockung sei für den Künstler aus finanziellen Gründen groß, diese stereotypen Vorstellungen zu bedienen und folglich die eigene kreative Identität zu verleugnen.


Die iranische Malerin Samira Hodaei meistert diesen Balanceakt zwischen alter und neuer Heimat scheinbar mühelos. In ihren Bildern vereinen sich kufische Schriftzüge und klassische iranische Topoi mit einer im Westen unmissverständlichen Bild-Sprache. Während ihres mehrmonatigen Aufenthalts in der Schweiz, der ihr durch das »Artists in Residence« Programm der »AB GALLERY« ermöglicht wurde, erschuf sie eine Werkserie, die sich auf subtile Weise mit dem Thema Steinigung auseinandersetzt.


Die verurteilten Frauen bannt die Künstlerin nicht selten als stumme und verletzliche Vögel auf die Leinwand. Eine Metapher, mit der bereits große Namen der Literatur wie Simin Daneshwar oder Forough Farrokhzad ihr Sehnen nach Selbstbestimmung und Freiheit zum Ausdruck gebracht haben. Die männlichen Täter hingegen belässt Hodaei gesichtslos und schemenhaft.


Ein Steinwurf entfernt von Ost und West

Subtile Gesellschaftskritiken bis hin zur ungeschminkten Wut auf das politische System sind in den Werken der jungen Iraner omnipräsent. Wer von der gepflegten Feindschaft des iranischen Regimes gegen kritische Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle weiß, fürchtet um die Sicherheit der jungen Kunstschaffenden, die im Rahmen der »AB GALLERY« ihre Vorwürfe und Hoffnungen offen artikulieren.


Die iranischen Künstler, so das Ehepaar Leupi, seien jedoch wahre Könner darin, ihre Werke doppeldeutig zu komponieren und je nach Ort und Publikum unterschiedlich zu erörtern. So stünden etwa Samira Hodaeis Chimären aus Mensch und Vogel in Europa für gesteinigte Frauen, im Iran hingegen einfach nur für Vögel. Welche der Interpretationen aber die richtige ist, lässt das Ehepaar Leupi offen. »Wir selbst machen keine politischen Aussagen«, winkt Heidi Leupi ab, »die Kunst spricht für sich und die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.«


Die »AB GALLERY« kann noch mit vielen weiteren interessanten Künstlern aufwarten, so etwa mit dem iranischen Performancekünstler Shahram Entekhabi, dem irakischen Biennale-Künstler Halim al-Karim oder mit Hassan Sharif, der als Pionier der zeitgenössischen emiratischen Kunst gilt.


Wer den Puls des modernen Iran fühle möchte, ohne sich auf einseitige Darstellungen von Medien zu verlassen, oder wer sich mit experimentellen Künstlern aus der islamischen Welt auseinandersetzen möchte, ohne dass er einer orientalischen Sprache mächtig ist, der kaufe sich eine Fahrkarte in die Schweiz, nach Luzern in die »AB GALLERY« – denn die Sprache der Kunst ist weder persisch noch schweizerdeutsch: Die Sprache der Kunst ist universal.

AB Gallery


Arealstrasse 6

CH-6020 Emmenbrücke-Luzern


www.ab-gallery.com




Mit Herz und Hand
MySpace StudiVZ

Artikel weiterempfehlen       Artikel drucken

Das zenith-Jahresheft

zenith-Jahresheft: Das Nahost-Album 2011

 

Gewinner und Verlierer, Israelis und Palästinenser, Gesichter des Arabischen Frühlings und Menschen, von denen wir noch hören werden. Sowie zum letzten Mal: Gaddafi.

 

Für Abonnenten und im Shop!

Gefunden im Netz

Exodus aus dem Heiligen Land

Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.

Stellenausschreibung

Stellenausschreibungen

Jobs & Praktika

Der Deutsche Levante Verlag vergibt ab sofort Praktika!

Kalender

Die zenith-Satireseite

Die wahrhaft innovative Piratenpartei wird konsequenterweise am Horn von Afrika aus der Taufe gehoben, meint der Diwan.

...weiterlesen