Foto: dpa-PA

Kultur

Berlinale ohne Jury-Mitglied Jafar Panahi

12.02.2011

»Sie können mich nicht davon abhalten zu träumen«

Helen Staude


Der 11. Februar geht erneut in die Geschichte ein als Tag, an dem Herrscher gestürzt werden. Während die Ägypter nun anfangen dürfen zu hoffen, wurden die Iraner ihrer Revolution vor 32 Jahren beraubt. Regisseur Jafar Panahi ist einer von ihnen. Im Gefängnis sitzend ist er dennoch Ehrengast der Berlinale


Am zweiten Tag der Berlinale ging es zur Abwechslung mal nicht um Gesehen und Gesehen werden, das gaben die Gäste zumindest vor. Es ging um Jafar Panahi, iranischer Filmemacher und Jurymitglied der 61. Berlinale. Grüne Bänder mit seinem Foto zierten die Hälse der Menschen auf dem roten Teppich. Auf glitzernde Garderobe haben die Damen verzichtet, die Gesichter blieben ernst. Allen voran Isabella Rossellini, und Schauspielerin Nina Hoss. Rossellini steht an der Spitze der diesjährigen Jury, gefolgt von Hoss und eben auch von Panahi.


Bereits am Abend der großen Galaeröffnung im Berlinale-Palast blieb Panahis Platz in der Jury leer und wird es auch in den kommenden Tagen bleiben. Am 1. März 2010 hat die iranische Polizei den heute 51-jährigen festgenommen, aufgrund regimekritischer Filme. Drei Monate trat er in den Hungerstreik, bis man ihn vorerst auf Kaution freiließ. Am 20. Dezember wurde er verurteilt. Sechs Jahre Gefängnis, zwanzig Jahre Berufsverbot lautete die harte Strafe. Bis zuletzt hatte Festival-Direktor Dieter Kosslick, gehofft, Panahi könne doch noch an der Berlinale teilnehmen.


Auch am zweiten Tag bekundete Kosslick, er gäbe seine Hoffnung nicht auf, ihn noch in der Jury begrüßen zu können. Rossellini las am Donnerstag einen Brief des Inhaftierten vor, ein Moment, den er live am Telefon mithören durfte. »Die Wirklichkeit ist, dass mir für 20 Jahre das Denken und Schreiben untersagt wurde. Aber sie können mich nicht davon abhalten zu träumen, dass in 20 Jahren die Verfolgung und die Einschüchterung durch Freiheit und freies Denken ersetzt sein wird«, heißt es in dem Brief. Staatsminister Bernd Neumann bezeichnete in seiner Rede die Filmkunst als einen Eckpfeiler der Demokratie, Panahis Verhaftung als direkten Anschlag auf die Freiheit.


Vom Fußballstadion zur Sittenpolizei

Kosslick macht deutlich, dass es in der glitzernden Welt des Films um mehr geht, als den roten Teppich. Schon im Vorfeld rief er auf zur Solidarität mit dem iranischen Filmschaffenden. Er nutzte die mediale Aufmerksamkeit der Berlinale, die als eines der bedeutendsten Ereignisse der Filmbranche gilt. Über jeder einzelnen Sektion erinnert einer seiner Filme an Panahis Schicksal.


An diesem Freitag eröffnete Kosslick seine ganz persönliche, »grüne Reihe« mit dem Film »Offside«. »Seine Abwesenheit macht diese Berlinale zu etwas ganz besonderem«, so Kosslick. Der Saal war an diesem Nachmittag bis auf den letzten Platz besetzt, obwohl die meisten der Besucher diesen Film schon einmal hier sahen.


Vor fünf Jahren bewegte Panahi mit eben diesem Film Zuschauer, Kritikier und Jury – und gewann den Silbernen Bären. »Der Tag der Revolution heute sollte an Ahmadinedschad gerichtet sein. Warum hatten wir eine Revolution? Nicht, um heute diese Situation zu haben«, sagte Panahis Regisseurskollege Rafi Pitts vor der Aufführung des Films.


»Offside« erzählt die Geschichte junger Frauen im Iran, die sich als Jungs verkleidet ins Fußballstadion schmuggeln wollen. Es ist das WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Bahrain. Die Mädchen werden von Sicherheitsbeamten entlarvt und müssen der Sittenpolizei übergeben werden. Eingezäunt in einer Zelle im Stadioninnenraum, nur ein paar Meter vom Spielgeschehen entfernt, warten sie auf ihre Abholung. Die Aussicht auf Strafe kann die Euphorie der Mädchen für das Spiel nicht bremsen. Sie fiebern mit, kommentieren, diskutieren, kurzum: Sie leben ihr Stück Normalität in einer absurden Umgebung aus – eine tragikkomische Parabel auf das Leben im Iran.


Eigentlich will er doch nur Filme drehen

Niemals kam den jungen Sicherheitsbeamten ihr Job so sinnlos vor. Unfreiwillig absolvieren sie ihren Wehrdienst. Dabei wären sie doch lieber bei ihren Familien. Auf die Frage, warum Frauen nicht im Stadion seien dürften, haben auch sie keine wirklich plausible Erklärung, stammeln unsicher die Befehle ihrer Vorgesetzten. »Männer fluchen, das dürft ihr nicht hören.«


Es ist ein Ausführen von Befehlen, die den Männern genauso wenig Sinn zu machen scheinen, wie den verhafteten Mädchen, die doch eigentlich nur Fußball gucken wollten. Panahi bringt die jungen Männer mit ins Boot, löst die Dichotomie zwischen unterdrückter Bevölkerung und unterdrückenden Soldaten – ist diese Botschaft für das Regime schon zu subversiv?


Auf eine bittere Weise spiegelt genau der Film auch das Leben Panahis wieder. Ihm wird verboten, etwas zu tun, was für die Menschen im Westen genauso selbstverständlich erscheint, wie in einem Fußballstadion ihr Land anzufeuern. Eigentlich will Panahi doch nur Filme drehen. Das iranische Regime sieht wohl allein darin schon eine Gefahr. Er habe einen Film über die Wahlen 2009 und deren Folgen geplant. Tatsächlich hat er die »grüne Bewegung« von Mir-Hossein Mussawi unterstützt, so wie viele seiner Kollegen aus der iranischen Filmszene.


»Er sitzt heute im Gefängnis, weil er seine Meinung offen zeigt«, bringt es Rafi Pitts auf den Punkt. Panahi und den jungen Frauen bleibt nur zu hoffen, dass das iranische Volk eine zweite Chance erhält, für ihre Rechte zu kämpfen. Eine weitere Revolution werden sich die Iraner nicht stehlen lassen.




»Es kann kein Ende für diese Bewegung geben«
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