Kultur
Florian Bigge
Wegen eines Verbrechens, das er noch gar nicht begangen hat, sitzt Berlinale-Jury-Mitglied Jafar Panahi in Haft. Ein Gespräch mit Amin Farzanefar, Autor des Buches »Kino des Orients«, über iranische Kulturschaffende und die Repressionen in der Islamischen Republik Iran.
zenith: Als ich kürzlich in der Zeitung las, dass der iranische Fußballprofi Ali Karimi wieder in der deutschen Fussball-Bundesliga spielt, musste ich an eine Szene aus einem Film von Jafar Panahi denken…
Amin Farzanefar: Vermutlich eine Szene aus dem Film »Offside«.
Ja, die Szene, in der junge Frauen in Teheran von Soldaten festgesetzt werden, weil sie sich als Junge verkleidet ins Fußball-Stadion schmuggeln wollten. Mädchen dürfen in Iran nicht zum Fußball. Eines der Mädchen muss mal dringend auf die Herrentoilette, da es im Stadion auch keine Damentoilette gibt, und ihr Bewacher…
…ihr Bewacher bindet ihr dann ein Plakat mit dem Konterfei Ali Karimis um den Kopf…
… »weil an den Wänden Dinge stehen, die keine Frau lesen darf.« Jafar Panahi hat in seinen Filmen die Unterdrückung der Frauen thematisiert, den absurden Alltag aufgegriffen und die Ungleichheit unter dem Regime. Ist ihm das zum Verhängnis geworden?
Das konkret wahrscheinlich nicht, weil es eigentlich nichts »einfacheres« gibt, als die Ungleichheit der Frauen im iranischen Kino zu thematisieren. Es gibt geradezu melodramatische Genres, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Das ist ein zeitloses Thema, und es ist dann eher eine Frage, wie man als Filmemacher damit umgeht, wie konkret man dann auch seine Vorwürfe äußert. Solange ich an einem Einzelfall vorführe, dass eine Frau von ihrem Ehemann am Studium oder am Besuch ihrer Eltern oder Kinder behindert wird, hat der Film eine Chance, sogar im Iran ein Blockbuster zu werden. Panahi ist so einiges zum Verhängnis geworden, nicht nur das.

geboren 1965, studierte Islamwissenschaften und Germanistik. Er arbeitet über das Kino des Mittleren und Nahen Ostens und schreibt für zahlreiche Radiosender und Tageszeitungen. Farzanefar veranstaltet Retrospektiven und Filmreihen zum Türkischen, Iranischen & Arabischen Kino. 2004 erschien sein Buch »Kino des Orients – Stimmen aus einer Region«.
Panahi sagte einmal: »Schon an einen Film zu denken oder davon zu träumen, kann hier ein Verbrechen sein.« Man hat ihm vorgeworfen, in seinem Haus einen Film gegen die islamische Republik drehen zu wollen. Die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi nannte es eine Farce, da ein solcher Film gar nicht existierte und allein die Anschuldigung ausreichen würde, um einen berühmten Regisseur in Handschellen aus dem Haus zu führen…
…das drückt nicht nur Shirin Ebadi so aus, das drückt auch Stephen Spielberg in dem Tom Cruise-Film »Minority Report« aus. Es geht in dem Film um Verbrechen, die noch gar nicht begangen wurden und die dann von einer Gedankenpolizei schon im Voraus verhindert werden, was natürlich endlose moralische Probleme aufwirft. In so einem kafkaesken System ist das dann halt an der Tagesordnung, die Verdächtigungen und Unterstellungen, die Verwechselung von Ursache und Wirkung, von Gegenwart und Zukunft. Panahi hat sich sehr stark exponiert im Bereich der grünen Protestbewegung und er hat den Oppositionsführer Mussawi unterstützt. Er ist nie Kompromisse eingegangen, in dem Sinne, dass er sich bedeckt gehalten oder auf günstigere Gelegenheiten gewartet hätte, sondern er hat sich immer sehr mutig gezeigt, und ich glaube, dass man ihm daraus einen Strick gedreht hat. Wahrscheinlich hat er sich den ihm angebotenen Kompromissen verweigert und diese Strafe somit bewusst in Kauf genommen. Man wollte auch ein Exempel statuieren, um die iranischen Künstler so auf ihre Plätze zu verweisen. Und Panahi ist kein Einzelfall.
Als sein Haus in Teheran von Zivilkräften gestürmt und durchsucht wurde, wurde neben Panahi auch sein Regie-Kollege Mohammad Rasoulof festgenommen, der später wie Panahi verurteilt wurde.
Sicher war Rasoulof für das Regime auch keine angenehme Figur, und sein Unglück war, dass er mit in der Wohnung saß, als die Zivilkräfte Panahi festnahmen. Rasoulof ist ein junger Filmemacher, der auch in vielen Fernsehproduktionen mit dem Westen tätig war. Rasoulof hat schon immer symbolischer als Panahi in einer geschlossenen Bilderwelt den Despotismus angeprangert, aber er hat auch einen Dokumentarfilm über die Filmzensur und den DVD-Schwarzmarkt in Iran gedreht. Es gibt eine ganze Menge Fälle von festgenommenen und verurteilten Kulturschaffenden, die allerdings unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegen.
Gewöhnlich wird Intellektuellen und Regimekritikern gedroht; sie werden für ein paar Tage festgenommen, verhört und wieder freigelassen. Die Urteile gegen Panahi und Rasoulof sind drastisch und abschreckend. 20 Jahre Berufsverbot für einen 50-jährigen Filmemacher, das kommt fast einem Todesurteil gleich…
…und es hat schon etwas Orwellsches. Es ist ein groteske Situation, jemandem zu verbieten, ein Drehbuch zu schreiben. Das ist eine eindeutig paranoide Sichtweise.
Es scheint, als bringe das Regime das Kino vor Gericht. Sind das auch die Nachwehen der iranischen Protestdemonstrationen nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009?
Da würde ich Ihnen Recht geben, gleichwohl haben wir alle keine Maßstäbe, um das auch zu überprüfen. Panahi selber hat mir gegenüber in einem Interview gesagt, es sei jetzt – er redete von vor drei Jahren – so schlimm, wie er es seit der Zeit unmittelbar nach der Revolution nicht mehr kenne. Schon damals bemerkte er, dass es unter Präsident Ahmadinedschad für Künstler extrem schwierig geworden sei. Ich bin nicht vor Ort, aber ich werde immer wieder damit konfrontiert, dass die Situation prekär geworden ist, und dass die Kulturschaffenden wenig Lust haben, sich unter den herrschenden Bedingungen zu beteiligen. Ihre Aktivitäten werden stark eingeschränkt. Das ist unbedingt ernst zu nehmen, das ist zu verurteilen, es ist unbedingt darauf aufmerksam zu machen!
Ist die künstlerische Freiheit in Iran auf dem Rückzug?
Nein, es heißt nicht, dass im Iran keine Kunst stattfindet! Es gibt immer noch kleine Orte, wo überraschend provokativ und subversiv Aktionismus, Ausstellungen oder Lesungen stattfinden. Das kann in den Bergen außerhalb Teherans stattfinden oder in privaten Galerien, teilweise ist es sogar Flash-Mob-artig organisiert, alles ist spontaner und verdeckter als früher. Der Kultur- und Kunstbetrieb existiert weiterhin: parallel und im Untergrund. Allerdings ohne mediale Öffentlichkeit.
Was geht der Islamischen Republik Iran verloren, wenn jemand wie Panahi weggesperrt wird, ein Filmemacher, der global gefeiert wird und dem Land Ruhm gebracht hat?
Man ist fassungslos, dass ausgerechnet das kleine Fensterchen, durch das irgendwie noch ein positives Licht auf den Iran fiel, zugestoßen wurde. Das kleine Fensterchen, durch das sich das Land auch mal positiv darstellen konnte, wo es auch mal andere Schlagzeilen als die immer auch sehr einseitigen liefern konnte, die immer nur auf die Nuklearfrage und auf den Bart des Präsidenten schielten. Im Kulturbereich könnte der Iran punkten, dort hat er ein unglaubliches Potenzial, das er für sich selber noch gar nicht ausgeschöpft hat, auch ist das im Westen noch gar nicht angekommen. Jetzt ist das Fensterchen zu. Das ist aus ganz vielen Gründen sehr bedauerlich und ungeschickt.
Die internationalen Berlinale Filmfestspiele protestieren gegen die Verurteilung der iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof und haben verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, um auf das Schicksal der Filmemacher aufmerksam zu machen. Was muss noch getan werden?
Das ist schon einiges. Wir müssen uns selber fragen, ob man mehr tun kann, was wir tun wollen und was sinnvoll wäre. Wichtig ist, durch Solidarität, Protest und Berichterstattung ein Augenmerk auf die Geschehnisse zu richten.
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