Kultur
Florian Bigge
Mit »The Green Wave« startet am 24. Februar eine einzigartige Dokumentarfilmkollage, die den »grünen Sommer 2009« im Iran mitreißend und kunstvoll nachzeichnet. Im Interview erzählt Regisseur Ali Samadi Ahadi, wie aus Facebook und Twitter ein Film entsteht – und warum er keine Objektivität für sich in Anspruch nimmt.
zenith: Ihr Film »The Green Wave« ist eine Collage aus Facebook-Nachrichten, Twitter-Botschaften, Internetvideos, Blog-Einträgen und animierten Comics. Sie sammeln viele verstreute Stückchen aus dem Leben und den Erlebnissen anderer ein und fügen sie zu einem Ganzen zusammen. Und anders als bei Ihren früheren Dokumentarfilmen waren Sie nicht am Ort des Geschehens. Inwieweit mussten Sie Ihre Arbeitsmethoden ändern?
Ali Samadi Ahadi: Die Schwierigkeit war tatsächlich, dass ich nicht in den Iran reisen konnte. Es ist ein bisschen wie mit den Holzklötzchen, mit denen man spielt, die man aus der Schublade herausholt, auf den Tisch legt und sich dann überlegt, was man daraus bauen könnte. Ich musste mit vorhandenem Material – mit Material, das andere gebaut hatten – umgehen. Das bedeutete wirklich in unzähligen Stunden recherchieren, sammeln, auswerten, kategorisieren und dann eben Entscheidungen fällen. Das ist ganz anders, als selber Geschichten und Bilder zu erzeugen. Und im nächsten Moment schaut man: Welche Puzzlestücke habe ich? Welche brauche ich? Wo sind Lücken? Und womit sollen die Lücken gefüllt werden? Darüber habe ich sehr lange nachgedacht, bis ich auf die Idee kam, diese Lücken mit Blog- und Twitter-Einträgen zu füllen. Aber das sind eben nur Texte, die mussten visualisiert werden. Sich innerhalb so vieler Eingrenzungen zu bewegen, war schon eine Herausforderung, fast ein Blindflug.
Hatten Sie keine Angst, bei Ihrer Recherche auf Unwahres zu stoßen? Bilder und Videos können auch manipulieren, betrügen. Wie haben Sie diese Falle umgangen?
Die Frage ist, was stelle ich mit diesen Bildern und Eindrücken an, und wie viele davon habe ich überhaupt. Ich habe tausende Seiten Blog-Einträge gelesen. Wenn diese Texte aus unterschiedlichen Quellen kommen und zusammenpassen wie ein Puzzlestück, wenn ich also merke, dass das ein- und dasselbe Ereignis von unterschiedlichen Menschen gleich beschrieben wird, dann kann es nicht falsch oder verfälscht sein. Wir haben diese Situation in einem Gefängnis in Kahrizak aus einem Blog entnommen und angefangen, es zu visualisieren. Kurze Zeit später wurde bekannt, dass in Kahrizak auch Regimeanhänger gefoltert und vergewaltigt worden waren, die sich später beim geistlichen Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei beschwerten, woraufhin das Gefängnis geschlossen wurde. Spannend war zu sehen, dass unsere Visualisierung mit den Bildern, die das iranische Fernsehen später aus dem Gefängnis zeigte, fast überein stimmten. Also entsprachen die Blog-Einträge, die wir gesammelt hatten, sehr dem, was wirklich geschehen war. Die größte Herausforderung war es, in der knappen Zeit alles ineinander zu verweben, ohne dass die Dramaturgie darunter leidet.

wurde 1972 in Tabriz im Iran geboren. 1985 floh er aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen, weil er im Iran als Soldat zwangsrekrutiert werden sollte. Für seinem Dokumentarfilm »Lost Children« über Kindersoldaten aus Uganda erhielt er 2006 den Deutschen Filmpreis. Aktuell arbeitet er für den Fernsehsender arte an der Dokumentation »Irans grüner Sommer«.
Stellt diese Dokumentarfilm-Collage für Sie auch eine neue Art des Journalismus dar? Jeder kann Journalist sein, Bilder, Texte und Meinungen veröffentlichen -– frei nach dem Facebook-Motto: »Was denkst Du? Was machst Du gerade?« Und dann gibt es Experten wie Sie, die das vorhandene Material in den politischen Kontext einordnen.
Sie meinen den Bürgerjournalismus, ja, das ist für mich ein absolutes Zukunftsthema. Gerade in den Gebieten und Ländern auf der Welt, in denen Journalisten gefährlich leben, ist das sehr wichtig. Man muss aber beachten, dass diese Bilder, die wir verwendet haben, erst mal nur Momentaufnahmen sind und noch lange keine inhaltliche Auseinandersetzung mit sich bringen. Wenn man sich die Aufnahmen anschaut, die wir aus dem Iran bekamen, das waren nur Fetzen, nur Artefakte von Ereignissen, da gibt es nie einen Anfang und ein Ende. Dazu kommt die schlechte Bild- und Tonqualität. Aber trotzdem zeigt dieses Material einen Moment einer Gesellschaft. Ich glaube, dass das weiter entwickelbar ist. Die Menschen produzieren richtig spannende Texte und Inhalte in den Blogs. Auch Bilder und Videos werden viel zahlreicher und professioneller werden.
So wie sie die Erlebnisse anderer verquicken, entsteht ein komplexes Gebilde an Ereignissen und Gefühlen. Da sind die Menschen hinter den Demonstrationen, die ihr Leben riskieren, da ist die Brutalität des Regimes. Für Sie als Iraner wird das noch emotionaler gewesen sein. Kann man, muss man, zu den Geschehnissen Abstand aufbauen, während man daran arbeitet?
In der Tat war das ein emotionales Wechselbad für uns. Der Großteil des Film-Teams bestand aus Leuten, die aus dem Iran stammen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass man keinen Abstand halten kann. Wenn ich den Film mache, dann bin ich zutiefst involviert, das ist auch mein Wille. Diese Objektivität, von der man immer spricht, ist eine Schimäre. Ich habe eine Haltung, die versuche ich auch nicht zu verheimlichen, stattdessen gebe ich meinen Blick- und Standpunkt wieder. Ich involviere mich und vertraue ein Stück weit meiner Professionalität, dass ich den Faden nicht verliere. Das ist immer auch ein Risiko, wenn man sich so nah an seine eigenen Wurzeln begibt. Entscheidend ist jedoch: Bei den Ereignissen handelte es sich um Menschenrechtsverletzungen, um den Kampf einer Gesellschaft um seine fundamentalen Rechte, für die kann man und muss man immer eintreten. Dabei ist es egal, welchen parteipolitischen Hintergrund oder welchen Glauben man hat.
Es ist die Poesie des Films, dass die Farbe der »grünen Revolution« wieder lebendig wird, so als hätte sich der Zuschauer zu sehr daran gewöhnt gehabt. Die Bilder der Demonstrationen verblüffen wieder, erschrecken und geben ein Gefühl der Ohnmacht. War das Ihr Auftrag als Regisseur?
Ja, natürlich ist das ein Signal an die internationale Welt hinzuschauen, was die Auslöser, die Gründe für die Proteste waren, und vor allem, warum es kein Ende für diese Bewegung geben kann. Ich möchte eine Botschaft senden an die Politiker, die mit dem iranischen Regime verhandeln: Warum diskutiert ihr mit einem Regime, das sein eigenes Volk nicht achtet, die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, das vergewaltigt, hinrichtet und Menschen verschwinden lässt? Wieso diskutiert ihr mit diesem Regime über unsere Stabilität und Sicherheit, ohne das Thema Menschenrechte zu thematisieren? Wieso sollte das iranische Regime unsere Sicherheit achten, wenn es die Sicherheit des eigenen Volkes nicht achtet? Das ist eine Schizophrenie in unserer Politik, wo ich sage: Das muss aufhören! Eine starke Zivilgesellschaft und die Einbindung in die internationale Gemeinschaft ist der Schlüssel. Wenn wir einen Staat Iran wollen, der seinen internationalen Verpflichtungen nachkommt, dann müssen wir darauf achten, dass wir es mit einer starken Zivilgesellschaft zu tun haben. Genau das müssten wir gegenüber dem iranischen Regime und für die iranische Gesellschaft fordern, und für uns und den gesamten Nahen Osten wünschen!
Die jüngste Protestbewegung war schließlich die Fortsetzung eines Kampfes, der schon mehr als ein Jahrhundert in Iran dauert und mit der Revolution von 1979 nie abgeschlossen wurde: Ein Kampf um die Ideale der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit. Lässt sich eine Bewegung, die so tiefe historische Wurzeln hat, auf Dauer überhaupt niederknüppeln?
Diktatoren können nicht gegen ihr eigenes Volk regieren. Sie sagen zu recht, dass die iranische Demokratiebewegung mehr als ein Jahrhundert alt ist. Dieser Wunsch ist nie abgeebbt, er war immer da und er ist heute stärker als jemals zuvor, weil die iranische Gesellschaft eine der jüngsten Gesellschaften der Welt ist, zugleich hat sie einen hohen Bildungsgrad erreicht und ist internationalen Einflüssen gegenüber so offen, dass sie ein so starres, hierarchisches, autokratisches System wie das derzeitige nicht akzeptieren kann. Da muss ein Wandel kommen.
Was noch dauern kann, wo zivilgesellschaftliche Bewegungen doch nie linear verlaufen, es immer Höhen und Tiefen gibt.
Was auch gut ist! Angenommen, die Bewegung hätte Erfolg gehabt: Wo wäre dann die Alternative gewesen? Wo sind die Strukturen, auf denen man ein demokratisches System aufbauen kann? Die müssen erst wachsen, die müssen eine Form bekommen. Das war auch ein riesiges Problem 1979, als der Schah gestürzt wurde. Hauptsache der ist weg! Was danach kommt, wird besser sein! Das sagte man damals. Nicht dass der Schah toll war, aber was danach kam, war weniger toll.

Regie: Ali Samadi Ahadi
Camino Filmverleih, Deutschland, 2010
Kinostart: 24. Februar 2011
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