Panorama der Revolution und ihrer Gefühlswelten: Plakat des Theaterstückes »Tahrir Monologues«|Foto: Tahrir Monologues

Kultur

»Tahrir Monologues« in Kairo

21.11.2011

Alles hat ein Ende, wenn wir vergessen

Nadine Kreitmeyr


Der Kampf um das Erbe der Revolution wird kurz vor den Wahlen wieder auf dem Tahrir-Platz ausgetragen. Auch Kairos Künstler suchen nach dem »Geist des Tahrir«. Eine Theater-Gruppe fängt das Gefühl der Revolutionstage auf der Bühne ein.


Am 18. November 2011 versammelten sich mehrere zehntausend Menschen auf dem Tahrir-Platz, um gegen das Militärregime in Ägypten zu demonstrieren. Dies war die größte Demonstration seit dem Sturz Husni Mubaraks im Februar 2011. Auch am Tag danach glich die Lage rund um den Tahrir-Platz derjenigen zur Zeit der Proteste Anfang des Jahres.


Zur gleichen Zeit wurden in dem kleinen Rawabet-Theater in Downtown Kairo die »Tahrir Monologues« aufgeführt. Rund 20 junge Menschen präsentierten in Form von kurzen Monologen im ägyptischen Dialekt persönliche Erlebnisse und Gedanken zu den 18 Tage andauernden Aufständen im Januar und Februar 2011, die sie entweder selbst erlebt oder erzählt bekommen hatten. Die innere Zerrissenheit und Unsicherheit und die gleichzeitig nach außen gezeigte Stärke der einzelnen Protestierenden standen im Mittelpunkt dieses Abends: Die Revolution im Inneren jedes Einzelnen verbunden mit der auf dem Tahrir-Platz. 


»Erschießt uns, so dass wir die letzte Generation von Feiglingen sind«

Ziel dieser mitreißenden Inszenierung war das Erinnern an die Bedeutung und Einzigartigkeit der Proteste und ihres Verlaufs in Ägypten. Sie sollten auf keinen Fall in Vergessenheit geraten und zum Stillstand kommen. Denn nur wenn sie im Bewusstsein bleiben, können sie nach Meinung der Protagonisten zur Erfüllung der Forderungen der ägyptischen Gesellschaft führen. »Wir wollen unseren Weg zurück auf den Tahrir finden«, wie eine der Organisatoren, Sondos Shabayek, es beschreibt. »Es geht darum, den Geist des Tahrir wiederzubeleben, um die Leute daran zu erinnern, wie wir für 18 Tage vereint und voller Hoffnung waren.« In diesem Sinne beginnt auch die Aufführung der Monologe mit dem Aufruf »Erschießt uns, so dass wir die letzte Generation von Feiglingen sind«.


Das Publikum saß dicht gedrängt auf dem Boden, umgeben von herabhängenden Bannern mit den Symbolen der Revolution: die KFC-Filiale, die Löwen der Kasr El-Aini-Brücke, Mohamed El Baradaei oder rufende Demonstranten. In einer Ecke sieht man eine hängende Mubarak-Puppe. Der Zuschauer wurde mitten in das Geschehen eingebunden, als wäre er ein Teil des Tahrir. Snacks von KFC und in Essig getränkte Tücher gegen das Tränengas werden verteilt, die Geräuschkulisse vom Ort des Geschehens und kleine Videoeinspielungen vervollkommnen das Bühnenbild.


Man erfährt der Chronologie der Aufstände folgend die Geschichte eines Mädchens, das aus Angst zuhause bleibt. Irgendwann fühlt sie sich jedoch so unwohl in ihrer Haut, dass sie doch zum Tahrir geht und an den Demonstrationen teilnimmt. Nun endlich fühlt sie sich sicher und am richtigen Ort. Ähnliche Ängste hat auch ein junger Mann, der auf dem Platz getreten und erniedrigt wird, Angst vor der Gefahr hat, im Nebel des Tränengases zu verschwinden. Er sieht keine Menschen mehr um sich herum und fühlt sich völlig allein. Plötzlich wird er aufgefordert, einen verletzten Kameraden zu tragen, der nicht mehr laufen kann. Dies gibt ihm neue Stärke und er rennt um das Leben der Beiden.


Humor begleitet die Überwindung der Angst

Doch nicht nur die Jugend ist Teil des Geschehens auf dem Tahrir-Platz, sondern auch die Elterngeneration verlässt ein Stück weit ihre bisherige Zurückhaltung. Als ein junger Mann sich heimlich, damit die Mutter nicht beunruhigt ist, mit der Kamera aus dem Haus stehlen will, um an den Protesten teilzunehmen, hält sie ihn auf. Sie sagt nicht viel. Ganz in der für die »Tahrir Monologues« typischen Situationskomik gibt die Mutter lediglich die Anweisung »Nimm doch dein Mobiltelefon, das hat auch eine Kamera. Für diese teure Kamera hier ist es draußen viel zu gefährlich, die geht nur kaputt!«.     


Nach einer Weile kommt ein junger Mann vorbei und ruft »Zabala, zabala«. Er will den Müll einsammeln, der auf dem Tahrir-Platz herumliegt. Als die Kamera auf ihn gerichtet wird, scheint er sich unwohl zu fühlen und fragt sich, was wohl seine Familie von ihm denken wird, wenn sie sieht, welch bedeutungslose Arbeit er hier verrichtet. Nachdem seine Familie ihn voller Stolz angerufen hat, weil sie ihren Sohn im Fernsehen gesehen hat, ist er erleichtert und ruft um so lauter nach Müll.


An dieser Stelle ist eine Wende bei den Aufständischen zu erkennen. Das Gefühl der Angst und Verwirrung wird von Mut und schließlich auch Humor begleitet. Dies zeigt sich ebenfalls in der gelungenen Imitation Hosni Mubaraks durch einen jungen Darsteller. Auf eine brillante Weise, wie dies zuvor lediglich Adel Iman oder Mohamed Sobhy gewagt hatten, imitiert er die Gesten des gefallenen Diktators und zeigt, wie die Ängste und »roten Linien« durch die Protestierenden vom Tahrir-Platz immer weiter verwischt werden. Sie scheinen an diesen Herausforderungen zu wachsen und lernen damit umzugehen, keine Angst mehr zu haben.


Vom Jäger zum Gejagten

Doch nicht nur der Einzelne sowie die Gesellschaft als Ganzes kommen in den Monologen zu Wort. Auch Militär und Polizei werden dargestellt. So sieht der Zuschauer beispielsweise Sicherheitskräfte, die im Dienste des Regimes gegen die Demonstranten vorgehen. Wenig später kann man einen nervöser Polizist beim Zwiegespräch lauschen, der sich fragt, wo er nun andere Klamotten herbekommt: »So kann ich hier nicht mehr herumlaufen!« Schließlich fragt er ins Publikum auf dem Tahrir: »Habt ihr noch einen Pullover für mich?«


Nicht nur die Geschehnisse, sondern vor allem auch der Wandel, der sich in dieser Zeit auf der gesellschaftlichen Ebene vollzieht, spielt eine zentrale Rolle in dieser Aufführung. Viele der Zuschauer und auch die Schauspieler haben am Ende des Abends Tränen in den Augen. Sie wurden von der Emotionalität der Darstellung, der gekonnten Verknüpfung von Kunst und realem Geschehen gepackt, fühlen sich zurückversetzt in die Zeit, in der die Demonstrationen begannen.


Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass das Ziel noch in der Ferne liegt. Das Stück ist in der Sprache des Tahrir-Platzes, authentisch und für alle verständlich, ein Aufruf gegen das Vergessen und die Passivität und für die aktive Partizipation jedes Einzelnen in der Gestaltung der Gesellschaft und Politik Ägyptens. Das Vergessen würde alles, was erreicht wurde, zu einem Ende bringen.




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