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Simona Pfister
Zelte auf dem Rothschild-Boulevard? Spätestens seit dieses Bild die internationalen Medien erreicht hat, ist klar geworden: Es brodelt in der israelischen Gesellschaft. Menschen aller Altersklassen haben sich in einer »apolitischen« Bewegung – in Israel heißt das: ohne Positionierung zum Konflikt mit den Palästinensern – zusammengetan, um gegen die hohen Lebenshaltungs- und Wohnungskosten im Land zu protestieren. Folglich erscheinen wie so oft ökonomische Gründe als Ursachen einer in ihrem Umfang überraschenden Protestwelle.
Doch dies trifft nur oberflächlich zu. Denn die Proteste geben den Blick frei auf tiefere Spaltungen und Veränderungen in der israelischen Bevölkerung, die sich seit den Landbesiedlungen Anfang des 20. Jahrhunderts ereignet haben und weit über die Trennung von arabischen und jüdischen Bürgern hinausgehen. Nichts veranschaulicht die Umwälzungen innerhalb des Landes besser als die Entwicklung der Kibbuzim.
Denn seit der Errichtung des ersten Kibbuz’ an der Mündung des Jordans im Jahr 1910 nehmen die kollektiven Siedlungen einen wichtigen Platz im Nationalbewusstsein Israels ein. Sie sollen aus dem von ausländischer Unterstützung abhängigen alten Jishuw eine aktive Kraft gemacht haben und damit die physische Regeneration des jüdischen Volkes insgesamt symbolisieren. Geschichten um das Austrocknen der Sümpfe, die Urbarmachung des Landes, das Blühen der Wüste ranken sich um die ersten Kibbuzniks.
Sie sind damit zum Symbol der einenden Kraft geworden, die das Land der Vorväter fruchtbar und bewohnbar gemacht haben. Ideologisch waren die Siedlungen im marxistischen Gedankengut des vorrevolutionären Russlands verankert: Man wollte mit den Kibbuzim eine neue Gesellschaft gründen – eine Gesellschaft ohne ökonomische und soziale Statusunterschiede. Dies schlug sich auch im Gründungsmythos wieder, der einen Staat Israel als egalitärer Heimat für alle Juden propagierte.
Auch die Ideen Arion David Gordons, dem wichtigsten Denker der Kibbuz-Bewegung, hatten einen wesentlichen Einfluss auf das Selbstverständnis der Kommunen und des jungen israelischen Staates. Ihm zufolge war es zentral für die Juden, die Verbindung mit dem Land der Vorfahren zu spüren, es zu bebauen, dort zu leben und zu sterben. So stellte er sich dezidiert dagegen, arabische Bauern auf den Feldern zu beschäftigen. Denn die jüdischen Menschen müssten ganz physisch mit ihrem Boden, mit »Eretz Israel«, vereint werden, um zu vollen, integrierten Menschen zu werden.
Mit Geldern des »Jewish National Fund« und Unterstützung des Zionistischen Weltkongresses wurde während der Mandatszeit entsprechend Boden von arabischen Landherren gekauft und den Kibbuzniks zur Bebauung zur Verfügung gestellt. Damit beruhte ein großer Teil der jüdischen Landnahme auf der Verbreitung der Kibbuzim.
Selbst wenn die ersten Kibbuz-Mitglieder es nicht klar formulierten, lief diese Entwicklung auf die Gründung eines eigenen Staates im britischen Mandatsgebiet Palästina hinaus. Dementsprechend wichtig wurden sie und ihre Ideologie im Nationalbewusstseins Israels. Zudem rekrutieren sich die »Gründerväter« des Staates, Männer wie David Ben Gurion, Levi Eschkol oder Salman Schasar, aus den Reihen der Kibbuzniks. Die ersten Arbeiterzionisten bildeten den Nährboden, aus dem die politische Elite der Awoda – der Arbeiterpartei – und damit bis in die 1970er Jahre das Rückgrat des Staates erwuchs.
Wenn man sich heute im Land umsieht, scheint nicht viel von der schönen Idee übrig geblieben zu sein. Denn nicht nur arbeitet heute nur noch ein kleiner Teil der Menschen wirklich als Bauern, das Land mit der zweitgrößten Einkommensschere bildet auch kaum ein Exempel für gegenseitige Unterstützung und Solidarität.
Diese Entwicklung macht auch vor den Kibbuzim keinen Halt: Aufgrund des ökonomischen Druckes und des gesellschaftlichen Wandels zur Individualisierung sind die meisten Kollektivsiedlungen heute privatisiert worden. So auch der Kibbuz Mizra, der im Norden Israels bei Nazareth liegt.
Er war 1923 von Einwanderern aus Osteuropa gegründet worden und hatte lange Jahre in der Kollektivverwaltung erfolgreich weitergelebt. Doch seit April 2009 wird auch hier privatisiert. Zvi Harel, langjähriger Sekretär des Kibbuz, erklärt, was das bedeutet: »Früher arbeiteten alle Bewohner im Kibbuz und bekamen den gleichen Lohn je nach Familiengrösse. Heute arbeitet über die Hälfte außerhalb, der Lohn ist privatisiert.« Zudem seien gewisse öffentliche Einrichtungen ebenfalls privatisiert worden. Beispielsweise muss man heute für die Wäscherei und das Essen im gemeinsamem Speisesaal bezahlen, während dies früher allen Kibbuz-Mitgliedern frei zur Verfügung stand. Auch Elektrizität und Wasser bezieht heute jeder für sich.
Diese »ideologische Öffnung« des Kibbuz-Systems hat wesentlich zu seiner Revitalisierung beigetragen; allein in den letzten Jahren gewannen die Kommunen in Israel insgesamt 2.500 neue Mitglieder dazu, während in der Zeit zuvor die Bewohnerzahlen stetig schrumpften. »Brauchen Sie noch ein stärkeren Beweis für die Veränderung im Gedankengut der Gesellschaft?«, fragt Zvi Harel schmunzelnd.
Trotz dieser Tatsache versucht man in Mizra gewisse Prinzipen der Solidarität aufrecht zu erhalten. Weiterhin besteht ein Komitee, das Steuern für die Kommune erhebt, um gewisse gemeinsame Infrastrukturen, wie den Park, zu erhalten. »Wir wollen gewisse Haltungen keineswegs Preis geben«, meint Zvi Harel. So werden die Grundsätze der gegenseitigen Verantwortung, der Solidarität und der hohen Bildung für alle weiterhin hoch gehalten.
Wenn man die Geschichte der Kibbuzim bedenkt, überrascht es vielleicht, dass Zvi Harel in diese Solidarität selbstverständlich arabische Mitbürger einschließt. Zwar gibt es in Mizra noch keine arabischen Mitglieder, wie es zum Beispiel seit einigen Jahren im Nachbarkibbuz Nir Eliyahu der Fall ist. Aber in der eigenen High School werden selbstverständlich die Kinder der christlichen und muslimischen Nachbardörfer mit unterrichtet.
»Sie sind Bürger wie wir und sollen eine gleichwertige Ausbildung erhalten«, meint der Kibbuz-Sekretär. Hier sollten seiner Meinung nach arabische und jüdische Kinder gemeinsam spielen und lernen können. Zudem vermiete Mizra auch einige Zimmer und den Poolbereich an arabische Familien aus der Umgebung. So kann es durchaus passieren, dass die jüdischen Kibbuz-Mitglieder die Parkanlagen für die arabischen Familien herrichten und sie beim Essen im Gemeinschaftsraum bedienen.
Ein ungewohntes Bild, meint Salim J. Munayer, Leiter der NGO »Musalaha« im Süden des Landes, die sich für die arabisch-jüdische Verständigung einsetzt. »Heute werden die arabischen Bevölkerungsteile mehrheitlich benachteiligt. Schon bei der Schuldbildung gibt es Unterschiede in der finanziellen Unterstützung durch den Staat.« Ein friedliches Zusammenleben sei leider die Ausnahme. »Was oft als ›gemeinsame Arbeit‹ verkauft wird, heißt in Wahrheit: Araber arbeiten für die jüdischen Israelis«, meint er resigniert. Dass der Spieß in Mizra einmal umgedreht ist, findet Zvi Harel selbstverständlich. »Hier haben wir tatsächlich so etwas wie eine heile Welt. Auf den Feldern arbeiten wir zusammen; Auch der Zahnarzt des Kibbuz ist ein muslimischer Araber! Wir hängen also von ihm ab«, meint der Kibbuz-Sekretär lachend.
Mit ein Grund für diese friedliche Koexistenz, wie er sie beschreibt, sei, dass sich Mizra ausdrücklich als säkular verstehe. Zwar wird hier am Shabbat nicht gearbeitet, ansonsten sind religiöse Zeichen aber verboten. Ebenso wird bei der Bewerbung um eine Mitgliedschaft, über die das Kollektiv in einem geheimen Referendum abstimmt, nicht nach dem Glauben gefragt. »Jeder ist hier willkommen, der sich zu unseren Prinzipien der Solidarität bekennt«, erklärt Zvi Harel. Auch ein Araber würde ohne Bedenken akzeptiert werden, wenn dieser dazu bereit wäre.
Allerdings stehen die Kibbuzniks mit dieser Haltung ziemlich allein da in der israelischen Gesellschaft. »Die meisten Israelis sehen alle Araber als Feindbilder«, meint der Kibbuz-Sekretär kopfschüttelnd. »Aber im Alltag haben wir dieselben Probleme und Grundbedürfnisse und sind doch alles nur Menschen.« Kibbuzim als Vorbilder für ein friedliches Zusammenleben von jüdischen und arabischen Israelis? Das entspricht zwar dem Bild, das der Kibbuz Mizra vermittelt, doch kaum dem israelischen Nationalbewusstsein, das die Kommunen als Trittbrett für eine Landnahme durch die jüdischen Einwanderer sieht. Auch Arion David Gordon würde sich wohl ob der arabischen Bewohner, Arbeiter und Gäste der Kibbuzim in seinem Grabe umdrehen.
Doch das Land und die Kibbuzim haben sich ökonomisch, sozial und ideologisch grundlegend gewandelt. Bildeten die Kommunen einmal das Rückgrat eines solidarischen Sozialstaats, sind sie nun auch mit ihrer Haltung gegenüber den arabischen Mitbürgern die Außenseiter der Gesellschaft geworden. So sagt die junge Kibbuzbewohnerin May: »Wir sind sowieso immer ›die anderen‹. Die Kibbuzniks spiegeln längst nicht mehr die israelische Gesellschaft wieder.« Mit ihren sozial-säkularen Überzeugungen würden sie ganz außen links stehen und vom Rest der Bevölkerung oft als abgehoben wahrgenommen werden.
Doch auch die Kibbuz-Bewohner selbst sehen sich nicht mehr mit dem Land Israel verbunden. »Früher haben wir uns stark mit dem Staat identifiziert«, erzählt Zvi Harel. »Seit 1977 die rechte Regierung an die Macht gekommen ist, geraten wir aber in Konflikt mit der offiziellen Linie.« So würde der Staat seit dieser Zeit immer mehr auf eine Übernahme der besetzten Gebiete hinarbeiten. »Was mit den Golan-Höhen passiert, ist Kolonialisation!«, enerviert sich der Kibbuz-Sekretär. Doch die Mehrheit der Israelis seien mit dieser Politik einverstanden. »Besonders die ultraorthodoxen Bevölkerungsteile meinen, dass ihnen ganz Palästina versprochen sei.« Die Kibbuzniks seien gegen eine solche Haltung, aber bildeten nur eine kleine Minderheit von 1,5 Prozent in einer großen, demokratischen Gesellschaft und könnten deshalb nichts ausrichten.
Zumindest die Vorbehalte gegenüber den Ultraorthodoxen scheinen die Kibbuzniks mit der weiteren Gesellschaft zu teilen. Besonders die Unterstützungsleistungen, die jene beziehen, bildeten an den Protesten in Tel Aviv einen zusätzlichen Stein des Anstoßes. »Die gesamte Bevölkerung bezahlt einen hohen Preis für die Ultraorthodoxen«, meint Zvi Harel.
Zudem würden sich viele säkulare Israelis von deren teilweise strikten Haltungen bedrängt fühlen. »Die meisten wollen zum Beispiel Freitag abends nicht auf den öffentlichen Verkehr verzichten«, führt der Kibbuz-Sekretär an. Außerdem seien die Ultraorthodoxen zu keinerlei Kompromiss bereit, weil sie sich immer durch Gott im Recht sähen. Für ihn gelte hingegen das Prinzip »Leben und Leben lassen«. »Aber in der israelischen Gesellschaft ist diese Auffassung abhanden gekommen.«
Tatsächlich scheint es, als fände Israels Bevölkerung heute keine gemeinsame Basis mehr – weder ökonomisch, noch sozial und schon gar nicht politisch. Der Kern der Bevölkerung kann sich auf grundlegende Fragen nicht mehr einigen: Soll der Staat jüdisch oder säkular definiert werden? Sind die Israelis die Besetzer oder die Besetzten? Unterstützt man einen Staat Palästina oder nicht?
Auch Salim J. Munayer beobachtet dieses Phänomen. Er spricht von einem Kollaps des israelischen Nationalbewusstseins: »Heute ist die Gesellschaft in die verschiedensten Gruppen gespalten, die sich kaum auf eine gemeinsame Haltung in irgendeiner Frage verständigen können.« So sei eine Fragmentierung in Ultraorthodoxe, National-Religiöse, Säkular-Nationalistische und Säkular-Linke zu beobachten.
Die ökonomischen Probleme erscheinen angesichts dieser grundlegenden Instabilität mehr wie Oberflächenphänomene. Auch Zvi Harel meint, dass auf Israel noch größere Herausforderungen zukommen werden. »Im Vergleich zu den Problemen innerhalb der Gesellschaft ist alles andere ein Klacks!« Solange der Konflikt mit Palästina da sei, werden diese wohl mehr oder weniger unter dem Deckel gehalten werden. »Sobald dort aber einmal Frieden herrscht, brechen die inneren Konflikte auf.« Allerdings kann man sich fragen, ob eine derart uneinige Gesellschaft zu einem Frieden bereit sein kann.
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