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Siedler im Westjordanland 23.04.2010

Zwischen Exil und Erlösung

Dominik Peters


Die Sturheit der jüdischen Siedler in der Westbank ist für Außenstehende ein Rätsel. Vor allem die Radikalen der israelischen Siedlerbewegung berufen sich auf ideologische Ursprünge in der mystischen Religionslehre der »Kabbala«, die im 13. Jahrhundert Einzug in Palästina hielt.


Die Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon hatten 1492 im katholischen Spanien das sogenannte Alhambra-Edikt erlassen: Die jüdischen Gemeinden, die seit der Antike auf der Iberischen Halbinsel lebten, sollten aus allen Territorien der spanischen Krone vertrieben werden, oder sich zum Christentum bekehren. Um der Inquisition und den Pogromen zu entgehen, flüchteten viele sephardische Juden aus Córdoba, Granada und Saragossa ins spätere Palästina, darunter auch Rabbi Mosche Ben Nachman, ein Philosoph und Arzt aus Katalonien. Durch ihn gelang die »Kabbala« nach Safed in Galiläa.


Die Kabbala, die komplexe, jüdische Mystiklehre schreibt dem Land Israel eine erlösende Funktion zu: Der Geist Gottes ist das Gleichnis zum biblischen Volk und Land Israel, beide sind eng miteinander verbunden. Als das biblische Volk Israel ins Exil geführt wurde – und damit eine Trennung zwischen Land und Volk entstand – spaltete sich auch Gottes irdische Manifestation. Nur durch die wieder erlangte Einheit von Volk und Land Israel, so die Vorstellung, kann dieser Zustand des Exils aufgehoben werden und die göttliche Erlösung eintreten.


Für die radikal-religiösen Siedler des »Gush Emunim – Block der Getreuen« und andere messianische Gruppierungen geschah das mit dem israelischen Sieg 1967. Durch die Besetzung des gesamten Westufers des Jordan – den biblischen Landesteilen Judäa und Samaria – wurde die Einheit zwischen Land und Volk Israel wieder hergestellt und das Exil verlassen.


Messianische Vorzeichen im Ersten Weltkrieg

Diese komplizierten, theologischen Gedanken liegen der Besiedlung der Westbank zugrunde und wurden erst im 20. Jahrhundert – sieben Jahrhunderte, nachdem die Kabbala nach Palästina kam – von Rabbi Avraham Yitzhak Kuk wieder belebt. Die Ideologie des Vaters des religiösen Zionismus lieferte schon vor der Staatsgründung Israels ein Fundament für das Siedlerphänomen, das bis heute einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern unmöglich macht. Er sah den Ersten Weltkrieg als ein messianisches Vorzeichen, welches das Judentum von fremden Einflüssen des Exils bereinigen würde, damit es sich wieder seiner selbst bewusst werde und zu sich selbst – also in das biblische Land Israel – zurückkehren könne.


Der Beginn der Erlösung des jüdischen Volkes folgte für Kuk kurz darauf in Form der Balfour-Deklaration, mit der die britische Regierung der zionistischen Bewegung um David Ben Gurion eine »nationale Heimstätte« im späteren britischen Mandat Palästina zuerkannte. Sein explosives Gedankengut lehrte der aschkenasische Oberrabbiner Palästinas in der von ihm 1924 gegründeten Talmudschule »Mercaz ha-Rav«. Sein bester Schüler war Tzvi Jehudah, sein eigener Sohn.


Rabbi Tzvi Jehudah Kuk entwickelte den messianischen Fahrplan des Vaters weiter und war gleichzeitig wesentlich radikaler als sein Vater. Im Holocaust sah der Spross eine göttliche Intervention, die zum Einen die Ungläubigen unter den Juden vernichtete und zum Anderen eine weitere Existenz im Exil – sei es in Europa oder anderen Ländern – unmöglich machte. Nachdem 1948 der Staat Israel gegründet und 1967 der Sechstagekrieg gewonnen worden war, war für den radikalen Rabbiner eine neue, messianische Realität geschaffen: Das Volk und das Land Israel waren wieder vereinigt und damit das Exil der Erlösung gewichen.


Nach dem Ende des Krieges hatte es für viele den Anschein, als hätte sich die Prophezeiung des alten Kuk erfüllt und sich ein »Großisrael« gebildet. Das war die Stunde Jehudahs. Mehr und mehr schwoll die religiöse Siedlerbewegung an, bis schließlich 1974 – als Reaktion auf die traumatische Erfahrung des Jom-Kippur-Krieges – sich »Gush Emunim« gründete. Es ist bezeichnend, dass viele der Wort- und Anführer die Mercaz ha-Rav in Jerusalem besucht hatten. Auf Drängen seiner früheren Schüler erklärte sich Tzvi Jehudah bereit, die spirituelle Führung der Bewegung zu übernehmen.


Politische Isolation als Zeichen der Auserwähltheit

Er wandelte die komplexe, theologische Idee des Vaters, der großen Galionsfigur der Siedler, in eine einfache und klare Botschaft um: eine Verbindung zwischen der national-politischen Vision des säkularen Zionismus und der religiös-spirituellen Bestimmung der Kabbala-Mystik. Ihm zufolge war der Prozess der Erlösung seit 1967 entschieden und ein unvermeidlicher Vorgang, der durch keine irdische Politik gestoppt werden könne.


Mit dieser Gewissheit im Gepäck gelang es dem Gush Emunim, sich als feste Größe in Israel zu etablieren und ab 1977 seine messianischen Hoffnungen mit real-politischen Forderungen zu verbinden: dem Siedlungsbau. Nur durch die vollständige Besiedlung der Westbank wird – so die radikale Überzeugung – die vollständige Erlösung erreicht. Territoriale Konzessionen oder gar die vollständige Rückgabe von besetztem Land lehnen sie ab, denn das würde die Erlösung verhindern. Das ist bis heute das wesentliche Element Gush Emunims: Kollektive Angstgefühle und die Gefahr, Teile des Landes zu verlieren.


Dass sich Israel durch den Siedlungsbau international mehr und mehr isoliert, stört auch im Jahr 2010 keinen der radikalen Siedler. Nach ihren Vorstellungen ist selbst die politische Isolation Israels ein Zeichen seiner Auserwähltheit als Volk Gottes, ganz im Sinne ihres spirituellen Führers Tzvi Jehudah. Er ist 1982 verstorben, seine Ideen aber sind lebendiger denn je – er wäre heute 109 Jahre alt geworden.



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