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Marcus Mohr und Dominik Peters
Plötzlich und unerwartet ist Benny Gantz aus dem vorgezogenen Ruhestand zurückgekehrt. Am 14. Februar hat der 51-Jährige das Büro des »Ramatkal«, des Generalstabschefs, im Hauptquartier der israelischen Streitkräfte in Tel Aviv bezogen. Nur wenige Tage zuvor war er für den Posten aufgestellt worden. Er musste für den ursprünglich nominierten Yoav Galant einspringen. Dem war die Amtsübernahme nach dem Einspruch von Israels Generalstaatsanwalt Yehuda Weinstein verwehrt worden.
Yoav Galant hatte es mit Geschick, und vermutlich schmutzigen Tricks, fast bis an die Spitze der »Verteidigungskräfte Israels« geschafft. 1977 in die Armee aufgenommen stieg er innerhalb von 20 Jahren vom Kampftaucher bis zum Kommandeur der Heeres-Division auf, die für die Kontrolle des noch besetzten Gaza-Streifens verantwortlich war.
Er genoss einen hervorragenden fachlichen Ruf, der 2002 dem neuen Premierminister und Kriegshelden Ariel Scharon so sehr imponierte, dass er Galant zum Militärberater in seiner Regierung machte. Die Zeit im persönlichen Umfeld Scharons nutzte der junge General, um sich mit den wichtigsten, mächtigsten Politikern und Geschäftsleuten des Landes zu vernetzen. Ein entscheidender Vorteil für seinen weiteren Werdegang.
2005 übernahm Galant den Befehl über das Süd-Kommando der Armee – verantwortlich für die Kontrolle der neuen Grenze gegenüber dem palästinensischen Landstreifen, der seit 2007 von der Hamas kontrolliert wird. Auf diesem Posten befehligte er im Winter 2008/2009 die Operation »Gegossenes Blei« gegen die Hamas. Der international umstrittene Einsatz war für Galant das Sprungbrett in die Öffentlichkeit, er wurde als kämpferischer Draufgänger bekannt.
Seither wurden die Differenzen zwischen Galant und dem letzten Generalstabschef Gabi Ashkenazi jedoch immer deutlicher. Der Generalleutnant hatte 2007 nach dem Libanonkrieg als umsichtiger Reformer die Streitkräfte übernommen. Sein Untergebener Galant hingegen wollte die Hamas bis aufs Äußerste bekämpfen. Ashkenazi hielt ihn zurück. Seither war das Verhältnis der beiden belastet – und Galant soll seine Kontakte gespielt haben lassen, um seinen Vorgesetzten so schnell wie möglich aus dem Amt zu hebeln.
Doch im August 2010 hatten der israelische Fernsehsender Channel 2 und ynet, die Internetausgabe des Massenblattes Jedioth Ahronoth, ein Dokument zugespielt bekommen, dessen Absender die PR-Beraterfirma »Arad Communications« und dessen Empfänger Galant gewesen war. Das Papier soll den Medienberichten zufolge Ratschläge und Angebote für eine medienwirksame Schmutzkampagne gegen den damaligen stellvertretenden Generalstabschef enthalten haben: Benjamin Gantz. Er galt, als die Amtszeit Ashkenazis zu Ende ging, als einer der Hauptkonkurrenten um dessen Posten.
Doch Galant hatte Glück – an ihm ist die Angelegenheit noch nicht hängen geblieben; bisher wurden nur untere Ränge verhört und in Gewahrsam genommen. Das mag auch an Ehud Barak liegen: In Israels Verteidigungsminister, selbst ein ehemaliger Kommandosoldat, hatte der ausgebremste Draufgänger einen mächtigen Verbündeten gefunden.
In den vergangenen zwölf Monaten wurde immer deutlicher, dass Ashkenazi bei Barak in Ungnade gefallen war – die beiden sollen zuletzt nicht einmal mehr miteinander geredet haben. Ashkenazi hatte sich stets gegen Galant als seinen Nachfolger ausgesprochen; dennoch schlug ihn der Verteidigungsminister im August letzten Jahres dem israelischen Kabinett vor. Benny Gantz sah damit seine Aussichten auf den Spitzenposten so rasch schwinden, dass er im November sein Barett nahm und sich frustriert in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete.
Indes demontierte der Verteidigungsminister Ashkenazi peu à peu. Dass dessen Konterfei in jeder Falafel-Bude zwischen Akko und Ashdod hing und er sich sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der Truppe größter Beliebtheit erfreute, nutzte ihm nichts mehr. Das traditionelle fünfte Jahr, das die meisten Generalstabschefs in der Geschichte Israels an ihre offizielle vierjährige Amtszeit anhängten, blieb Ashkenazi nun verwehrt. Er verlor den Kampf ebenso wie Gantz – gegen Ehud Barak, der ihm seine Beliebtheit neidete, und den Haudegen Yoav Galant.
Bis zum 1. Februar ist dessen Rechnung aufgegangen. An diesem Tag gaben Premier Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Barak überraschend bekannt, dass ihr Kandidat Galant doch nicht Ashkenazis Posten übernehmen werde. Zuvor hatte Generalstaatsanwalt Weinstein Netanjahu erklärt, angesichts schwerer Vorwürfe gegen Galant nicht in der Lage zu sein, dessen Ernennung zum Generalstabschef zu bestätigen.
Der Grund: Nach einer längeren Untersuchung Weinsteins wurde immer offensichtlicher, dass Galant sich unrechtmäßig öffentlichen Grund und Boden angeeignet hat. Die Affäre dämmerte schon seit einiger Zeit, aber der Verdacht hat sich nun anhand von Beweisen bestätigt, die dem Staatsrechnungsprüfer vorliegen.
Barak vollzog darauf eine fast vollständige Kehrtwende: Mit Gantz, dem einstigen Mitbewerber Galants, hatte der Minister nach nur vier Tagen Bedenkzeit einen Ersatz-Kandidaten gefunden. Ihm wurden übrigens im März 2010 ähnliche Vorwürfe gemacht wie Galant. Aber eine illegale Aneignung von Land ist ihm nicht nachgewiesen worden. Deshalb und weil auch er einen kometenhaften Aufstieg ohne größere Hindernisse erlebt habe, sehen einige hochrangige Militärs in ihm einen erfolgsverwöhnten »Prinzen«, so berichtet die links-liberale Haaretz.
Der in Kfar Ahim bei Ashdod, einer linksgerichteten Agrargemeinschaft, geborene Sohn von Holocaust-Überlebenden hatte seine Karriere bei den Fallschirmjägern begonnen. Unter anderem war er Kommandeur der Eliteeinheit der israelischen Luftwaffe »Jechidat Shaldag – Einheit Eisvogel« und des Nordkommandos gewesen.
In Sabbatjahren studierte er Geschichte und Politik und fand auch die Zeit, eine Familie mit vier Kindern aufzubauen. Während seiner Ernennungszeremonie zum »Ramatkal« sprachen Militär-Personenschützer laut israelischer Presse darüber, nach preußischem Vorbild »lange Kerls« rekrutieren zu müssen, um den 1-Meter-94-Hünen abschirmen zu können.
Gantz, der einst auch Militärattaché an der israelischen Botschaft in den Vereinigten Staaten gewesen war, hat dort gute Verbindungen geknüpft: Der Generalstabschef der US-Streitkräfte und sein jetziger Amtskollege, Admiral Michael G. Mullen, war extra nach Israel gereist, um bei der Beförderung des alten Freundes aus gemeinsamen Washingtoner Zeiten dabei zu sein. Auch bei der Verabschiedung von Gabi Ashkenazi am Abend zuvor war Mullen anwesend.
Bei letzterer Gelegenheit hatte Staatspräsident Schimon Peres den scheidenden Soldaten in höchsten Tönen gelobt: »Du warst einer der besten Ramatkals«. Peres muss es wissen, war er doch schon zur Zeit der Staatsgründung im Verteidigungsministerium tätig und hat im Laufe seiner langen Karriere 18 israelische Generalstabschefs kennen gelernt. Und für Ashkenazi ist der plötzliche Absturz Galants auf der Zielgeraden vielleicht noch eine kleine Genugtuung: Seine Nemesis hat sich selbst zu Fall gebracht.
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