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Interview zur Gewalt in Damaskus, Homs und Hama 25.08.2011

»Wir Syrer wissen, wer die Shabiha des Assad-Regimes sind«


In Libyen freuen sich die Rebellen. Der Sieg gegen Gaddafi naht. Können sich die Syrer darüber freuen und macht es der Opposition Mut?


Nein. Natürlich ist die ganze Aufmerksamkeit der internationalen Medien jetzt auf Libyen gerichtet. Wir dachten, der Kampf in Libyen werde noch länger dauern. Nun ging alles sehr schnell – offenbar haben die westlichen Militärmächte viel dazu beigetragen. Auch von jordanischen und katarischen Spezialeinheiten auf libyschem Boden ist zu lesen. Das benutzt das syrische Regime für seine Propaganda.


Inwiefern?


Auf der Straße sind die Menschen gespalten. Manche glauben, dass tatsächlich eine westliche Verschwörung hinter dem Sturz Gaddafis steckt. Das Regime lässt verbreiten: »Sehr Ihr, so wird es Euch auch gehen. Das Ausland schürt den Konflikt in Syrien, um hier die Macht zu übernehmen!« Mit solcher Propaganda unterwandern die Geheimdienste auch die örtlichen Widerstandskomitees in Syrien.


Das heißt, das Regime setzt nun auf psychologische Kriegsführung – eher als auf Gewalt?


Nein. Das Töten geht weiter. Und in den vergangenen zehn Tagen wurden rund 3500 verhaftet. Heute haben sie zwei Menschen in Homs und zwei in Hama umgebracht.


Die Schläger bekommen am Tag 20 Euro

Wer sind eigentlich diese finsteren, gewalttätigen Milizen, die das Land terrorisieren? Man nennt sie »Shabiha«.


Das Wort ist alt. »Shabh« heißt »Gespenst« auf Arabisch. »Shabiha« sind die »Geisterhaften«. Die großen Clans der Assad-Verwandtschaft, darunter die Familie Makhlouf, hielten sich in den 1980er und 1990er Jahren private Einheiten. Seit der syrischen Invasion des Libanon 1991 arbeiteten die vor allem im Schmuggelgeschäft entlang der libanesischen Grenze. Man wusste, wie sie aussehen: dunkle Kleidung, Bärte, rasierte Schädel, durchtrainiert. Da sie nachts unterwegs waren und offiziell Illegales taten, waren sie bewaffnet. Die Shabiha waren bekannt an der Küste, in Tartus und Latakia. Auch in der Gegend von Homs lebten diese Leute. Wir Syrer wissen, wer die Gespenster des Assad-Regimes sind.


Wann griffen die Shabiha in das Geschehen ein?


Als es im Süden, in Deraa begann, sah man vor allem Uniformierte. Ich glaube, dass die Shabiha da schon mitmischten, allerdings wie reguläre Truppen aussehen sollten. Damals hieß es immer, die 4. Brigade unter dem Kommando des Präsidentenbruders …


… Maher al-Assad …


… führe die Operationen. Im Homs weiß man sicher, dass auch diese irregulären Einheiten an der Gewalt beteiligt waren. Man kennt sie dort ja. Das Regime mag Verkleidungen: Mal sieht ein Killer wie ein Arzt aus und springt aus einem Krankenwagen.


Es wird erzählt, das Regime habe Strafgefangene rekrutiert.


Vielleicht. Seit Beginn der Unruhen hat das Regime systematisch Arbeitslose angeheuert. Die Schläger verdienen in Damaskus 1200 bis 1500 syrische Pfund.


Um die 20 Euro.


Ja, im Norden gibt es weniger, so 500 bis 800 Pfund. Das ist für syrische Verhältnisse schon was.


»Einige schießen, um Angst zu machen, andere gezielt per Kopfschuss«

In Damaskus werden Leute verhaftet und zusammengeschlagen, geschossen wird dort weniger.


Ja, das Regime möchte vermeiden, das es in Damaskus zu rabiat zugeht. Das wäre schlecht für die Propaganda. In Deraa, Idlib, Hama oder Homs sind sie völlig rücksichtslos. In Homs ist es am schlimmsten. Die Stadt ist geschlossen, die Menschen können nicht weg. Deshalb fließt dort besonders viel Blut.


Wer gibt eigentlich die Befehle, wann geschlagen und wann getötet wird?


Die Shabiha haben Waffen und hören auf Offiziere der Geheimpolizei. Aber die Scharfschützen auf den Dächern werden von Spezialisten kommandiert. Deren Befehle lauten: »Bei der oder der Demo knallst du den oder den Rädelsführer ab. Den zweiten Mann von links im roten T-Shirt«. Die Offiziere befehlen vom Boden aus. Man merkt bei den Demos genau: Einige Sicherheitskräfte schießen herum, um den Menschen Angst zu machen, andere liquidieren Demonstranten gezielt per Kopfschuss.


Die Schützen scheinen gut ausgerüstet und ausgebildet zu sein.


Hören Sie mal: Diese Leute kontrollieren Syrien seit Jahrzehnten – man hat sie auf solche Situationen vorbereitet. Die haben viel Erfahrung und bekommen Unterstützung aus dem Ausland, wahrscheinlich aus dem Iran.


Haben Sie etwas von ausgeliehenen iranischen Söldnern oder Hizbullah-Kämpfern auf syrischem Boden gehört?


Habe ich, aber ich glaube das nicht. Die syrischen Sicherheitskräfte sind hart genug.


Wie steht es um die reguläre Armee? In den vergangenen Wochen war von vielen Deserteuren zu hören – auch von erschossenen Soldaten, die sich weigerten, auf Unbewaffnete zu schießen.


Nun, den Soldaten wurden alle Mobiltelefone abgenommen. Sie dürfen seit Monaten keinen Urlaub nehmen und nicht ohne Sondergenehmigung zu ihren Familien. Sie sind abgeschirmt. Aber man weiß, dass das Sednaya-Gefängnis …


… 30 Kilometer nördlich von Damaskus, früher ein gefürchteter Knast für mutmaßliche Islamisten und politische Gefangene …


… inzwischen geräumt wurde: Die zivilen Gefangenen wurden auf andere Haftanstalten verlegt. Sednaya ist nun ein Militärgefängnis für fahnenflüchtige und aufsässige Soldaten.


»Die Kirche und der Großmufti sind ganz auf Seiten des Regimes!«

Auf welcher Seite stehen eigentlich die religiösen Minderheiten – zum Beispiel die Alawiten, denen auch Präsident Assad angehört?


Es gibt auch dort Widerstand, aber insgesamt stützen sie wohl das Regime. Assad hat ihnen erfolgreich Angst gemacht, nach dem Motto: »Wenn ich gestürzt werde, kommen die Islamisten und schlachten Euch ab.«


Ist da etwas dran?


Das ist ein mieser Trick. Aber ehrlich gesagt kann ich nicht ausschließen, dass einige Fanatiker durchdrehen und sich an Minderheiten vergreifen. Wer kann das wissen.


Gibt es schon Anzeichen für Konflikte zwischen Religionsgruppen?


Ein wenig. Im Norden, in der Stadt Masyaf leben viele Ismailiten. Denen wurde vor langer Zeit Land weggenommen und den Alawiten gegeben. Seit auch Ismailiten in Masyaf gegen das Regime demonstrieren, kommen die Ressentiments zwischen den Glaubensgemeinschaften hoch.


Und die Christen?


Unter den jungen Christen haben wir Oppositionelle auch Anhänger. Aber viele, vor allem die älteren, fürchten sich. Und eines möchte ich hier klar sagen: Die offizielle Haltung der christlichen Kirchen und des Großmuftis von Syrien …


… Sheikh Hassoun …


… ist absoluter Kadavergehorsam. Beide stützen hundertprozentig das Regime. Sie wurden von Assad gekauft.


»Assad will die Gewalt!«

Wie organisiert man eigentlich eine Demonstration?


Da hat jeder Ort sein eigenes Verfahren. Man braucht einen so genannten Vertrauenszirkel. Wir verabreden uns elektronisch, etwa 36 Stunden vorher. Der entsprechende Treffpunkt muss genügend Fluchtwege aufweisen. Dann informiert jeder seine Leute. Sie müssen pünktlich sein: Wenn wir 21.45 Uhr sagen, dann heißt das nicht 22 Uhr. Eine Demo dauert 15 Minuten und wird gefilmt. Danach – spätestens – rücken die Shabiha an.


In Homs und Hama ließ man Freiheitsballons steigen. Die Sicherheitsleute schossen darauf mit automatischen Waffen. Die Ballons platzten und setzten hunderte Flugblätter frei.


Das können Sie in Damaskus nicht machen. Wo wollen Sie hier Ballons steigen lassen, die die Leute sehen können?


Was sollte der Westen Ihrer Meinung nach tun?


Mehr Journalisten müssen kommen, die Regierungen müssen Druck ausüben, dass endlich frei berichtet wird. Allerdings weiß das Regime, dass ihm das auf Dauer das Genick bricht. Sie werden weitermachen, aber sie können nicht monatelang die Menschen niederschießen.


Glauben Sie, dass Präsident Assad persönlich die Befehle gibt? Oder ist die Gewaltmaschine so in Gang gekommen, dass er sie nicht mehr kontrolliert?


Nichts da. Assad trägt persönlich die Verantwortung. In seinem letzten Interview hat er das auch ausgestrahlt. Als er von politischen Reformen faselte, dachte ich: Der redet von einem anderen Land. Nein, das war eine ganz klare Ansage: Er will die Gewalt!



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