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Moritz Behrendt
zenith: Femi Kuti, Ihr neues Album »Africa for Africa« klingt ursprünglicher als ihre letzten Produktionen, so als würden Sie zu Ihren Wurzeln zurückkehren.
Femi Kuti: Das war meine Absicht. Ich hatte den Eindruck, zu weit aufs Meer hinauszutreiben. Ich wollte einfach wieder an die Küste zurück.
Dabei hatten Sie doch großen Erfolg mit den elektronischen Remixes ihrer Songs. Hatten Sie, übertragen gesprochen, Angst zu ertrinken?
Ich habe diese Abenteuer sehr genossen, aber letztlich habe ich festgestellt, dass das nicht die Art Musik ist, für die ich wirklich stehe. Ich bin kein Techno-Musiker und ich bin auch kein Hiphopper. Daher musste ich zurück zu meiner Musik. Die Songs sind zwar auch elektronisch verstärkt, aber nicht allzu sehr. Sie sollten so natürlich sein wie möglich, so dass ich sie auch auf der Bühne spielen kann, ohne dass Leute, die die Lieder von der CD kennen, sagen: »Mensch, da fehlt doch etwas.«
Heißt das auch, dass die Musik »afrikanischer« klingen sollte?
Meine Musik orientiert sich an afrikanischen Sounds, das stimmt. Aber eigentlich mag ich es nicht, wenn man Musik in Schubladen steckt. Der Name ist halt »Afrobeat«, aber da steckt so viel mehr da hinter. Ich lasse mich von Jazz beeinflussen aber auch von klassischer Musik. Jeder Komponist wird, ob nun bewusst oder unbewusst, beeinflusst von der Musik um ihn herum. Meine Musik ist afrikanisch, aber ich höre auch viel Salsa. Ich liebe Salsa und vermutlich hört man das meinen Liedern auch irgendwie an.

geboren 1962, spielte schon als Jugendlicher Saxofon in der Band seines Vaters Fela, der 1997 an Aids starb. Femi Kuti ist seit Ende der 1980er selbst Bandleader und feierte mit den Alben »Shoki Remixed« und »Fight to Win« in Europa große Erfolge. Mit seiner Band »Positive Force« tritt Femi Kuti regelmäßig im eigenen Nachtclub »New Africa Shrine« in Lagos auf.
Stimmt es, dass während der Produktion von »Africa for Africa« mehrfach der Strom ausgefallen ist?
Oh ja, andauernd. Manchmal war der Generator auch nicht stark genug, so dass Lautstärke und Tempo der Musik total geschwankt haben. Das klang wirklich strange. Dann mussten wir auch immer die Klima-Anlage ausschalten, um Strom zu sparen. Ich habe geschwitzt wie verrückt. Außerdem sind die Sicherungen im Studio ständig rausgeflogen, wir mussten sie mit Sicherheitsnadeln feststecken. Es war ein Albtraum, aber auf jeden Fall besser, als das Album zum Beispiel in Paris aufzunehmen.
Warum?
Zum Beispiel mussten wir aus Sicherheitsgründen abends immer sehr zeitig aufhören und selbst dann standen wir auf dem Weg nach Hause stundenlang im Stau. Wenn ich danach über die Probleme Nigerias singe, dann singe ich meine Texte nicht in einer Art Zelle in Europa, sondern kämpfend in Lagos. Dadurch bekommen die Texte mehr Gewicht. Es ist einfach glaubwürdiger, wenn ich in Lagos über Stromausfälle und die Korruption singe.
Geht es nach Präsident Goodluck Jonathan, dann gehören die Stromausfälle in Lagos bald der Vergangenheit an. Er will die Stromversorgung im Land privatisieren.
Ach, die Regierung hat doch schon alles privatisiert. Das heißt, den Leuten gehört gar nichts mehr. Von so einem Schritt profitieren nur die Reichen, die dann die Armen ausplündern. Das ist doch immer die gleiche Geschichte. Die Regierung sollte eigentlich die Leute schützen. Wenn die Regierung etwas privatisiert, dann kauft das halt irgendein ehemaliger Militär oder Politiker, der auf dunklen Wegen zu Geld gekommen ist. Das ist genauso ein Hohn wie der angebliche demokratische Wandel in unserem Land: Wer wurde 1999 Präsident? Olusegun Obasanjo, der ehemalige Militärmachthaber, der einfach seine Uniform ausgezogen hat. Jetzt sind die Patenkinder dieser ehemaligen Generäle an der Reihe. Goodluck Jonathan ist doch ein Präsident von Obasanjos Gnaden.
Sie verbinden also gar keine Hoffnungen mit den Wahlen im kommenden Jahr?
Es wird ganz schön lange dauern, vielleicht noch mal fünfzig Jahre bis wir ernsthafte, ehrliche Politiker haben, die nicht gierig und korrupt sind. Anführer, die ihre Leute wirklich lieben, die Afrika wirklich lieben. Es wird dauern, bis sie verstehen, dass sich Korruption langfristig nicht auszahlt. Korruption ist eine Krankheit. Um zu verstehen, dass man keine hundert Paar Schuhe braucht, keinen Fuhrpark mit vielen Luxusautos, dafür brauchen wir in Afrika Zeit und Geduld.
Das ist lustig, vor Jahren haben Sie uns in einem Interview noch gesagt, die Veränderung in Afrika müsse von einem Tag auf den nächsten geschehen. Sind sie geduldiger geworden?
»Vielleicht müssen wir ganz unten ankommen, bevor wir uns aufraffen«
Ich glaube die Trompete hat mich geduldiger gemacht. Nein, im Ernst, ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, warum die Veränderung in Afrika so schwerfällt. Man muss sich einfach mal überlegen, wie lange Afrika unter dem Sklavenhandel und dem Kolonialismus gelitten hat. Und nach der Unabhängigkeit sind es noch immer die Europäer, die vieles in Afrika steuern, etwa Ausbeutung der Rohstoffe – wie Diamanten, Öl oder Coltan. Wir können in Afrika erst die Dinge in die Hand nehmen und verändern, wenn wir die Geschichte unseres Kontinents gut kennen.
Wenn Sie Politiker wären, was wäre Ihre Agenda für Nigeria?
Ich könnte mir das nicht vorstellen, nicht mehr, die Dinge sind in diesem Land einfach zu sehr aus dem Ruder gelaufen. Die ethnischen Probleme, die religiösen Auseinandersetzungen – niemand kann das mehr kontrollieren. Wenn ich von zu Hause zum »New Africa Shrine« fahre, wo wir auftreten, dann fahre ich an 58 Kirchen vorbei. Wir beten zu viel und lernen zu wenig. Ich befürchte, die Probleme unseres Land sind nicht mehr lösbar. Wir müssen vermutlich noch einmal ganz unten ankommen, bevor wir uns wieder aufraffen.
Was heißt, ganz unten ankommen? Ein neuer Bürgerkrieg in Nigeria?
Ich hoffe nicht, dass es so schlimm kommen wird – ich hoffe auch nicht, dass die Anarchie noch weiter um sich greift. Schon jetzt ist es in Lagos ja gefährlich, nach Anbruch der Dunkelheit auf die Straße zu gehen.
Gibt es denn gar nichts Gutes, was Sie über Nigeria und Lagos zu sagen haben?
Doch, doch. Es gibt gute Fußballer, fantastische Ärzte. Es ist ja nicht so, dass wir alle dumm wären. Ich kenne viele exzellente nigerianische Piloten. Die Nigerianer sind sogar ziemlich intelligent und voller Energie. Wir sind sogar so klug, dass wir mit Trickmails alle Welt im Internet betrügen können. Eine gute Regierung würde all diese Energie bündeln. Leider passiert das Gegenteil. Ganz viele Menschen sind verzweifelt und sehen die Kriminalität als einzigen Ausweg. Wer keine Arbeit findet, seine kranken Eltern und die Kinder versorgen muss, der greift zur Gewalt und raubt andere Leute aus. Ich bin mir sicher, ich würde auch so reagieren, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stünde.
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