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Diktatoren-Sohn taucht vor dem Hotel Rixos auf 23.08.2011

Wie entkam Saif al-Islam al-Gaddafi?

Robert Chatterjee


Noch immer ist unklar, ob Saif al-Islam al-Gaddafi, wie zunächst am Sonntag von nahezu allen Medien berichtet, wirklich gefangen genommen wurde, und falls ja, wie er entkommen konnte. In den frühen Morgenstunden zeigte sich der vermeintlich festgesetzte Diktatorensohn samt Anhängern vor dem Hotel Rixos, indem das Gros der internationalen Berichterstatter in Tripolis residiert. Den Fernsehsenden Al-Arabiya und Sky News gab Saif al-Islam ein Kurzinterview, indem er versicherte, dass die Regimekräfte die Oberhand über die Rebellen hätten und er sich in seinem gepanzerten Fahrzeug selbst ein Bild machen wolle. Seine mögliche Auslieferung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag kommentierte Saif al-Islam mit breitem Lächeln: »Scheiß auf den ICC«.


CNN-Journalist Matthew Chance hatte am frühen Morgen per Twitter ein Foto von Saif al-Islam in dessen Auto gepostet, der ein Fragezeichen hinter die bisher verbreitete Version der Gefangennahme setzt. Chance kommentierte das Foto mit: »Mit Sicherheit nicht gefangen genommen!« In den meisten Meldungen hatte es geheißen, dass Saif al-Islam in eben jenem Hotel Rixos dingfest gemacht worden war, vor dem er nun – offensichtlich auf freien Fuß – wieder auftauchte.


Zu den genauen Umständen der Festnahme hatte es tatsächlich keinerlei offizielle Bestätigung gegeben. Jedoch hatte der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates (NTC) Mustafa Abdul Jalil am Sonntag grundsätzlich bestätigt, dass der Diktatorensohn und sein Bruder Muhammad al-Gaddafi von Rebelleneinheiten gefangen genommen worden seien.


Schauplatz Hotel Rixos

Tatsächlich waren das Hotel Rixos und dessen unmittelbare Umgebung in den vergangenen zwei Tagen Schauplatz heftiger Gefechte, die die festsitzenden Journalisten bestätigten. Dennoch war es den Berichterstattern bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich, das Hotel zu verlassen, da sie von regimetreuen Sicherheitskräften daran gehindert wurden – vielleicht ein Hinweis auf Lücken in der bisher herausgegebenen Rixos-Version.


Dennoch gehen Rebellenvertreter, mit denen der Sender Al-Jazeera sprach, davon aus, dass Saif al-Islam verhaftet wurde, aber – entweder aus Leichtsinnigkeit oder vorsätzlich – auf freien Fuß gekommen ist. Möglicherweise habe Saif al-Islam in den Reihen der Rebellen noch eigene Loyalisten untergebracht oder seine Bewacher bestochen.


Befeuert wird die Gerüchteküche durch Meldungen, die fast zeitgleich zu Saif al-Islams frühmorgendlichem Auftritt vor dem Rixos-Hotel durch die Medien gingen. Zum einen soll auch Muammar Gaddafis ältester Sohn Muhammad entkommen sein – ohne dass bisher weitere Details dazu nach außen drangen. Noch am Sonntagabend hatte Al-Jazeera Muhammad Gaddafi am Telefon zugeschaltet – und Schießereien in dessen Domizil quasi live dokumentiert.


Zugleich gelang auch dem gefürchteten Geheimdienstchef Abdullah Senussi, dessen Sohn Muhammad bereits am Samstagabend ums Leben gekommen sein soll, die Flucht, wenngleich seine Festnahme zu keinem Zeitpunkt vermeldet worden war. Senussi soll demnach – wie auch Saif al-Islam – am Sonntag im oder unmittelbar am Hotel Rixos lokalisiert und in die Enge gedrängt worden sein.


Informationsdesater für den Nationalen Übergangsrat

Dass drei so prominenten Regimevertreter in so kurzer Zeit entwischt sind, wird – Kriegswirren und unübersichtliche Lage hin oder her – nicht wenige Rebellenkämpfer stutzig machen. Gegenüber Al-Jazeera mutmaßte ein Rebellenkämpfer gar, der Nationale Übergangsrat habe einen Deal mit einem oder mehreren der Kurzzeithäftlinge geschlossen – möglicherweise im Tausch zu Informationen zum Aufenthaltsort von Muammar al-Gaddafi. Die verwirrende Nachrichtenlage erinnert an die noch immer nicht aufgeklärten Todesumstände von Abdul Fattah Junis, dem Anführer der Rebellenstreitkräfte, der vor knapp drei Wochen erschossen worden war.


Eine wirklich Erklärung hat der Nationale Übergangsrat für den rätselhaften Freigang des bisher prominentesten Häftlings Saif al-Islam bisher nicht bieten können – und steht nun blamiert da. Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) schiebt den Ball ebenfalls zurück nach Benghazi. Man habe zwar aus den Reihen des NTC Meldungen über eine Verhaftung von Saif al-Islam erhalten, aber diese selber nie offiziell bestätigt.


Ähnlich könnte auch die Nachrichtenagentur Reuters argumentieren, die als erste die Meldung von der Festnahme Saif al-Islams sowie eine bestätigende Stellungnahme einer ICC-Sprecherin veröffentlicht hatte, die Nachricht allerdings nicht durch eigene Recherchen überprüft hatte. Das war auch kaum möglich, schließlich sitzen die meisten Journalisten ja im Hotel Rixos fest, die wenigen Berichterstatter im Kampfgebiet – etwa Zeina Khodr von Al-Jazeera oder Alex Crawford von Sky News – hatten im Übrigen gar nicht über Festnahme und Flucht von Saif al-Islam und Muhammad al-Gaddafi berichtet. Abdul Jalil hatte zudem angekündigt, erst Bilder von den Gefangenen zu veröffentlichen, sobald die Lage in Tripolis unter Kontrolle sei. Stattdessen kam ihm Saif al-Islam mit seinem PR-Coup zuvor – und in die Quere.


Obwohl das Ende des Gaddafi-Regimes wohl besiegelt ist, macht das Wirrwarr um Saif al-Islams Verhaftung und anschließendes Auftauchen deutlich, wie unklar der tatsächliche Frontverlauf im Kampf um die libysche Hauptstadt und wie widersprüchlich die Informationspolitik des nationalen Übergangsrats ist.



Gaddafis treuer Freund und die Hostessen

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