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Sören Harms/WP-Irak
Als die amerikanische und die irakische Regierung nach Washington einladen, fehlte etwas. Zwar wurde im Konferenzsaal fleißig getrunken. Aber auf dem Programm der ersten »US-Iraq Business and Investment Conference« war den Gastgebern das Wasser nicht einmal ein eigener Punkt wert. Erstaunlich. Denn gerade der Wassersektor im Irak ist ein Geschäftsfeld, das es zu beackern gilt. Erst hat das Saddam-Regime über Jahrzehnte hinweg die Leitungen nicht modernisiert, Kläranlagen vernachlässigt, Kanäle verrotten lassen. Dann haben die Bomben und Kämpfe des Krieges den Boden umgewühlt, die Rohre zerrissen oder mit Schutt verstopft. Und schließlich ließen Materialräuber selbst das Zerstörte mitgehen. Sabotageakte zielten immer wieder auf Versorgungsleitungen. Daher ist Wasser teuer im Irak. Eine Flasche, importiert aus der Türkei, kostete Ende 2009 in Bagdad umgerechnet 40 Eurocent – ein Liter Öl nicht mal die Hälfte.
Alle Beteiligten, ob auf der Washingtoner Konferenz oder anderswo, stimmen überein, wie wichtig Wasser für das versehrte Land ist. Von A wie »Agriculture« bis T wie »Tourism«: Ohne Wasser geht nichts. Und auch im Irak gilt, was Experten der UNESCO ausrechneten: Jeder Dollar, der in eine bessere Wasserversorgung investiert wird, kehrt vier- bis zwölffach in das System zurück – weil die Landwirte bessere Ernten einfahren, weil weniger Menschen erkranken, weil sie Zeit und Kraft für Erwerbsarbeit haben, statt stundenlang vor Brunnen oder Tanklastern anzustehen.
Fast überflüssig zu sagen, dass auch die Zufriedenheit von etwa 30 Millionen Irakern davon abhängt, ob ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden: zu trinken, ohne krank zu werden. Sich zu waschen. Wäsche zu waschen. Sauberes Wasser bezahlen zu können. Den eigenen Acker zu bewässern. Nicht zu reden vom Fischen und Schwimmen in Flüssen, die frei sind von Kot, Müll und Industrieabwässern.
»Alle reden und schreiben, dass es Strom im Irak nur einige Stunden am Tag gibt. Aber beim Wasser sieht die Situation ja noch schlimmer aus«, sagt Christian Glosauer von Germany Trade & Invest. Die Wirtschaftsförderungs-GmbH gehört dem Bundeswirtschaftsministerium und evaluiert jährlich die Lage in Exportländern. Glosauers »SWOT-Analyse« (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) für das Land nimmt Bezug auf gleich mehrere Punkte. Unter »Chancen« listet der Experte den großen Nachholbedarf bei der Infrastruktur auf, künftige Investitionsschwerpunkte in den Bereichen Erdöl, Elektrizität und Wasser sowie Produktivitätsreserven in der Landwirtschaft. Allerdings: »Die Qualität der Wasserversorgung«, so Glosauer, »liegt weit unter dem Stand, den sie vor der US-Invasion von 2003 hatte.«
Zu Saddams Zeit oder danach – das ist die Messlatte, an der die Iraker den Wiederaufbau ihres Landes messen. Zehn Milliarden Euro veranschlagt die Weltbank für Reparatur und Modernisierung des irakischen Wassersektors. Das Geld dafür ist da: Irak besitzt Petrodollars und dank diverser Aufbau- und Entschuldungsprogramme die Liquidität, um seine Infrastruktur zu erneuern. Eine Gelegenheit also auch für deutsche Bauingenieure, Pumpenproduzenten und Anbieter von Entsalzungsanlagen.
Irak wird seit Jahren von einer schweren Dürre heimgesucht. Normalerweise schlagen sich im Jahr bis zu 1200 Millimeter Regen oder Schnee pro Quadratmeter an den kurdischen Bergen nieder, weit mehr als in Flensburg, Salzburg oder Davos. Diese Niederschläge speisen auch den Tigris und sorgen auf diese Weise für Trinkwasser im subtropischen Bagdad. Dort fallen im ganzen Jahr nur 230 mm – ein Drittel weniger als etwa im spanischen Alicante.
Doch bereits im Frühjahr 2007 blieb ein Teil des Regens und Schneefalls im Norden aus. Im Frühjahr 2008 fiel nicht mal ein Drittel der üblichen Menge; mehrere tausend Verzweifelte versammelten sich in Bagdad, um gemeinsam für Regen zu beten. Und 2009? Üblicherweise lässt im Mai die Schneeschmelze in Kurdistan den Tigris so anschwellen, dass er das Flussbett in Bagdad komplett füllt – diesmal ragten riesige Sandbänke aus dem Wasser hervor. In Nordirak spendeten im August von 683 Grundwasserleitern gerade noch 116 Wasser. Ende November regnete es endlich – zumindest drei Tage lang.
Erstmals spricht das Wasserministerium in Bagdad von »Dürre-Flüchtlingen«: Viele der traditionell in der Landwirtschaft arbeitenden Iraker fliehen in die Städte, weil ihre Scholle sie nicht mehr ernährt. Schon jetzt seien nahezu 7000 Quadratkilometer Agrarland völlig ausgezehrt, sagt Muhammad Amin Faris vom Wasserministerium der kurdischen Regionalregierung. 7.000 Quadratkilometer, das entspricht der halben Fläche Schleswig-Holsteins. Mehr als 100.000 Flüchtlinge hat die UNESCO seit 2005 allein im Nordirak ausgemacht.
Holger Hoff gibt zu einem Teil Entwarnung: »Trockenzeiten wurden in der Region stets von feuchteren Jahren abgelöst.« Hoff, Wasserexperte am Klimaforschungsinstitut Potsdam, rechnet daher nicht mit einer dauerhaften Dürre. Allerdings: Mit dem Klimawandel würden die Trockenzeiten wahrscheinlich intensiver, länger und öfter eintreten. Es gibt Klimamodelle, die für die Region einen Rückgang der Niederschläge um mehr als 70 Prozent prognostizieren.
Aun Abdullah nickt, denn dies stimmt mit seinen Beobachtungen und Messungen überein. »In den vergangenen 20 Jahren gab es immer weniger Regen.« Selbst im sonst regenreichen Winter sei der Irak jetzt eine gelbliche Wüste. Abdullah ist Chef der Abteilung Ressourcenmanagement im Bagdader Wasserministerium, über 40 Jahre lang arbeitet er jetzt schon zum Thema Wasser, und für ihn ist die jetzige Trockenzeit ein Zeichen des Klimawandels. Seit 1933 führt seine Abteilung Statistik über das jährliche Volumen von Euphrat und Tigris. Deren Wassermenge geht seit Jahrzehnten zurück. Zum einen, weil es zu wenig regnet. Zum anderen greifen Syrien, Iran und – vor allem – die Türkei in den Wasserhaushalt Iraks ein.
Wer über den Irak spricht, spricht immer auch über Euphrat und Tigris. Ihr Schwemmland wurde zum Brotkorb Vorderasiens. Ohne sie wäre Mesopotamien, griechisch für »Land zwischen zwei Flüssen« nicht vor 5000 Jahren zum mächtigen Reich aufgestiegen, eine Wiege der Zivilisation: kanalisiert und beackert, mit blühenden Städten und einer Buchführung in Keilschrift, um zu kontrollieren, wer welches Getreide als Steuer abgeliefert hat.
Und ohne die Flüsse hätte sich der Irak bis in die 1970er Jahre hinein auch nicht selbst versorgen können – so lange also, bis Misswirtschaft, drei Kriege, rückständige Agrartechnik und Dürren das Land zum Nahrungsmittelimporteur machten. Von den 434.000 Quadratkilometern Iraks sind heute ungefähr 100.000 fruchtbar – größtenteils gelegen zwischen Euphrat und Tigris. Doch der Wasserstand des Zweistroms ist rapide gesunken. Nicht nur, weil Niederschläge ausbleiben. Geopolitik ist der andere Faktor.
Die Quellflüsse des Tigris und des Euphrat entspringen wenige Dutzend Kilometer voneinander entfernt im Taurus-Gebirge Ostanatoliens, also in der Türkei. Die Schneeschmelze im Frühjahr lässt sie anschwellen. Nach einigen hundert Kilometern erreichen beide Flüsse Syrien. Der Tigris bildet auf 44 Kilometern die türkisch-syrische Grenze und verlässt dann, später Bagdad passierend, auf 1400 Kilometern den Irak nicht mehr. Mehrere Zuflüsse kommen aus dem hauptsächlich iranischen Zagros-Gebirge. Der Euphrat durchquert erst auf 600 Kilometern Syrien, bevor er ebenfalls in den Irak fließt. Südöstlich von Bagdad bilden beide Flüsse ein ausgedehntes Sumpfdelta. An dessen Ende, bei Qurna, fließen Euphrat und Tigris schließlich zum Schatt al-Arab zusammen. Von hier sind es noch knapp 200 Kilometer bis zum Persischen Golf.
Das Problem: Wem gehört das Flusswasser? In semiariden und ariden Regionen der Welt stellt sich diese Frage gehörig anders als an Rhein oder Donau. Von den 263 internationalen Flüssen auf der Welt zählen Euphrat und Tigris zu den umstrittensten. »Die Ansprüche Syriens, der Türkei, Irans und auch Iraks sind zusammen größer als die jährlich verfügbare Menge«, sagt Hassan Partow, Wasserexperte bei UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen. »Diese Länder haben sehr ambitionierte Pläne. Sie reden aber nicht miteinander und ignorieren grundlegende Regeln der Wasserwirtschaft.«
Und so streiten die Regierungen in Damaskus, Ankara und Bagdad – sogar über die Wassermenge, die die Flussbetten von Euphrat und Tigris durchströmt. Während international von 30 beziehungsweise 20 Milliarden Kubikmetern jährlich ausgegangen wird, nennt die staatliche türkische Wasserbehörde DSI weit höhere Zahlen: Der Euphrat führe jährlich 35 Milliarden Kubikmeter, der Tigris sogar 49 Milliarden. Vom Euphratwasser, so das Amt, stammten immerhin 89 Prozent aus der Türkei und vom Tigris 52 Prozent.
Die Frage stellt sich, wer wann wo den Durchfluss gemessen hat – politische Einflussnahme inbegriffen. Denn die Wasserfrage im Nahen Osten ist seit Jahrzehnten ein Lehrstück in Sachen Geo- und Ressourcenpolitik. Im Mai 1975 standen sich irakische und syrische Panzerverbände an der Grenze gegenüber, bereit loszuschlagen. Der Grund: Seit dem Herbst 1973 füllte sich der Assad-Stausee, der ein Volumen von 12 Milliarden Kubikmeter fasst, mit dem Wasser des Euphrat. Statt ehedem 920 Kubikmetern Wasser pro Sekunde führe der Fluss »nicht hinnehmbare« 197 pro Sekunde, so Bagdad. Ein Waffengang ums Wasser blieb dank der Vermittlung Saudi-Arabiens aus: Die Länder kamen überein, dass Syrien 42 Prozent des ankommenden Euphratwassers für seine Landwirtschaft nutzen darf und die Restmenge dem Irak überlässt.
Ein anderes Beispiel. Als Ankara 1990 den Atatürk-Stausee mit einem Volumen von 48,7 Milliarden Kubikmetern fluten ließ, lag der Euphrat in Syrien und Irak fast einen Monat lang trocken. Die Türkei hatte den Nachbarn buchstäblich den Hahn zugedreht. Die Machtdemonstration traf die Syrer empfindlich: Die Turbinen des Tabqa-Damms, zuständig für ein Drittel der syrischen Stromproduktion, standen fast still; und die Bauern hatten längst auf Bewässerung aus dem Euphrat umgestellt und alte Methoden wie den Trockenfeldbau aufgegeben. Ein Nebeneffekt des türkischen Muskelspiels: Damaskus entzog kurdischen Milizen den Schutz, die bis dato von Syrien aus ihren Guerillakrieg gegen die türkische Armee führten. Dafür verpflichtete sich die Türkei, 500 Kubikmeter Euphrat-Wasser pro Sekunde nach Syrien durchzulassen.
Ein letztes Lehrstück: Im September 2009 lud Ankara zum Ministertreffen. Thema: die Wasserfrage. Syriens Bewässerungsminister Bunni nutzte die Gelegenheit zu Vorwürfen: Die Türkei liefere 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde weniger als vertraglich vereinbart. Im Gegenteil, konterte Ankaras Energieminister Yildiz: Man halte sich nicht nur an den Vertrag, sondern habe das Volumen sogar um 17 Kubikmeter pro Sekunde erhöht, um Syrien und Irak in der jetzigen Dürre zu helfen. Eigentlich wollten die Minister über die Einrichtung gemeinsamer Messstationen sprechen – um Streit über angebliche oder tatsächliche Schwankungen der Durchflussmenge zu vermeiden.
»Wasser wird in vielen wasserarmen Regionen immer wieder politisiert, ideologisiert und aufgrund dessen irrational behandelt«, sagt die Heidelberger Konfliktforscherin Christiane Fröhlich. »Dies führt dazu, dass sich Entscheidungen eher am politischen Prestige oder an innenpolitischen Aspekten orientieren als an kooperativen Lösungen.« Entsprechend bezieht auch die SWOT-Analyse von GTaI-Mann Glosauer zwei Risikopunkte für die irakische Wasserversorgung ein: die »Verschärfung des Wassermangels« und die »Erpressbarkeit über die Wasserversorgung«.
Unbestreitbar, dass der Irak am Tropf hängt und Bagdad zu Recht besorgt auf die Oberläufe von Euphrat und Tigris blickt. Dort arbeiten Bagger an der größten Wasserbaustelle der Welt – und darin ist der Atatürk-Staudamm nur einer von insgesamt 22 Dämmen. Die Rede ist vom »Südostanatolien-Projekt«, auf Türkisch: »Güneydogu Anadolu Projesi« (GAP). Die 23-Milliarden-Euro-Investition soll die bislang kaum entwickelten kurdischen Provinzen des Landes nach vorne bringen und die Wirtschaftsmacht Türkei stärken. 19 Wasserkraftwerke sollen 27.300 Gigawattstunden Strom liefern, das Wasser der Stauseen insgesamt 17.600 Quadratkilometer Land bewässern – eine Fläche größer als Thüringen.
Fast die Hälfte davon schaffen bereits die Bewässerungstunnel bei Şanlıurfa: Je 26,4 Kilometer lang und 7,62 Meter hoch, können »T1« und »T2« dem Euphrat gut ein Drittel seines Wassers entziehen: 328 Kubikmeter pro Sekunde. Die Region um Şanlıurfa, die bereits jetzt ein Drittel der türkischen Baumwolle produziert, soll diesen Anteil verdoppeln. Gefördert von der EU, ist ein Teil des Industriegebietes von Şanlıurfa gerade für die Besiedlung ausgeschrieben worden. Die türkische Regierung umwirbt die Unternehmen damit, sich dort anzusiedeln, wo »erstmals in der Weltgeschichte Landwirtschaft betrieben wurde«.
Die Nebenflüsse nicht mitgerechnet, passiert allein der Euphrat auf seinem schluchtenreichen Weg hinunter zur syrischen Grenze jetzt schon fünf Staustufen. Sie fassen rund 100 Milliarden Kubikmeter Wasser. Iraks Wasserminister Latif Rashid hat bereits beklagt, vom Euphratwasser käme kaum noch etwas im Irak an: Im Jahr 2000 seien es noch 950 Kubikmeter gewesen, heute allenfalls 230 Kubikmeter. Dem Tigris drohe Ähnliches, so Mohammed Amin Faris, Teilnehmer der türkisch-irakischen Verhandlungen. Falls die Türkei ihre Pläne ausführe, werde der Strom statt heute 20,9 nur noch 9,7 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr führen – insbesondere, wenn der 2-Milliarden-Dollar-Staudamm Ilisu gebaut wird. Für das umstrittene Projekt am Tigris haben zwar die deutsche, die österreichische und die Schweizer Regierung im Juli 2009 ihre Exportbürgschaften gekündigt. Doch noch besteht das Baukonsortium um den deutschen Baukonzern Züblin, und Ankara sucht neue Geldgeber.
Dazu kommt: Die Stauseen waschen enorme Mengen neuer Salze und Düngemittel aus vormaligen Feld- und Waldböden. »Die Wasserqualität für die Unterlieger Irak und Syrien leidet«, sagt der Hydrogeologe Rafiq Azzam von der RWTH-Hochschule in Aachen. Spätestens, wenn 2020 der letzte Stausee gefüllt ist, soll GAP auch die türkischen Exporte ankurbeln – nicht nur von Strom und Agrarprodukten, sondern auch von Wasser. »Gott hat den Arabern das Öl geschenkt und uns das Wasser«, argumentierte Staatspräsident Demirel bereits in den 1990ern. Prinzipiell hat sich an der Haltung Ankaras wenig geändert. Und in der Tat führt sie zu der Frage, wem Bodenschätze gehören – und ob Wasser nicht gerade in semiariden Regionen als ein solcher Bodenschatz betrachtet werden muss.
Allerdings widerspricht das den internationalen Konventionen: Anders als den Nachbarn von Ölförderstaaten wird den Anrainerstaaten von Flüssen eine Mitsprache eingeräumt. Auch die türkische Regierung zieht mittlerweile einen diplomatischeren Ton vor. So versprach Außenminister Ahmet Davutoğlu bei einem Besuch in Bagdad im Sommer 2009, die Quote an durchgeleitetem Euphrat- und Tigriswasser für den Irak auf über 500 Kubikmeter pro Sekunde zu erhöhen.
Auch der Irak besitzt Dämme. Der Tharthar-See nordwestlich von Bagdad ist mit 100 Kilometern Länge der größte im Irak und mit fast 73 Milliarden Kubikmetern einer der zehn größten Stauseen der Welt. Er dient bei Hochwasser als Überlaufbecken von Tigris und Euphrat sowie als Bewässerungsquelle für die Landwirtschaft. Am Staudammbau bei Samarra war in den 1950er Jahren auch die Züblin AG beteiligt.
Nordwestlich davon staut die Haditha-Talsperre den Euphrat. Außerdem ist da noch der größte Stromerzeuger im Irak: die Tigris-Talsperre 50 Kilometer vor Mosul. 750 Megawatt liefert sie und staut mehr als zwölf Milliarden Kubikmeter Wasser. Geflutet wurde der damalige »Saddam Dam« 1986. Als aber 20 Jahre später Ingenieure der US-Armee den Fuß der 131 Meter hohen Staumauer inspizierten, stellten sie fest, dass sich der darunter liegende Kalkstein auflöst. Das Fazit der US-Inspektoren: »Hinsichtlich des Potentials für innere Erosion ist die Talsperre der gefährlichste Staudamm der Welt.« Die Wahrscheinlichkeit sei »inakzeptabel hoch«, dass die Mauer breche. In diesem Falle würde die Millionenstadt Mosul bis zu 2o Meter hoch überflutet; noch in Bagdad, immerhin 350 Kilometer flussabwärts gelegen, würde die Welle die am Tigris gelegenen Stadtteile bis zu fünf Meter unter Wasser setzen. Um dieses Szenario abzuwenden, sei 25 Kilometer vor Mosul eine zweite Mauer notwendig. Doch im Wasserministerium stößt der Vorschlag der Ingenieure bis heute auf wenig Gegenliebe. Er ist zehn Milliarden Dollar schwer.
Im berg- und wasserreichen Norden stehen auch Dukan und Derbandikhan: Die beiden Dämme am kleineren Zab, einem Zufluss des Tigris, sind mit 400 und 249 MW die größten Kraftwerke Kurdistans. Das Wasserministerium der Autonomen Region entwirft außerdem derzeit fünf Sperren: Die Dämme Daize, Litan, Bistana, Drasch und Schadala sollen zusammen über drei Millionen Kubikmeter Wasser vorhalten. Ob die Regionalregierung in Arbil für den Bau noch Firmen sucht oder bereits Verträge unterzeichnet hat, ist unklar.
Diese Dämme wirken allerdings niedlich im Vergleich zu mehreren Großprojekten: In der Bakhma-Schlucht errichtet man eines der höchsten Sperrwerke der Welt: 230 Meter soll die Staumauer empor ragen, mehr als 1.500 Megawatt die Anlage leisten. Das Projekt wird mit 2,1 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Und in der nordöstlichen Grenzprovinz Wassit prüft die Landwirtschaftsbehörde gerade den Ghatas-Damm: Der Kilal, der sich aus dem Iran speist, soll bei Badra aufgestaut werden.
Allerdings droht auch an dieser Grenze im Wortsinn die nächste Baustelle: Im Sommer bestellte Bagdad bereits den iranischen Botschafter ein, weil Teheran im Zagros-Gebirge mehrere Zuflüsse des Tigris und des Schatt Al-Arab eingedämmt hat. Am Karkeh, dem drittgrößten iranischen Fluss, staut der Damm fast 6 Milliarden Kubikmeter für die Bewässerung von 320.000 Hektar Land. Und bevor Irans größter Fluss Irans, der Karun in den Schatt Al-Arab mündet, durchfließt er mittlerweile fünf Talsperren. Allein im vergangenen Jahrzehnt wurden drei von ihnen eingeweiht. Ihr gesamtes Stauvolumen: fast 13 Kubikkilometer. Auch im Osten droht also ein Wasserhahn.
Als im April 2003 ein US-Panzer in Bagdad bildträchtig die Statue von Saddam Hussein vom Sockel zog, machten sich auch die Maadan daran, Löcher in zwei Dutzend Saddam-Dämme zu graben. Sie gruben mit Schaufeln, Stöcken und Händen je einen schmalen Spalt, den Rest besorgte die Strömung: Im Nu spülte sie breite Brüche in die Erdwälle, und Euphrat wie Tigris eroberten langsam die Sumpfgebiete, die Marschen, zurück.
Die Maadan sind Schiiten, die das ehemals 15.000 Quadratkilometer große Sumpfdelta südöstlich von Bagdad bewohnten. Seit den Zeiten der Sumerer fingen sie dort Fische, bauten Reis an, züchteten Wasserbüffel und flochten ihre Hütten aus dem bis zu acht Meter hohen Schilf. Die Marschen gehörten zu den größten und ältesten auf dem Planeten.
Doch nachdem sie sich nach dem Ersten Golfkrieg 1991 am erfolglosen Aufstand gegen das Saddam-Regime beteiligt hatten, führte der Machthaber einen erbarmungslosen Straffeldzug gegen die Rebellen. Bereits in den 1980er Jahren hatte Saddam mehrere Dämme durch das Sumpfgebiet errichten lassen, auf denen die Panzer im Krieg gegen den Iran rollen konnten. Nun bauten seine Ingenieure Kanäle wie den »Mutter-aller-Schlachten-Fluss« und leiteten so das Euphrat-Wasser an den Marschen vorbei direkt in den Persischen Golf. Der geringe Wasserstand des Euphrat, hervorgerufen durch die türkischen Staudämme, erleichterte das Projekt: Innerhalb von zwei Jahren lagen über 90 Prozent des zuvor für Saddams Armee schwer zugänglichen Schilfgebietes trocken. Von 200.000 Sumpfarabern blieben nur wenige Zehntausend übrig, die übrigen wurden ermordet oder flüchteten nach Iran und Saudi-Arabien. Viele zogen auch in die Armenviertel der Städte und verdingten sich dort als Tagelöhner, nachdem ihre Lebensgrundlage zerstört war.
Was als Abbild des biblischen Paradieses galt, verkam zu einer Wüste mit salzverkrusteten Böden. »Eine der größten Umweltzerstörungen der Welt« nannten es die Vereinten Nationen. Doch nach dem Sturz des Baath-Regimes kehrten die Maadan zurück und rissen Löcher in die Dämme. Fast zwei Drittel der ehemaligen Marschen stehen seitdem wieder unter Wasser. Nun folgen auch die Offiziellen: 2009 unterzeichneten die irakische Regierung und die Welternährungsorganisation (FAO) eine Absichtserklärung, Saddams Kanäle endgültig zu beseitigen, um das Wasser ungehindert in die Sümpfe fließen zu lassen. Die Kosten dafür beziffert die FAO auf 47 Millionen US-Dollar.
Denn das Grundproblem bleibt: Euphrat und Tigris führen weniger Wasser. »Die jetzige Dürre«, sagt Andrea Cattarossi, »beeinträchtigt das Leben der Maadan schwer«. Der Mann kommt aus Padua, ist Wasserbauingenieur und arbeitet an einem Infrastrukturplan für die Region Abu Zirig mit, die 2003 als erste geflutet wurde und sich rasch erholt hat.
Das irakische Wasserministerium erwägt außerdem Rückhaltespeicher ausschließlich für die Sümpfe. Sie sollen sich im Winter füllen und ihre Schleusen im Frühling öffnen, um das ehemalige Frühjahrshochwasser zu simulieren. Denn es existiert kaum noch als solches und spült die brackigen Sümpfe nicht mehr durch wie früher. Im ökologischen Gleichgewicht zwischen Sumpfgebieten, Schatt al-Arab und Persischem Golf werden die brackigen Sümpfe zum Problem. Denn umgedreht fungierten die Schilf-Sümpfe früher auch als gewaltiger Filter für Euphrat und Tigris. »Diese Wasserlandschaft war sozusagen die Niere des Flusssystems«, sagt UNEP-Experte Partow.
Die zwei Ströme des Landes sind nicht bloß knapp an Wasser. Auch die Konzentration dessen, was nicht in einen Fluss gehört, ist enorm gestiegen: Salze und Dünger, Kot und Abfälle. Krieg und Misswirtschaft haben Euphrat und Tigris in Abwasserkanäle verwandelt – und die Sümpfe haben sich noch nicht derart regeneriert, dass sie alle Schadstoffe filtern können. Zumal auch Basra, südlich der Sümpfe gelegen und zweitgrößte Stadt im Irak, seine Abwasser weitgehend ungeklärt in den Schatt al-Arab leitet; dazu kommt Abadan, die größte Raffinerie Irans, die den Schatt al-Arab massiv verölt. Weil außerdem im Zusammenfluss von Euphrat und Tigris der frühere Wasserdruck nachgelassen hat, schiebt sich salziges Meerwasser weit in den Strom hinein und zerstört die Fluss- und Meeresfauna. An der Mündung des Schatt al-Arab in den Persischen Golf ist deshalb die einst florierende Shrimps- und Garnelenproduktion zusammengebrochen.
Eine andere Form der Wasser-Wirtschaft ist die Logistik auf Iraks Gewässern. Die Nationale Investitionsbehörde NIC konstatiert für die sechs Häfen des Landes, sie müssten »auf den neuesten Stand gebracht werden, um den modernen und künftig stark vermehrten Schiffs- und Warenverkehr zu bewältigen«. Das größte Projekt am Golf: der neue Großhafen Fao bei Basra. In den 1970er Jahren hatte die deutsche Dorsch-Gruppe dort zwar ein Hochseeterminal mit 16 Rohöltanks entworfen und bauen lassen. Die Regierung in Bagdad war offenbar zufrieden, denn schon wenige Jahre später beauftragte sie Dorsch mit einer Machbarkeitsstudie zum Transport auf den Wasserwegen des Landes. Zu mehr kam es aber nicht: Mit dem Iran-Irak-Krieg blieb der Schatt al-Arab auf Jahre hinaus umkämpft.
Italienische Soldaten waren bis Ende 2006 im Süden Iraks stationiert, italienische Ingenieure haben den Masterplan für das 2,8 Milliarden-Projekt »Großhafen Fao« erstellt – und die Verhandlungen italienischer Firmen mit Bagdad sind jetzt recht weit gediehen: Sie sollen klären, wo und wie die Baufirma des Transportministeriums bei der Errichtung eingebunden werden kann. Mit einem Jahresumschlag von 48 Millionen Tonnen soll Fao zum größten Hafen in der Region ausgebaut werden.
Mit freundlicher Genehmigung der Wirtschaftsplattform Irak.
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