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Islam in Skandinavien 16.08.2011

Wer sind Norwegens Muslime?


Die Tragödie von Oslo und Utøya am 22. Juli hat uns Norwegern allen einen tiefen Schock versetzt. Unmittelbar nach der Explosion in Oslo fürchteten viele einen islamistischen Terroranschlag und – traurig genug– wurden auch einige unschuldige Muslime auf der Straße Opfer von Übergriffen. Ein paar Stunden später, als der Name des Attentäters und sein extremes rechtes Gedankengut bekannt wurden, war die erste Reaktion der norwegischen Muslime Erleichterung. In den vergangenen drei Wochen haben alle Norweger, Muslime und Nicht-Muslime, ein tiefes Gefühl der Trauer darüber geteilt, dass so viele Leben auf solch sinnlose Weise beendet wurden.


Der Islam und die multikulturelle Gesellschaft waren Ziel- und Hassobjekt des Täters Breivik. Wer aber sind die Muslime Norwegens? Die muslimische Bevölkerung spiegelt natürlich die Vielfalt der Zusammensetzung muslimischer Gesellschaften insgesamt wider. Innerhalb des breiten kulturellen Spektrums des Islams haben sie ganz verschieden geprägte Hintergründe – ethnisch, kulturell und sprachlich. Und natürlich hat Jeder seine persönliche Lebensgeschichte. Diese Vielfalt sollten wir uns vor Augen halten.


In kultureller und religiöser Hinsicht war Norwegen bis Anfang der 1990er Jahre relativ homogen zusammengesetzt – ein Land in Tradition der lutherischen Staatskirche. Immigration aus den Ländern der Dritten Welt hingegen ist eine vergleichsweise neue Entwicklung – und begann in Norwegen später als etwa in Schweden oder Dänemark. Durch den norwegischen Öl-Boom hielt aber die Migration, etwa aus Pakistan seit Ende der 1960er Jahre, dafür beständiger an als in den anderen beiden skandinavischen Ländern. In den 1980er und 1990er Jahren fanden dazu vor allem, wie auch in anderen europäischen Ländern, viele Flüchtlinge in Norwegen Asyl.


Enger Draht zwischen Behörden und Verbänden

Heute sind 1,5 Prozent der insgesamt 4,9 Millionen Norweger Muslime – die meisten von ihnen leben in Oslo, wo sie etwa 10,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen und es über 30 muslimische Gebetshäuser und Gemeindezentren gibt. 1995 hatte Oslo als erste skandinavische Hauptstadt einen explizit als solchen ausgewiesenen Moscheebau.


Da die norwegische Regierung Religionsgemeinschaften finanziell unterstützt und anhand der Mitgliederzahlen bemisst, bekommt man auf diese Weise einen guten Überblick über muslimische Gemeinschaftsorganisation in Norwegen. Etwa 80 Prozent sind demnach in sunnitischen Moscheen organisiert, während schiitische Gruppen etwa 19 Prozent ausmachen. Geht man nach Herkunftsländern, sind die größten Gruppen Pakistanis  (31.061), Iraker (26.374), Somalis (25.496), Bosnier (15.018), Iraner (16.321) und Türken (13.504). 


Seit Anfang der 1990er Jahre lässt sich ein bemerkenswerter Trend beobachten: Nämlich die Organisation der Muslime über die ursprünglichen konfessionellen, ethnischen und sprachlichen Grenzen hinweg. Als wichtigste Organisation ist daraus der »Islamische Rat Norwegen« (Islamsk Råd Norge, IRN) entstanden, eine landesweite Sammelorganisation, der 25 Moscheegemeinden und islamische Organisationen angehören.


Der IRN wurde 1993 gegründet und wird heute als authentischer Repräsentant muslimischer Interessen in Norwegen angesehen. Von Anfang an hat der IRN einen engen Draht zur evangelisch-lutherischen Staatskirche von Norwegen aufgebaut – was sich besonders im Verlauf des Muhammad-Karikaturenstreits 2005 positiv auswirkte. Die norwegische Regierung und die Vertreter der muslimischen Gemeinschaften fanden schnell einen Draht zueinander – und die Lage entwickelte nicht ansatzweise solch eine spannungsreiche und unversöhnliche Dynamik wie in Dänemark.


Polarisierte öffentliche Meinung

Gerade die zweite Generation hat durch die Einbindung in Bildungssystem und Arbeitsmarkt in Norwegen Fuß gefasst und hat – im Vergleich zu ihrer Elterngeneration – einen ganze eigenen, einheimischen norwegischen Islam entwickelt, den sie auch in den Moscheen auslebt.


Dennoch ist auch die norwegische Gesellschaft Teil eines gesamteuropäischen Phänomens einer Angst vor muslimischen Immigranten, die sich in einer zunehmend rechts orientierten öffentlichen Meinung niederschlägt. Probleme und Konflikte, die aus der Interaktion von muslimischen Immigranten und ihrer neuen Gesellschaft resultieren, haben ganz verschiedene Gründe, schaukeln sich dann aber oft hoch. Die öffentliche Diskussion hat in den vergangenen Jahren Reizthemen wie Kinderhochzeit, Beschneidung oder die Kopftuchfrage aufgegriffen. Die Medien berichteten allerdings meist von den extremen Enden des Spektrums – und trugen so ihren Teil zur Polarisierung der Debatte bei, indem nicht selten »Islam« oder »die Muslime« unter Generalverdacht gestellt wurden.


Seit dem 22. Juli scheint sich einiges verändert zu haben – und die muslimische Präsenz in Norwegen wird mit neuen Augen gesehen. Unter den Toten von Utøya waren auch christliche wie muslimische Norweger. Norwegens Muslime haben anlässlich des tragischen Ereignisses ihre Zugehörigkeit zum Land und zur norwegischen Demokratie zum Ausdruck gebracht – und das Gefühl eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls, eines neuen »Wir« spürbar gemacht. Wo wir politisch, gesellschaftlich und kulturell stehen, werden wir im September bemessen können – dann stehen in Norwegen Kommunalwahlen an.

Kari Vogt, 72,


ist emeritierte Professorin am Institut für Kulturwissenschaft und Orientalische Sprachen an der Universität Oslo.



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