Quicknews
Aus Kairo berichtet Christoph Sanders
Krankenwagen rasen unentwegt über den Tahrir-Platz, um die vielen Verletzten zu bergen und in nahe gelegene Krankenhäuser zu bringen. Es hat sich ein System der Nothilfe herausgebildet, das ich mit einer Mischung aus Bewunderung und Erschütterung beobachte. Menschenketten sperren Notärzten den Weg frei. Läufer stellen sicher, dass die Ketten intakt bleiben. Weniger schwer Verletze werden von der Front in der Mohamed-Mahmoud-Straße zu Feldlazaretten getragen oder mit Motorrädern dort hingebracht. Absperrbänder umgrenzen die Areale der Erste-Hilfe-Zelte. Trotzdem fehlt es überall am Nötigsten. Der Twitter-Hashtag #TahrirNeeds dient nur der Organisation von Nachschub für die Demonstranten auf dem Platz. Überall kursieren Aufforderungen, Lebensmittel und Medikamente zu sammeln, sowie Blut zu spenden.
Die Not macht einfallsreich und unerschrocken. Ich höre, dass sich einige furchtlose Kämpfer Telefonnummern auf den Arm schreiben, damit Angehörige und Freunde im Verletzungs- oder Todesfall direkt informiert werden können. Zu jenen, die am Montag an der vordersten Front kämpfen, gehören die Ultras der Fußballclubs Zamalek und Al-Ahly.
Die Fans der beiden Clubs sind eigentlich aufs Bitterste verfeindet. Doch schon während der Revolution im Januar haben sie Seite an Seite Teile des Tahrir-Platzes abgesichert. An diesem Montag scheinen sie unerlässlich, um den Platz zu halten, da die Zahl der Demonstranten auf dem Platz noch bei Weitem nicht das Niveau vom Januar erreicht hat. Verschiedene Bewegungen, darunter auch die »Bewegung des 6. April« und die »Koalition der revolutionären Jugend«, rufen darum für Dienstag zu einem »Marsch der Millionen« auf.
Vor meinen Augen spielen sich schreckliche Szenen ab. Ohnmächtige junge Männer werden pausenlos herangetragen. Andere liegen benommen vor den Feldlazaretten, umringt von Erst-Helfern und Freunden. Einer der freiwillig arbeitenden Lazarettärzte ist Youssef Mohamed, der eigentlich Medizinstudent an der Ain-Shams-Universität ist. Er erklärt mir, dass er viele Augenverletzungen versorgen muss, da Gummigeschosse gezielt auf diese abgefeuert würden.
Tatsächlich gibt es vermehrt Nachrichten über solche Verletzungen. Zu den prominenteren Betroffenen mit Verletzungen dieser Art zählen der Video-Journalist der unabhängigen Zeitung Al-Masry Al-Youm, Ahmed Abdel Fatah, und der bekannte Blogger Malek Mostafa. Neben Verletzungen durch Gummigeschosse und Schrotkugeln, sei der exzessive Einsatz von Tränengas ein großes Problem, so Youssef Mohamed: »Es macht die Leute fertig.«
Laut der unabhängigen ägyptischen Nachrichtenplattform BikyaMasr schießen die ägyptischen Sicherheitskräfte Dibenzoxazepin auf die Demonstranten. Diese als CR-Gas bekannte Substanz sei von der Chemiewaffenkonvention der UN aus dem Jahr 1993, die Ägypten nicht unterzeichnet hat, offiziell gelistet und schließlich verboten worden. Bei meinen Recherchen finde ich dafür jedoch keinen Nachweis. Meine Anfrage an die »Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons« (OPWC) ergibt, dass das Gas als »riot agent control« in der Chemiewaffenkonvention lediglich aufgeführt ist. Staaten müssen vorhandene Vorräte an die OPWC melden. Jedoch ist es nicht verboten und darf zur Aufstandskontrolle eingesetzt werden. BikyaMasr korrigiert zur Stunde seine Angaben.
Sicher ist allerdings, dass das Gas sehr aggressiv ist, die Lunge angreift und bei hoher Dosierung zu hysterischen (Erstickungs-) Anfällen, erhöhtem Blutdruck und vorübergehender Blindheit führt. Die Tränengaskanister, die in Ägypten verwendet werden, stammen von der amerikanischen Firma Combined Tactical Systems, so BikyaMasr.
Immer wieder donnern Schüsse aus Richtung der Mohamed-Mahmoud-Straße über den Platz. Die Demonstranten brüllen begleitet von Trommeln wütend dagegen an: »Al-Sha´ab yurid Isqat al-Mushir – Das Volk fordert den Sturz der Feldmarschalls«. Doch Mohamed Hussein Tantawi, gegen den sich die Wut des Volkes derzeit vor allem richtet, zeigt bislang keine Anstalten der Forderung nachzukommen. Stattdessen tritt am Montagnachmittag ein hochrangiges Militärmitglied vor die Kameras und erklärt, dass die Armee bereit sei, die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zu beschützen.
In den Ohren von Mohamed ist das der pure Zynismus. Der junge Ägypter sitzt in meiner Wohnung in Garden City und erholt sich von ihrem Tahrir-Aufenthalt. Mohamed ist in einer bemitleidenswerten Lage. Er wartet darauf, vom Militär eingezogen zu werden. »Die zweite noch anstehende medizinische Untersuchung entscheidet nur noch darüber, ob ich drei Jahre oder nur ein Jahr dienen muss.«
Er bewahrt die Fassung und erzählt, wie er Versuche seines Nachbars unterbunden hat, Einfluss – »wasta« – bei einem Bekannten im Militär geltend zu machen, um seine Dienstzeit auf ein Jahr zu verringern. Ich bin zutiefst beeindruckt. Schließlich kann es gut sein, dass er bald auf seine Freunde und Sinnverwandten einschlagen muss. »Befehle zu verweigern ist unmöglich. Ich weiß nicht, was dann passiert. Dann erschießen sie dich«, murmelt Mohamed mit gesenktem Blick. Doch noch ist es nicht so weit. Und so zieht es die beiden nach einem kurzen Abendessen zurück auf den Tahrir – in die dritte Nacht und in die Ungewissheit.
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