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Ruinenstadt Mohenjo-Daro in Flutgefahr 19.08.2010

»Weltkulturerbe gegen Menschenleben«

Daniel Gerlach


Im dritten Jahrtausend vor Christus entstand am Ufer des Indus in Pakistan eine einzigartige Metropole, die heute von der Flut bedroht ist. Der Archäologe Michael Jansen erklärt im Interview, wie man Menschen und Ruinen schützen könnte.


zenith: Herr Jansen, Mohenjo-Daro in Pakistan ist nicht nur Weltkulturerbe, sondern eine der ältesten Metropolen der Menschheit. Nun kommt das Wasser immer näher. Wie sicher ist die Anlage vor einer Überflutung?


Michael Jansen: Es ist nicht das erste Mal, dass Mohenjo-Daro von einer Überschwemmung bedroht wird. Die UNESCO hat zwischen 1987 und 1992 insgesamt rund 6 Millionen Euro in Dämme und Schutzmaßnahmen investiert. Nach den letzten Bildern, die ich gesehen habe, stehen die Bäume auf der dem Indus zugewandten Seite bis zur Hälfte im Wasser, aber noch ist die Anlage selbst unbeschädigt.


Wenn die Dämme und Auffangbecken nicht genügen, wird dann Mohenjo-Daro nach dreieinhalb Jahrtausenden abermals untergehen?


Der bekannteste Teil der Stadtarchitektur, die so genannte Zitadelle, liegt hoch genug, um der Flut zu entgehen. Allerdings gibt es einen niedrig gelegenen Teil der Stadt, den Archäologen als DKG-Bereich bezeichnen. Dort befinden sich eindrucksvoll hohe Mauern, die womöglich umstürzen könnten. Meine Befürchtung ist aber eine andere: Sollten die Dämme in der Umgebung von Mohenjo-Daro brechen, stehen etwa 30 bis 40 Dörfer unter Wasser. Die Hügel von Mohenjo-Daro wären dann der einzige Zufluchtsort für bis zu 4000 Personen, die dann mit ihren Familien und ihrem Vieh dort einrücken und erhebliche Zerstörung anrichten würden. Natürlich kann man den Schutz eines Welterbes nicht gegen Menschenleben aufwiegen.


Was können Sie dagegen tun?


Ich habe den pakistanischen Behörden im Namen der UNESCO empfohlen, den archäologischen Fundort dafür vorzubereiten und provisorische Camps einzurichten. Es muss ein Notfallplan her, um die Schäden in Grenzen zu halten.


Wie steht es um das Museum? Viele einzigartige Artefakte der Indus-Zivilisation liegen ja noch in Mohenjo-Daro.


Das Museum wurde nach den Erfahrungen der großen Flut von 1957 in den 1960er Jahren so gebaut, dass es erhöht auf Betonpfeilern steht. Wichtig ist aber, dass die zahlreichen Dokumente zur Erforschung Mohenjo-Daros, die ebenfalls vor Ort lagern, außer Reichweite des Wassers kommen.


Sie erforschen seit Jahrzehnten die Indus-Zivilisation und auch die historische Geografie des Landes. Ist diese Flutkatastrophe von Menschenhand gemacht?


Die Katastrophe nicht, wohl aber ihre Ausmaße. Zum Ende der Monsunzeit fällt immer Regen, wenn auch diesmal außergewöhnlich viel. Zudem hängen die Wassermassen mit der Schneeschmelze im Himalaya und im Hindukusch zusammen. Ich habe allerdings den Verdacht, dass die Dämme, die den Indus und seine Zuläufe begrenzen, nicht ordentlich gewartet wurden. Das Dammsystem stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit der britischen Kolonialverwaltung. Die Behörden hätten vorsorglich ein paar tausend Dorfbewohner mit Sandsäcken losschicken müssen, um die entsprechenden Schwachstellen zu reparieren. Der Druck ist hoch, denn der Indus wird durch die Dämme seiner natürlichen Ausbreitungsräume beraubt.

Michael Jansen


geboren 1947 auf Usedom, ist Archäologe und Professor für Stadtbaugeschichte an der RWTH Aachen. Seit den 1970er Jahren erforscht
Jansen die Indus-Zivilisation und berät die UN-Kulturorganisation UNESCO
als Experte.

Das System des Indus mäandriert und überschwemmt offenbar seit Urzeiten die Umgebung. Wie haben sich die Menschen, die im dritten Jahrtausend vor Christus die Stadt Mohenjo-Daro bauten, davor geschützt?


In der Tat ist es ein einzigartiges Wagnis gewesen, eine solche Metropole am Indus, also mitten im so genannten Alluvial-Gebiet, zu bauen, wo man regelmäßig mit Fluten rechnen muss. Aber die Stadt wurde offenbar auf einer künstlichen Lehmziegelplattform errichtet, die wir noch immer erforschen. Die Menschen der Bronzezeit konnten mit der Flut umgehen – und sie hatten Boote, um sich selbst und ihre Waren zu transportieren. Deshalb ist die Indus-Kultur neben Ägypten und Mesopotamien ja eine große Strom-Kultur geworden, die sich dank ihrer Transportwege entwickeln konnte.


»Früher stiegen die Menschen auf ihre Boote«

Warum sind die Menschen der Region der Flut heute offenbar so hilflos ausgeliefert?


Nun, der Teil der Provinz Sindh, in dem sich Mohenjo-Daro befindet, ist von der Katastrophe noch nicht in dem Maße betroffen wie der Norden Pakistans. Aber das Problem ist: Bevor die Briten mit der Eindämmung des Indus begannen, gab es in diesem Gebiet keine Städte. Die Dämme ermöglichten zwar künstliche Bewässerung – dadurch wuchs im Sindh eines der größten künstlich bewässerten Agrargebiete der Welt. Aber so entstanden eben auch Dörfer in der Ebene, wo man früher höchstens temporär gesiedelt hätte.


Was planen Sie nun für Mohenjo-Daro?


Wir haben mit der UNESCO und den pakistanischen Behörden eine Art Krisenstab eingerichtet. Sobald das Wasser nicht mehr steigt, werde ich nach Pakistan fliegen, um die Lage zu inspizieren. Für die Menschen wäre es wohl das Beste, zukünftig gar nicht mehr dauerhaft im Gebiet zwischen den Dämmen zu siedeln und Häuser zu bauen – vor allem aber sollte man die Dämme sachgerecht in Stand halten. Es gibt übrigens ähnliche Probleme im Gebiet des Ganges in Bangladesch.


Woran ist eigentlich die Indus-Zivilisation gescheitert. An einer Flut?


Sicher nicht. In der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus trocknete vermutlich ein paralleles Fluss-System im Osten aus, im heutigen indischen Staatsgebiet. Dadurch wurden viele Städte unerreichbar und das volkswirtschaftliche System, das auf Handel basierte, zerfiel. Offenbar ist diese Kultur aber in einer Art Oligarchie verhaftet geblieben, das heißt, dass sich nie ein König oder Tyrann an die Spitze der Gesellschaft gesetzt hat wie in Ägypten oder Mesopotamien. In diesen bronzezeitlichen Hochkulturen war Königsherrschaft ja der Garant für Entwicklung und Zusammenhalt. Anders am Indus. Wir finden dort keine monumentale Architektur, die auf Königsherrschaft deutet. Der Staat, wenn man denn dieses Wort gebrauchen möchte, ist sozusagen irgendwann implodiert.


Offenbar wussten die Menschen der Indus-Zivilisation, über deren Identität man heute eher wenig weiß, besser mit dem Fluss umzugehen als die Behörden heute.


In der Tat bestieg man damals vermutlich Boote, wenn die Flut kam. Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es auf dem Indus noch viele Flussnomaden, so genannte Mohanas. Diese Leute besaßen Hausboote in einer sehr alten, charakteristischen Form. Leider haben die Behörden in den letzten Jahren alles unternommen, um die Mohanas zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Kaum jemand in dieser Umgebung besitzt heute mehr ein Boot, um sich vor der Flut zu retten.



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