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Kriegsherd Somalia 21.07.2010

Warten auf die regionale Katastrophe

Florian Bigge


Ein Anschlag der somalischen Shabaab-Miliz auf die ugandische Hauptstadt Kampala hat Ostafrika erschüttert. Viel zu lange blieb ein Konflikt unsichtbar, der sich nun regionalisieren könnte: der Bürgerkrieg in Somalia.


Somalia ist gegenwärtig der einzige Ort auf der Welt, wo eine ganz offensichtlich radikal-fundamentalistische islamische Miliz einen sicheren Hafen hält. Es ist ein Schauplatz im Kampf gegen den Terrorismus, bislang aber ein unsichtbarer. Und anders als etwa in Afghanistan, im Irak oder in Pakistan misslingt in Somalia allein schon der Versuch, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln, und existiert nicht mal ein Staat, der für ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit sorgen könnte – trotz der Milliarden US-Dollar, der diplomatischen Aufmerksamkeit und der Friedensbemühungen.


Somalia war bereits ein gescheiterter Staat, als es schon wieder scheiterte. Über Jahrzehnte hinweg blieben Konflikte ungelöst und von ausländischen Mächten unterstützt, bis auch noch das letzte Überbleibsel eines Staats verschwand. Seit dem Zusammenbruch des Regimes von Mohamed Siad Barre 1991 ist Somalia ein Muster von Not und Gewalt: knallhart, kampferprobt, verzweifelt. Von den Eliten verlassen, leben in dem Land Zwanzigjährige, die mit dem Krieg aufgewachsen sind und der ihnen zur Notwendigkeit wird; Menschen, die sich den endlosen Fortsetzungen des Krieges anpassen müssen und eine funktionierende Regierung so wenig kennen wie Schulen und Theater. Google findet zu Somalia einen Haufen schlechter Beiwörter: Piraterie, Steinigungen, islamistischer Terror, Kindersoldaten, Anarchie.


Seit einem Jahr ist die brüchige somalische Übergangsregierung unter Präsident Sharif Sheikh Ahmed im Amt und reibt sich in einem Bürger- und Stellvertreterkrieg mit der aufständischen islamistischen Shabaab-Miliz auf. Ohne die finanzielle und militärische Unterstützung durch die USA und ohne die 6000 Mann starken Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AMISOM) könnte die Übergangsregierung nicht überleben. Mit ihrer Hilfe kontrolliert die Regierung gerade einmal den Präsidentenpalast, den Hafen und einige Straßenzüge in Mogadischu. Präsident Ahmed hat die Kontrolle über weite Teile des Landes an die Shabaab verloren.


Ein blutiger Ausfallschritt

Heute befindet sich Somalia in einem stetigen Prozedere, das kafkaesker nicht sein könnte: Vor und zurück geht es in Mogadischu; die islamistischen Rebellen kommen bis auf eine Meile an den Präsidentenpalast heran, dann kommen die Friedenstruppen den schlecht ausgebildeten und bezahlten Regierungssoldaten zur Hilfe und treiben die Aufständischen wieder zurück. Vor und zurück; es gibt keinen Sieger in dieser Auseinandersetzung. Die Bevölkerung wird zum leidtragenden Zeugen der Schießereien zwischen den Regierungstruppen und viel zu oft Opfer der Granatenbeschüsse auf die vermuteten Stellungen der Shabaab.Vor kurzem tat Somalias Bürgerkrieg einen Ausfallschritt.


Zwei blutige Anschläge auf die ugandische Hauptstadt Kampala mit über 70 Toten könnten eine politische Dynamik in Gang setzen, deren Logik nur zu gut an den weltweiten Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001 erinnert, und sich zu einer verheerenden politischen Affäre am Horn von Afrika ausweiten könnte. Bislang operierten die Shabaab nur innerhalb Somalias – abgesehen von vereinzelten Scharmützeln entlang der Grenze zu Kenia. Somalia implodierte innerhalb seiner Grenzen und der Bürgerkrieg griff nicht auf die Nachbarländer über.


Die Shabaab bedienten sich in ihrem puritanisch-totalitären Geist einer globalen Rhetorik; sie zogen sich den Mantel des Islam über, luden Osama bin Laden medienwirksam nach Somalia ein und verkündeten offiziell, Verbündeter von al-Qaida zu sein. So rekrutierte die Gruppe sogar mehr Kämpfer selbst aus den USA als jede andere Gruppe im losen Netzwerk der al-Qaida, und wurde zum bevorzugten Ziel für hunderte dschihadistische Möchtegernkämpfer. Sie importierte den Terror, trug ihn aber nicht nach außen.


Am Tag nach dem Blutbad in der ugandischen Hauptstadt am 11. Juli bekannte sich ein Sprecher der Shabaab zu den Anschlägen und warnte, dass diese erst der Beginn von weiteren Anschlägen auf Uganda und Burundi wären, zögen sich die afrikanischen Friedenstruppen – deren Kontingent burundische und ugandische Soldaten stellen – nicht aus Somalia zurück. Das war nicht nur eine unmissverständliche Warnung, sondern auch ein kaltblütiger Beweis für die Fähigkeit der Gruppe, ihren Kampf über die Grenzen zu tragen.


Die Anschlagsziele – Kampala, ein äthiopisches Restaurant, ein Rugby-Club mit vielen ausländischen Gästen – künden nicht nur von einer gewollten weiteren Regionalisierung des Konflikts am Horn von Afrika. Die Auswahl der Ziele widerspricht der eigenen Rhetorik wie auch der Arithmetik im weltweiten Krieg gegen den Terror, der nach dem 11. September 2001 begann: das Ihr und das Wir – der Westen und auf der anderen Seite der Islam.


Es ist kein Konflikt, der sich entlang der Kulturen zieht, sondern mitten durch sie hindurch. Unter den Opfern waren Muslime wie Christen und unter den mutmaßlichen Tätern befinden sich Eriträer, Ugander, sogar Äthiopier, letztere historische Erzfeinde und christliche Nachbarn der Somalis. Und wenn die Shabaab als Motiv für den Anschlag angebliche Massaker der Friedenstruppen an der somalischen Bevölkerung anführte und von Rache sprach, so tat sie dies auch im Bewusstsein der schwindenden Unterstützung in der Bevölkerung für ihren Kampf gegen die Übergangsregierung.


Kriminelle in Sandalen

In der Tat nehmen die Friedenstruppen keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, wenn sie mit Panzern und Granatwerfern auf Scharfschützen und Milizen in Sandalen schießen, die in Wohnvierteln operieren. Aber auch die Shabaab töten wahllos die Menschen, die sie eigentlich befreien wollten. Ihre harsche Auslegung des Islams befremdet viele Somalis, die mehrheitlich dem Sufismus anhängen. »Die von den al-Shabaab kontrollierten Gebiete genießen eine relative Ruhe und Stabilität, aber die dort lebende Bevölkerung ist neuen Formen von Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und sozialer Kontrolle unterworfen«, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.


So weit sie eigentlich von ideologischen Wurzeln und der propagierten vermeintlichen islamischen Tradition entfernt sind, so sehr sind sie Kriminelle. Ihre Herrschaft beruht auf realpolitischen und wirtschaftlichen Interessen ihrer Anführer und der lokalen Clans. Auch ist die Gruppe keine monolithische Bewegung. In den letzten Monaten wuchsen die inneren Differenzen zwischen einem pragmatischen Flügel mit nationalistischen Zielen und einem dogmatischeren Flügel. Für sie ist der Kampf in Somalia nur Teil eines weltweiten Kampfes, an dessen Ende die Gründung eines islamischen Kalifats steht.


Die Anschläge in der ugandischen Hauptstadt dürfte dem internationalen Flügel vorerst Genugtuung sein. Sie sollten die inneren Strömungen wieder einen und den Aufstand gegen die Übergangsregierung legitimieren, um die Bevölkerung wieder hinter sich zu bringen. So das Kalkül der Shabaab.


Ein gefährlicher Automatismus

Bewahrheitet sich die wüste Kriegsrhetorik des ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, der als Reaktion auf die Anschläge eine drastische Aufstockung der AMISOM-Truppen forderte und zudem versprach, Somalia zu säubern, könnte sich die Hoffnung der Shabaab auf eine erneute Intervention von außen erfüllen. Ihr böte sich dann genügend Propagandamaterial, um sich als Wahrer der somalischen Interessen und Verteidiger der Bevölkerung vor ausländischen Mächten zu inszenieren. Das wäre der Automatismus aus Reaktion und Aktion, der 2006 mit dem Einmarsch äthiopischer Truppen in Somalia einsetzte und die Erstarkung und Legitimierung der Shabaab-Miliz erst zur Folge hatte.


Und es wäre der gleiche Automatismus, der an anderer Stelle in Afghanistan eigentlich gemäßigte Stammesführer aus Widerstand gegen eine gefühlte amerikanische Besatzung auf die Seite der Taliban wechseln lässt. Wenn man eine Lehre aus dem weltweiten Krieg gegen den Terror der letzten Jahre ziehen kann, dann die, dass man dem Extremismus nicht durch militärische Interventionen und der sturen Fokussierung auf Sicherheit den Boden entziehen kann. Nur die Lösung von humanitären Missständen und die Einbeziehung moderater Kräfte vor Ort, und seien es so genannte Islamisten, kann dem Extremismus das Gras unter den Füßen wegmähen.



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