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Mohamed Amjahid
Hoch oben auf der Zigarettenfabrik thront der Marlboro-Mann über das Fabrikgebäude an der Köllnischen Heide im Berliner Stadtteil Neukölln. Zu seinem lässigen Lasso und der Kippe im Mundwinkel verbreitet sich ein feiner Tabakgeruch: Keine Frage welcher Cowboy hier das Revier markiert. Dennoch kommen regelmäßig Journalisten mit ihren Kameras und Schreibblocks an das Absperrgitter und haben anderes als den Wilden Westen im Sinn.
Zwei junge Männer rauschen mit ihrem tiefergelegten BMW-Cabrio durch die Kurve und bremsen scharf vor der Al-Nour-Moschee. Einer der beiden schließt das Auto ab: Es piept zwei Mal, die Blinker leuchten grell orange. »Wo wollt ihr Jungs hin?«, fragt ein alter Mann an einem Nebeneingang, der zum Gebetsraum führt und als Vorratskammer dient. »Ist der Friseur da?«, fragt der eine. »Oben«, lautet die Antwort.
Die Al-Nour Moschee scheint wie jede andere Moschee in Neukölln zu sein: unauffällig, mit preisgünstigen Dienstleistungen für Vereinsmitglieder rund um Essen und Haare. Doch die Al-Nour Moschee ist besonders, denn sie macht regelmäßig Schlagzeilen, negative Schlagzeilen. Von »Moschee mit Macht« und »Einem Ort der Hass-Prediger« schreiben Journalisten, nachdem sie hier waren. Pierre Vogel, der niederrheinische Konvertit mit Henna-braunem Rauschebart geht hier ein und aus. Bilder von ihm sind in den Archiven von Fernsehsendern schnell zu finden, immer wenn es um Terroristen in Deutschland geht, wird er gezeigt.
An dem gleichen Absperrgitter versammelten sich schon Lesben und Schwule, um gegen die Forderung eines Imams zu demonstrieren, die Todesstrafe für Homosexualität einzuführen. Hier haben Verfassungsschützer alle Hände voll zu tun, die ganzen verfassungsfeindlichen Predigten der hier heimischen Salafisten zu dokumentieren. Hier verüben Unbekannte – vermutlich aus der rechtsradikalen Szene – regelmäßige Brandanschläge. Hier möchten Muslime tatsächlich nichts mit der Außenwelt zu tun haben: »Tag der offenen Moschee? Wieso sollten wir?«, sagt der Wächter an der Tür, »ich sehe keinen Anlass dafür, Fremde hier rein zu lassen, heute ist ein Tag wie jeder andere«.
Das Ehepaar Bode hat auf dem Boden Platz genommen. Der Vortrag über 1400 Jahre Islam dauerte eineinhalb Stunden. Die junge Dame mit dem blauen Kopftuch hat sich besonders gut vorbereitet, da blieb erstmal keine Zeit für Fragen. Der smarte Imam erklärt den Gästen noch schnell, wie so alles in einer Moschee abläuft, bis er vom Muezzin darauf aufmerksam gemacht wird, dass es nun Zeit fürs Gebet sei.
»Wir sind hier aus purer Neugierde!«, sagt Frau Bode und zeigt auf die betenden Männer vor ihr und die betenden Frauen in der letzten Reihe. Die Bodes wohnen am Stadtrand Berlins und sind bis nach Neukölln gereist, »um sich mal so etwas von Innen anzuschauen«. Zum 14. Tag der offenen Moschee hat auch das »Haus des Friedens«, rund 10 Minuten S-Bahnfahrt vom Revier des Marlboro-Mann entfernt, seine Türen geöffnet.
Die Kinder hüpfen zwischen den Beinen der Männer herum, ein kleines Mädchen ist wie Prinzessin Lillifee verkleidet. Sie betet ein bisschen mit, bevor sie merkt, dass ihr doch langweilig dabei wird. Sie spielt lieber mit ihrer Perlenkette weiter. »Wir haben eins gelernt«, zieht Herr Bode ein Fazit, »wenn jeder so leben würde, wie sein heiliges Buch ihm sagt, dann hätten wir keine Probleme«.
Nachbarn und Anwohner haben sich an diesem 3. Oktober aber nicht in der ehemaligen apostolischen Kirche verirrt. »Ich hätte mir schon gewünscht, mehr als nur vier Besucher zu begrüßen«, sagt Mohamed Taha Sabri, Imam der Friedensmoschee. Dennoch wurden die vier Gäste nach islamisch-arabischem Willkommensritus mit Keksen, Getränken und einem breiten Dauerlächeln umhegt und gepflegt.
»Die Leute, die sich an einem solchen Tag verschließen«, setzt der Imam bei der Frage nach den Kollegen von der Al-Nour-Moschee an, »Tja, was kann man über die sagen? Auf jeden Fall können wir so auf ihren Intellekt schließen«. Seine Gemeinde jedenfalls freue sich auf die Gelegenheit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Im Gebetsraum dröhnt religiöse Kindermusik, die Kleinen führen einen Tanz vor.
Seine Enttäuschung über die geringe Resonanz in seiner Moschee kann der Imam dann doch nicht verbergen. Es sei einerseits die nahegelegene, prunkvolle Sehitlik-Moschee, die die meisten Besucher anziehe. Andererseits müssten sich Muslime auch an die eigene Nase fassen: »Wir sind selbst schuld, weil wir bis jetzt ein Geheimnis für die Leute sind und nichts dagegen getan haben.« Der Imam ist Muslim und Araber zugleich: doppeltes Handicap. Dass er aber nun stolz erzählen kann, dass er aus Tunesien kommt, der Wiege der arabischen Demokratiebewegung freut ihn: »Und so wollen wir auch Teil dieser Demokratie werden.«
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