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Jemens Wirtschaft am Boden 23.04.2012

Von Aufbruch keine Spur

Robert Espey/GTaI


Wieder einmal, voraussichtlich Ende Mai in Riad, wollen sich Geberländer treffen, um für das Armenhaus der Arabischen Halbinsel zu sammeln. Eine ähnliche, 2006 gestartete Aktion hat sich als große Enttäuschung erwiesen. Rund 4,7 Milliarden US-Dollar waren damals für den Vierjahreszeitraum 2007 bis 2010 zugesagt worden, davon sollen aber bislang nur geschätzte 10 Prozent geflossen sein. Das Pro-Kopf-Einkommen der 26 Millionen Jemeniten dürfte 2011 bei etwa 1.100 US-Dollar gelegen haben, das Nachbarland Oman kam auf über 20.000 US-Dollar.


Die politische Krise hat zu einer starken Schrumpfung der ohnehin sehr schwachen Wirtschaft, einer hohen Inflation und einer Arbeitslosigkeit von über 50 Prozent geführt. Offizielle Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2011 liegen noch nicht vor, die Schätzungen haben eine große Bandbreite. Die Economist Intelligence Unit (EIU) geht in ihrer jüngsten Schätzung  vom März 2012 von einem realen BIP-Rückgang um 7,8 Prozent aus. Für 2012 sind die Prognosen insofern positiv, dass ein weiterer Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten eher unwahrscheinlich ist. Vorhersagen über einen möglichen BIP-Zuwachs basieren auf der Annahme einer gewissen politischen Stabilisierung, wovon allerdings derzeit nicht ausgegangen werden kann.


Jemens politisch-militärisches Establishment ist zerstritten. Im Militär und in den Sicherheitskräften bekämpfen sich in wechselnden Formationen Anhänger und Gegner des Ex-Präsidenten. Die im November 2011 unter saudi-arabischer Federführung mit Saleh ausgehandelte Rücktrittsvereinbarung hat ihm Immunität zugesichert und erlaubt Saleh die Fortsetzung politischer Aktivitäten. Gegen die Saleh-Fraktion haben sich der unter Saleh zweitmächtigste Mann des Landes, General Ali Mohsen, und Stammesführer Hamid Al-Ahmar mit seiner islamistischen Al-Islah Partei in Stellung gebracht. General Mohsen und Al-Ahmar drängen den neuen Präsidenten, Salehs Clan und Gefolgsleute zu entmachten. Demgegenüber verlangt Saleh die Entlassung des Generals. Konflikte zwischen politischen Gruppierungen werden auch aus der öffentlichen Verwaltung und staatlichen Betrieben gemeldet.


Der Ölsektor ist Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich

Der Öl- und Gassektor bleibt der strategisch wichtigste Wirtschaftszweig des Landes, dessen Ausstoß aber infolge der politischen Unruhen und fortwährender terroristischer Aktionen stark zurückgegangen ist. Schon vor Beginn des Proteste Anfang 2011 war der Ölsektor Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich. Seit langem ist die Ölförderung rückläufig. Ausländische Investoren werden gesucht, um die erheblichen Reserven zu erschließen. Gegenwärtig wird nur in zwei der insgesamt zwölf bekannten Ölregionen gefördert. Die aktuell nachgewiesenen Reserven liegen bei 3 Milliarden Fass. Insgesamt schätzt die jemenitische Petroleum Exploration & Production Authority (PEPA) die Reserven auf fast 10 Milliarden Fass.


Nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur (IEA) lag die Förderung 2002 bei durchschnittlich 0,46 Millionen Fass pro Tag. Seither ist der Trend rückläufig. Die Förderung fiel 2010 auf 0,30 Millionen Fass pro Tag. Streiks und Sabotagen am Pipelinenetz führten 2011 zu einem Absacken auf 0,23 Millionen Fass pro Tag, so die IEA-Schätzung. Ein Tiefpunkt wurde im 2. Quartal 2011 mit nur noch 0,15 Millionen Fass pro Tag erreicht. Nach Reparatur der 435 Kilometer langen Marib-Ras Issa-Pipeline stieg die Produktion im August 2011 wieder auf 0,21 Millionen Fass pro Tag Ende August wurde die Pipeline erneut gesprengt. Auf eine Wiederinbetriebnahme folgte im Januar 2012 ein weiterer Anschlag. Die Prognose der IEA für das Gesamtjahr 2012 liegt bei 0,18 Millionen Fass pro Tag.


Anschläge auf das Pipeline-System haben auch den lokalen Downstreamsektor geschädigt. Jemen verfügt über zwei stark modernisierungsbedürftige Raffinerien. Die von BP gebaute, 1954 in Betrieb genommene Anlage in Aden besitzt eine theoretische Verarbeitungskapazität von 130.000 Fass pro Tag, die Raffinerie in Marib hat eine Leistung von 10.000 Fass pro Tag. Im Mai 2011 musste in Aden nach einem Anschlag auf die Versorgungspipeline die Produktion vorübergehend eingestellt werden, dann erneut – ebenfalls sabotagebedingt – im November. Derzeit ist die Aden-Raffinerie, die wesentlich für den lokalen Bedarf produziert, weiterhin außer Betrieb. Jemen ist auf den Import von Mineralölprodukten angewiesen, die vor allem Saudi-Arabien liefert.


Das größte Industrieprojekt des Landes steht derzeit still

Für beide Raffinerien sind Investitionsprojekte in der Planung. Wann es zu einer Umsetzung kommt, ist völlig unklar. Über die auf 3 Milliarden US-Dollar kalkulierte Modernisierung in Aden wird unter anderem mit der chinesischen Sinopec Corp. verhandelt. Die Bemühungen zur Modernisierung der Raffinerie reichen mehr als ein Jahrzehnt zurück. In Marib ist für 350 Millionen US-Dollar eine Kapazitätserweiterung auf 25.000 Fass pro Tag geplant.


Das größte Industrieprojekt des Landes, die Ende 2009 in Betrieb genommene, 4,5 Milliarden US-Dollar teure LNG-Exportanlage (Liquefied Natural Gas) in Belhaf am Golf von Aden, steht derzeit ebenfalls still. Im März 2012 wurde die Versorgungsleitung gesprengt. Das LNG-Werk hat eine Jahreskapazität von 6,7 Millionen Tonnen. Jemens nachgewiesene Gasreserven liegen bei 16.900 Milliarden Kubikfuß. Die Gasförderung wird für 2010 auf 1.153 Milliarden Kubikfuß geschätzt, davon wurden 890 Milliarden Kubikfuß in Ölfelder reinjiziert, 194 Milliarden Kubikfuß als LNG exportiert und die restlichen 69 Milliarden Kubikfuß anderweitig vermarket.


Nicht nur im Öl- und Gassektor sondern auch in allen anderen Bereichen liegen nahezu alle Entwicklungsprojekte auf Eis. Die MEED-Projektdatenbank weist nur ein einziges laufendes Vorhaben aus, ein ländliches 45 Millionen US-Dollar Elektrifizierungsprojekt in der Provinz Shabwa. Insgesamt 44 Projekte im Wert von 148 Milliarden US-Dollar sind vorläufig gestoppt. Das größte »On Hold«-Entwicklungsvorhaben ist die »Al-Noor City« am Golf von Aden mit einem Investitionsvolumen von 100 Milliarden US-Dollar. Der Projektbetreiber, die Al-Noor Holding Investment, plant auch den Bau einer 28,5 Kilometer langen und 20 Milliarden US-Dollar teuren Brücke zwischen »Al-Noor City« und einer Zwillingsstadt in Djibouti.


Ebenfalls gestoppt sind alle sieben von der »Public Electricity Corporation« (PEC) geplanten Kraftwerke Marib 2, Marib 3, Mabar, Aden, Al-Hudaidah, Mukalla und Al-Hiswa. Nach Berechnungen des jemenitischen Energieministeriums benötigt das Land mittelfristig neue Kraftwerkskapazitäten von etwa 1.000 Megawatt.



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