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Dominik Peters
Ovadia Josef, geistliches Oberhaupt der israelischen Schas-Partei, meldet sich im Vorfeld der Friedensverhandlungen zu Wort – und wünscht den Palästinensern »die Pest«. Es ist nicht seine erste verbale Entgleisung.
Seine Anhänger nennen ihn »unseren Meister«, seine Gegner verächtlich einen »jüdischen Ajatollah«: Ovadia Josef, der geistliche Führer der sephardischen, ultra-orthodoxen Schas-Bewegung polarisiert – und bestimmt seit mehr als zwei Jahrzehnten die Geschicke des Nahen Ostens maßgeblich mit.
Im Vorfeld der Friedensverhandlungen zwischen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmmud Abbas hat er sich nun gewaltig zu Wort gemeldet: »Mögen all die Bösen, die Israel hassen, wie Abu Masen und alle Palästinenser, von unserer Welt verschwinden. Möge die Pest sie befallen«, sagte er nach Angaben des israelischen Militärrundfunks Galei Zahal. Seine Entgleisung sorgte für viel Unmut in der arabischen Welt. Auch Ministerpräsident Netanjahu ließ eiligst durch seinen Sprecher verlauten, dass dies keine Äußerung sei, die mit der Meinung der israelischen Regierung etwas zu tun habe.
Es ist nicht das erste Mal, dass der 89-Jährige gegen die arabische Welt und die Palästinenser polemisiert – und das, obwohl er selbst ein »Misrachi«, ein arabischer Jude, ist.
Ovadia Josef kam 1920 in Bagdad als ältester Sohn eines Goldschmieds zur Welt. Vier Jahre später siedelte seine Familie nach Jerusalem über, wo sein Vater einen Kleinwarenladen betrieb. Ovadias Talent wurde schon früh deutlich. Als er neun war, bat ihn sein Mentor in der Torahschule, ein Kapitel für ein Buch zu schreiben. Mit zwölf Jahren veröffentlichte er sein erstes eigenes Werk. Mit 20 Jahren wurde Josef zum Rabbiner ordiniert, fünf Jahre später zum Richter am Rabbinergericht berufen. Von 1968 bis 1973 übernahm er die Funktion des sephardischen Oberrabbiners Israels. Bis zur Jahrtausendwende galt Josef als liberaler Geist und beeinflusste das moderne Judentum wie kaum ein anderer Rabbiner unserer Zeit.
Er erklärte die äthiopischen Falascha, die sich selbst »Beta Jisrael« nennen, zu Juden und ermöglichte ihre Einwanderung nach Israel – gegen den Widerstand seines aschkenasischen Kollegen im Oberrabbinat. Mehr als 14.000 äthiopische Juden konnten dank seines Einsatzes in der »Operation Salomon« und weiterer Geheimeinsätze aus dem Bürgerkriegsland Äthiopien, über den Sudan und Amsterdam nach Jerusalem gebracht werden.
Auch stand er im Gegensatz zu den aschkenasischen Orthodoxen hinter einem Gesetz, dass den Hirntod zum klinischen Tod erklärt und so Organspenden ermöglichte. Außerdem erklärte er 1973 nach dem Jom-Kippur-Krieg Ehefrauen gefallener Soldaten, deren Leichen unauffindbar waren, im Widerspruch zu jüdischem Brauch zu Witwen. So erlaubte er hunderten Frauen, neue Familien zu gründen.
Ovadia ist eine rabbinische Autorität, deren Rechtssprüche bis heute wie Enzyklopädien benutzt werden. Doch nachdem er das Amt des sephardischen Oberrabinners niederlegte und Anfang der 1980er Jahre zum Spiritus Rector der Schas-Bewegung wurde, entwickelte er sich mehr und mehr zum radikalen Rabbi.
Der Mann mit dem weißen Bart und der rosaroten Brille trägt am liebsten mit Silber- und Goldfäden bestickte Kaftane und hält Hof in seiner kleinen Wohnung in Jerusalem. Dorthin kommen sie alle und lassen die Ratschläge der grauen Eminenz über sich ergehen: Ex-Generäle auf dem Sprung in die Politik, Präsidenten, Minister und Premiers. Denn sie wissen, ohne seine Zustimmung und eine Regierungsbeteiligung der Schas, kann man keine Koalition mehr bilden– oder Präsident werden.
Ehud Barak, der seinetwegen im Jahr 2000 erst seine Regierung, die Friedensverhandlungen in Camp David II und dann die Neuwahlen verloren hatte, kann genauso ein Lied davon singen wie der derzeitige Präsident Schimon Peres, der bei seinem ersten Anlauf auf diesen Posten, dank der Unterstützung Josefs für den iranisch-stämmigen Moshe Katzav, eine schmerzende Niederlage hatte hinnehmen müssen.
Auch andere Politiker mussten sich von dem radikalen Rabbiner Einiges gefallen lassen: Netanjahu nannte er eine »blinde Ziege«, den ehemaligen Politiker und heutigen Haaretz-Kolummnisten Jossi Sarid einen »Satan« und Ariel Sharon einen »Kriegstreiber, der Schweine liebt.« Für den Tod der linken Politikerin Schulamit Aloni empfahl Ovadia vor einigen Jahren seinen Anhängern gar, ein großes Gelage vorzubereiten.
Ovadia Josef liest keine Zeitungen und keine Bücher, hört kein Radio und schaut auch kein Fernsehen. Er lebt als Vordenker und als spirituelles Oberhaupt der ultra-orthodoxen Schas ganz in der Welt des religiösen Rechtssystems, der »Halacha«.
Deshalb pflegt er auch ein sehr distanziertes Verhältnis zu den heimischen Medien. Lediglich im Jahr 2000 machte er eine Ausnahme und gab dem ultra-orthodoxen Wochenmagazin »Mischpacha – Familie« ein ausführliches Interview. Auf die Frage, ob er sich eine Regierungsbeteiligung unter dem damaligen Oppositionsführer Netanjahu vom Likud-Block vorstellen konnte, da seine Schas kurz zuvor als Regierungspartei aus der Koalition Ehud Baraks ausgetreten war, antwortete er: »Netanjahu hatte stets ein offeneres Herz für unsere Wünsche. Er tat nichts, ohne sich vorher Rat zu holen. Bei Neuwahlen werden wir ihn unterstützen und er wird den jetzigen Premier Ehud Barak schlagen.«
Die Möglichkeit, dass Schas sich einer Regierung Barak wieder andienen könne, beurteilte der Rabbi negativ: »Ich denke nicht. Vielleicht gibt es ja eine drastische Änderung im Verhalten des Premiers, dann kommen wir zurück. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Barak sagt und tut Undenkbares. Er will den Palästinensern Teile der Altstadt Jerusalems geben. Wer wird dort leben? Ruhige Menschen? Nein. Mörder und Israelhasser werden dort leben. Das wird Blutvergießen bringen.«
Auf Bitte der palästinensischen Autonomiebehörde wurde Josef daraufhin in Jordanien und Ägypten zur Persona non grata erklärt. Er, der liberale Geist, der einmal entschieden hatte, dass orthodoxe Frauen auch Hosen tragen dürften und jahrzehntelag die Losung »pikuach ha nevesh« predigte, was so viel heißt wie: »Ein Menschenleben wiegt mehr als ein Stück Land«, sich also für den Modus »Land gegen Frieden« mit den Palästinensern aussprach, war zum Radikalen geworden.
Der misrachische Jude bezeichnete die aschkenasischen Opfer des Holocaust als wiedergeborene Seelen, die ihre Sünden büßten, und versprach seinen eigenen Anhängern bei den Neuwahlen 2001, dass sie ins Paradies kämen, wenn sie für Schas stimmten. Als Ariel Sharon 2005 den Gaza-Streifen räumen ließ, attackierte er diesen scharf: »Wie grausam ist der Böse, der solches tut«, sagte er, ohne einen Namen zu nennen. »Der heilige Gott wünscht, dass wir zur Torah zurückkehren, und dann wird er ihn mit einem Schlag treffen, und er wird sterben. Er wird schlafen und niemals aufwachen.«
Trotz all dieser verbalen Entgleisungen ist Ovadia Josef bis heute einer der wichtigsten Strippenzieher hinter den Kulissen in der israelischen Innenpolitik. Der alte Rabbiner propagiert anstelle der Demokratie die Theokratie. Und wenn er nicht damit beschäftigt ist, politische Bündnisse zu schmieden, erlässt er »verschrobene Verbote«, wie die israelische Tageszeitung Jedioth Ahronoth jüngst berichtete, die qua seiner Autorität sogar eingehalten werden. Bei einer Schabbat-Predigt verbot er das Nasebohren am heiligen Tag. Es verletze das strenge Schabbat-Gesetz, weil dabei versehentlich dünne Haare aus den Nasenlöchern herausgerissen werden könnten. Dadurch würde gegen das Verbot verstoßen, sich in irgendeiner Weise die Haare zu schneiden.
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