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Vor vierzig Jahren am Hindukusch 27.02.2010

Vergangener Alltag in Afghanistan

Johannes Manz


»Id-e-Ramadan – das Ende der Fastenzeit« ist Herbert Maeders Lieblingsbild. Es zeigt die Lagerstätte einer Reiterkarawane am afghanisch-tadschikischen Grenzfluss Amu-Darya. »Es könnte Dschingis Khans Heerlager gewesen sein – im Mittelalter.« Dem Fotografen bleibt insbesondere diese »zauberhafte Stimmung« in Erinnerung.


Die Fotoausstellung »Verborgener Zauber Afghanistans« entstammt aus Herbert Maeders Ausstellungsreihe »Berge – Menschen – Kulturräume« und wurde unter seiner Mitwirkung von Kuratorin Clarissa Höhener im Opsersaal und in der Ratsstube des Völkerkundemuseums St. Gallen inszeniert. »Die Bespielung der historischen Zimmer ist eine große Herausforderung, da wir die Wände nicht beschädigen dürfen und immer zu wenig Licht vorhanden ist«, erklärt Höhener


»Ich suchte Berge und fand Menschen«

Der Schweizer Fotojournalist Herbert Maeder, 1930 in Rorschach geboren und in Wil aufgewachsen, bereiste Ende der 1960er Jahre das Königreich Afghanistan unter dem damaligen Monarchen Mohammed Zahir Schah. Anlass seiner mehrmonatigen Aufenthalte war eine Bergsteiger-Expedition, die vom Nordosten Kabuls zu den Fünftausendern des Zentralhindukuschs führen sollte.


»Bereits die Hauptstadt Kabul hat mich dermaßen in den Bann gezogen, dass ich dachte: Da muss ich länger bleiben, dahin muss ich wieder kommen. Dieses bunte Völker- und Sprachgemisch und gleichzeitig auch diese friedliche Atmosphäre in Kabul.« Maeder kehrte zurück und besuchte Afghanistan 1968 und 1969 aufs Neue. »Ich suchte Berge und fand Menschen«, erinnert sich der mittlerweile 80-jährige an seine persönliche Entdeckungsreise.


»Das Ziel der Ausstellung ist es, ein anderes, unerwartetes Bild von Afghanistan zu vermitteln. Diese in Vergessenheit geratenen Bilder sollen als Gegenpole zu den aktuellen Bildern der Medien stehen«, erläutert Clarissa Höhener. Insgesamt führen sieben Themenbereiche durch Herbert Maeders bisher teilweise unveröffentlichte Fotografien.


Dabei wurde die Aktualität bewusst ausgeblendet, um Maeders Sichtweise vom Königreich Afghanistan darzustellen. Das Foto »Hazarajat im Herzen Afghanistans« zeigt die Koh-i-Baba Gebirgskette vom Bamiyan-Tal aus. Aus dem Felsmassiv von Bamiyan erhebt sich majestätisch die mit 53 Metern größte Buddha-Statue der Welt. Im Februar 2001 wurde das UNESCO-Weltkulturerbe von den Taliban gesprengt.


Von der Landschaft ausgehend sollen die Module von der Weite über die Darstellung der Nomaden, dem traditionellen Bozkashi-Pferdekampfspiel immer weiter in die Nähe hinein zoomen, um letztlich beim Individuum und seinem praktizierten Glauben anzukommen. »Die Koexistenz von Tradition und Moderne zieht sich durch die Module durch. Einmal scheinen die alten Werte, die Tradition mehr zum Vorschein zu kommen, und dann wieder die Moderne, die Emanzipation und der Aufbruch«, resümiert die Kuratorin einen fast schon konventionellen Topos zeitgenössischer islamischer Kunstausstellungen.


»Poetische Textkarten« beleuchten die Ausstellungsmodule näher. Die »Bergkette Selsela-Koh«, Afghanistans goldenes Bergland, wird als eine Idylle aus bunten Oasen, kargen und rauen Landschaftsformen, den tiefblau leuchtenden Seen von Band-i-Amir, schroffen Granitwänden und zerklüfteten Hängegletschern gezeichnet. Das »Pferdekampfspiel Bozkashi« gibt einen Einblick in das turkmenische Reiterspiel mit bis zu hundert Pferden in einem Team, das als Vorläufer von Polo gilt.


Die emanzipierten Frauen, »Zanan«, der Universität Kabul verkörpern ohne den Ganzkörperschleier, dem Tschador, den Fortschritt des Landes. »Die Koexistenz der traditionellen Werte und der Moderne ist nicht befremdend, sondern wird als bereichernd empfunden.« Den Glauben hält Herbert Maeder mit seinen Fotografien zum »Id-e-Ramadan«, dem Abschluss der Fastenzeit, fest. Die »Attraktion für Frauen und Kinder« stellt einen Zigeuner-Zirkus dar, der sich am Ende des Ramadan in Taluqan auf seiner Wanderschaft niederließ.


Neben Herbert Maeders Bildern werden auch Gegenstände wie Samoware, Qamtschin-Peitschen für das Bozkashi, Amulette, Ketten und Broschen oder ein Tschador ausgestellt. Allerdings passen sie nicht immer zu den Fotografien. So wirkt beispielsweise das Astrolabium aus dem 19. Jahrhundert neben den Tee trinkenden Männern auf den Sitzgestellen, den Tscharpois, etwas fehl am Platz.


Latente Orientalisierung?

Herbert Maeders Fotos glänzen vor allem bei der Darstellung des menschlichen Alltags. Bilder wie »Markttag in Aktscha« und »Emanzipation«, das Studentinnen auf dem Weg zur Universität Kabul zeigt, oder »Nach Sonnenuntergang«, das paschtunische Nomaden beim Verzehr von Fladenbrot und wildem Spinat einfängt, spiegeln das »bunte Völkergemisch« ausgezeichnet wider. Dennoch kratzen die »poetischen Textkarten« lediglich an der Oberfläche der Traditionen des Afghanistans Ende der 1960er Jahre.


Eine historische Kontextualisierung der »friedlichen Atmosphäre«, der Rahmen, in dem zum Beispiel das Bozkashi-Pferdekampfspiel stattfand, sucht man hingegen vergeblich. Auch deutet bereits der Ausstellungstitel »Verborgener Zauber Afghanistans« auf eine latente Orientalisierung des Landes hin. Im Großen und Ganzen wird dennoch sehr deutlich, weshalb Maeder trotz der eurozentrischen Legendenbildung anstatt Bergen Menschen gefunden hat.


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