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Drohnen und Medien 08.12.2011

Unbemannte Angreifer, unbekannte Opfer

Fabian Köhler


Es hätte auch die Vorlage zu einem kitschigen Familienfilm am Sonntagnachmittag werden können. In einem fernen Land macht sich ein 16-jähriger Junge eines Tages auf die Suche nach seinem Vater. Mit einem kurzen Abschiedsbrief an seine Mutter beginnt die Reise, die ihn durch Schluchten, Wüsten und eine menschenfeindliche Gegend führt. Wochenlang reist er durch das Land, sammelt Hinweise und sucht Bekannte auf, um den Aufenthaltsort seines Vaters zu erfahren. 


Vielleicht wäre es ein Film über das Verhältnis von Mensch und Natur, über einen Jungen, der in Großstädten mit Hip Hop-Musik aufwuchs und nun in der Wüste unter freiem Himmel kampiert. Es hätte ein kindgerechter Abenteuerfilm über das Erwachsenwerden eines Pubertierenden werden können, der, wie seine Zuschauer, gerade noch die Nachmittage mit SpongeBob verbrachte und plötzlich den Kampf gegen einen mächtigen Feind aufnehmen muss. Doch das Abenteuer wie auch die Familientauglichkeit der Geschichte würde schließlich unvermittelt enden, als eine amerikanische Predator-Drohne den Jungen in den Tod reißt.


Nichtinformation als Regierungspolitik

Die Tötung Abdulrahman Al-Awlakis ist eine jener vielen unerzählten Geschichten, die sich hinter den täglichen Meldungen von Schlägen gegen Al-Qaida und dem Kampf gegen den Terrorismus verbergen. Neben Somalia und Afghanistan sind die unbemannten aber hochbewaffneten Flugzeuge mittlerweile in Pakistan und dem Jemen die Hauptangriffswaffe in einem Krieg, der nie erklärt wurde. Wie viele Angriffe es bisher gab, ist unklar. Über 300 sollen es allein in Pakistan in den letzten sieben Jahren gewesen sein. Bis zu 3.000 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Im Jemen sprechen manche Beobachter von durchschnittlich einem Angriff täglich.


Doch wie viele es auch sind, bei nur den wenigsten schafft es die wahre Geschichte über die Opfer in die Öffentlichkeit. CIA und Pentagon, die beide mit eigenen und teils voneinander unabhängigen Drohnenprogrammen agieren, kommentieren nur in wenigen Ausnahmen Meldungen über Tote und Verletzte – meist in öffentlichkeitswirksamen Fällen der Tötung hoher Al-Qaida-Funktionäre. »Wir machen keine Angaben zu Fragen der nationalen Sicherheit« ist nicht nur eine jener Floskeln, die Journalisten zu hören bekommen, wenn sie bei der täglichen Pressekonferenz nach den Opfern von Drohnenangriffen fragen, es ist auch Ausdruck amerikanischer Regierungspolitik.


»Ein Verantwortungsvakuum« nennt dies Philip Alston. Seit sieben Jahren bemüht sich der Menschenrechtsanwalt und ehemalige UN-Sonderberichterstatter für außergerichtliche Tötungen um einen Kommentar der CIA zur Rechtmäßigkeit ihres Drohnenprogrammes. Doch alles, was er bekam, sind Standardantworten, die von »rechtmäßigen und genauen Angriffen« und von einem »vorsichtigen und präzisen Vorgehen« gegen einen »tödlichen Gegner« sprachen. Eine Reihe von Untersuchungen widerlegten hingegen in den letzten Monaten und Jahren die Mär vom sauberen, chirurgischen Krieg, dessen Opfern stets nur Militante seien.


Die in Washington ansässige Menschenrechtsorganisation »Campaign for Innocent Victims in Conflict« (CIVIC) hat eine Reihe von Drohnenangriffen der letzten zwei Jahre in Pakistan untersucht. In der Studie kam sie zu dem Schluss, dass bei jedem Drohnenangriff durchschnittlich drei Zivilisten ums Leben kommen. Kein einziger Fall wurde dabei von US-Behörden bestätigt, im Gegenteil, seien in den untersuchten Fällen alle Opfer als »im Training befindliche Kämpfer« klassifiziert worden. Ähnliches fand auch Mary Ellen O’Connel in ihrer Untersuchung namens »Unlawful Killing with Combat Drones« heraus. Drohnen, so die Professorin der Notre Dame Law School, »hätten kaum, wenn überhaupt, ihre beabsichtigten Ziele getroffen«. Bis Oktober 2009 hätten der Tötung von 20 militanten Führungspersonen, 750 bis 1.000 getötete Zivilisten gegenüber gestanden. Und selbst der konservative Washingtoner Thinktank »New America Foundation« spricht in seinem Bericht »The Year of the Drone« davon, dass jeder dritte Tote ein Zivilist sei.


Trotz des recht eindeutigen und außerhalb amerikanischer Regierungsbehörden kaum bezweifelten Umstandes, dass Zivilisten zu einem großen Teil von Drohnenangriffen betroffen sind, finden die meisten hinter den Statistiken stehenden Schicksale in den wenigsten Medien Platz. An ihre Stelle treten standardisierte Tickermeldungen, die in den Redaktionen mittels einer Mischung aus Dichtung und Verschweigen für die Öffentlichkeit aufbereitet werden.


Vom Schuljungen zum Al-Qaida-Aktivisten

Die Geschichte von Abdulrahm Al-Awlaki ist eine jener Dichtungen. Wahlweise von einem 21- oder 27-jährigen Militanten, Al-Qaida-Anhänger oder einfach Extremisten war am 15. Oktober dieses Jahres von Los Angeles Times und Fox News bis Süddeutsche und Bild die Rede. Einen Tag zuvor war der in Wahrheit 16-Jährige im Süden des Jemen bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen. Die Geschichte von seiner Militanz und den Al-Qaida-Anhängern, die mit ihm starben, war größtenteils  erfunden. Wer sie in die Welt setzte und wer sie abschrieb, ist kaum mehr nachzuvollziehen.


Die wahre Geschichte der Tötung Abdulrahmans fand stattdessen nur in einigen wenigen Medien, vor allem aber auf Blogs, auf Facebook-Seiten und in arabischen Foren statt. Dort ist die Rede von einem gewöhnlichen Jugendlichen, der sich die Zeit damit vertrieb, amerikanischen Hip-Hop-Größen nachzueifern oder mit seinen Freunden Football zu spielen. Der in der ehemaligen amerikanischen Goldgräber-Metropole Denver geborene Junge besuchte einen gewöhnlichen Grundschulflachbau, zog mit seiner Familie wie viele Amerikaner den Jobs seines Vaters hinterher.


Im Jahr 2004 änderte sich schließlich alles. Auf der Flucht vor dem FBI reiste sein Vater mitsamt seiner Familie in den Jemen. Denn wenn es etwas gab, was Abdulrahman von seinen Altersgenossen unterschied, dann war es sein Vater Anwar. Es ist jener Anwar Al-Awlaki, der nach dem 11. September erst als Vertreter eines moderaten Islam von amerikanischen Medien und US-Regierungsvertretern hofiert wurde, Jahre später nach der Tötung Osama bin Ladens von der US-Regierung zum Angriffsziel Nummer eins ausgerufen wurde und schließlich am 30. September dieses Jahres einem Drohnenangriff zum Opfer fiel.


Mitte September 2011, knapp drei Wochen nach seinem 16. Geburtstag, machte sich Abdulrahman auf die Suche nach seinem Vater. Dieser lebte zum Schutz seiner Familie wie seiner selbst seit Jahren in der Region seines Stammes, der südjemenitischen Provinz Shabwa. Dort suchte ihn Abdulrahman, nicht wissend, dass sich sein Vater mittlerweile im Norden des Jemen aufhält. Als er Anfang Oktober die Nachricht erhielt, dass sein Vater bei einem amerikanischen Drohnenangriff ums Leben gekommen ist, beschloss er zu seiner Mutter nach Sanaa zurückzukehren. Zusammen mit seinem 17-jährigen Cousin Ahmad kommt er unterwegs in Kontakt mit einigen Bekannten seines Vaters. Unter ihnen befindet sich der Ägypter Ibrahim Al-Banna,  der der US-Regierung als Medienbeauftragter Al-Qaidas auf der Arabischen Halbinsel gilt.


Wer sich am Abend des 14. Oktober noch in der Gruppe befindet, ist nicht sicher. Die Familie Abdulrahmans versichert, es habe sich um jugendliche Angehörige des Stammes gehandelt, dem auch die Awlakis entstammen. Geklärt werden wird es wohl nie, denn US-Behörden verweigern Journalisten, wie auch den Al-Awlakis, jegliche Stellungnahme. Lediglich der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates Thomas F. Vietor verteidigte den Angriff zynisch. Schließlich, so sagt er, habe das »Außenministerium öffentlich amerikanische Staatsbürger davor gewarnt, aufgrund der anhaltenden Gefahr durch terroristische Organisationen in den Jemen zu reisen.«


Ein Krieg ohne zivile Opfer

Die Berichterstattung über Abdulrahman ist symptomatisch für das Versagen vieler Medien im amerikanischen Drohnenkrieg. Während die meisten Angriffe gar nicht in den Medien auftauchen, liefern selbst die wenigen vorhandenen Nachrichten selten wahrheitsgemäße Informationen. So findet man allein für dieses Jahr in einem Großteil der Meldungen irreführende oder eindeutig falsche Information.


Die Tagesschau berichtet am 1. Januar 2011 von 15 getöteten Taliban im pakistanischen Waziristan. Zwar verweist sie darauf, dass man die Angaben nicht überprüfen konnte, bleibt aber den Verweis auf die bis zu sechs Menschen, die ums Leben kamen, als sie die Opfer einen vorangegangen Angriffes bergen wollten, schuldig. Von »mehr als 30 getöteten Menschen« berichtet SpiegelOnline am 17. März 2011 und konkretisiert anschließend, dass es sich dabei um »mehr als 30 Extremisten« handelte. Wie spätere Untersuchungen ergaben, könnten tatsächlich elf Taliban an dem Tag ums Leben gekommen sein – neben bis zu 42 Zivilisten.


Das »Bureau of Investigative Journalism« (BIJ) ist eine von mehreren Organisationen, die sich bemüht, die tatsächlichen Folgen von US-Drohnenangriffen ans Licht zu bringen. Das an der City University of London ansässige Team aus pakistanischen und britischen Journalisten vergleicht vorhandene Presseberichte und recherchiert mit eigenem Personal vor Ort nach. Ihre Ergebnisse widersprechen dem Bild eines Krieges, der fast nur legitime Opfer kennt. So stünden nach ihren Recherchen lediglich 150 von US-Behörden identifizierte Taliban- oder Al-Qaida-Kämpfer allein 175 getöteten Kindern gegenüber.


Eines dieser Kinder ist der 12-jährige Atif. Nicht seinen, dafür aber den Tod von »25 Aufständischen«, die mit ihm starben, meldet am 22. April dieses Jahres die Rheinische Post. Die Liste der unwiderrufenen Fehlinformationen lässt sich beliebig fortsetzen und zieht sich durch die gesamte deutsche Presselandschaft. Der Focus berichtet am 6. Mai vom »Angriff in Nord-Waziristan, einer Hochburg von El Kaida und den Taliban«. In Wahrheit handelte es sich um eine Schule, ein Restaurant und sechs Zivilisten, die an diesem Tag von einer Drohne getroffen wurden.


»Vier mutmaßliche Aufständische« sind es laut einer Meldung im Stern, die am 30. Oktober 2011 den Tod fanden. In Wahrheit waren es aller Wahrscheinlichkeit nach einfache Minenarbeiter. Und auch in der taz liest man am 21. Februar dieses Jahres von Geheimdienstinformationen, wonach sieben »mutmaßliche Extremisten« durch einen Drohnenangriff an der afghanisch-pakistanischen Grenze ums Leben kamen. In der taz kommt hingegen nicht vor, dass Dorfbewohner Kontakte zu Al-Qaida und den Taliban vehement abstritten.


Kaum Korrespondenten, kaum Recherche

Tatsächlich ist es selbst für Redaktionen mit großem Korrespondentennetzwerk schwierig, vor Ort zu recherchieren. Für die betroffenen Gebiete bekommen ausländische Journalisten oft keine Arbeitserlaubnisse oder die lokalen Militärs sperren Zufahrtsstraßen ab. Im Jahresbericht von »Reporter ohne Grenzen« zählen die Länder, in denen die USA Drohnen einsetzen – Somalia, Pakistan, Afghanistan und der Jemen – zu den gefährlichsten Ländern für Journalisten.


Zu den wenigen, die vor Ort recherchieren, gehört auch Noor Behram. Der pakistanische Fotograf ist oft schon wenige Minuten nach dem Angriff vor Ort. »Die Drohnen greifen oft den gleichen Ort erneut an, nur wenige Minuten nach dem ersten Angriff«, beschreibt er im britischen Guardian die Risiken seines Jobs. Zudem würden die Bewohner jeden mit einer Kamera argwöhnisch betrachten, basierten die Drohnenangriffe doch auch auf den Informationen lokaler Spione.


So bleiben in den meisten Medien nur der unreflektierte und routinierte Verweis auf unbestimmte Geheimdienstinformationen, Angaben aus »Sicherheitskreisen« oder von »Regierungsvertretern«. Selbst in Redaktionen, die sich als investigativ verstehen, ersetzt das Abschreiben einer knappen Meldung der Pentagon-Pressestelle oder des pakistanischen Geheimdienstes über einen neuerlichen Schlag gegen Al-Qaida die eigene Recherche.


Die amerikanische Wunschvorstellung über die Berichterstattung in Zeiten des Drohnenkrieges stellte im Juni dieses Jahres Barack Obamas Terrorismus-Berater John O. Brennan vor. Seit fast einem Jahr habe es »aufgrund unserer außergewöhnlichen Kenntnisse und der Präzision unserer Fähigkeiten, keinen einzigen Kollateralschaden gegeben« log er in einer weltweit zitierten Presseerklärung. »Er war nur ein Teenager, der einen hohen Preis für etwas zahlen musste, das er nie tat und nie war«, klagte die Familie Abdulrahmans hingegen in einer kurzen Veröffentlichung, einige Tage nach dem Tod ihres Sohnes. SpiegelOnline meldet unterdessen einen »Schlag gegen Al-Qaida im Jemen«.


Die Tötung Abdulrahmans wurde so doch noch zu einer Drehbuchvorlage. Nur statt des Abenteuerfilmes wurde es das unzählige Remake eines kurzweiligen Actionfilmes, in dem es nur eliminierte Bedrohungen, aber keine Toten gibt. Ein Film, in dem die umbenannten Killer lediglich umbenannte Opfer hinterlassen. Nur den Hinweis, dass Übereinstimmungen mit realen Personen rein zu fällig seien, bleiben die Regisseure schuldig.



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