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»zenith macht Schule« 08.10.2011

Umstritten, symbolisch, bedeutend – Das Kopftuch in der Schule

Nadine Baier


Was ist es, das ein einfaches Tuch, das eine Frau auf dem Kopf trägt, so besonders macht? Wieso streitet man über etwas scheinbar so Banales? Und warum muss sich jede Trägerin eines Kopftuches im Grunde darüber im Klaren sein, was dieses Tuch auf dem Haupt bedeuten kann? Wie sich vor einiger Zeit zeigte, bekommen das besonders Frauen in öffentlichen Einrichtungen zu spüren.


Sagt Ihnen der Name Fereshta Ludin noch etwas? Wahrscheinlich nicht. Sie entfachte vor wenigen Jahren den so genannten Kopftuchstreit und damit eine große Diskussion. Kurz und knapp kann man sagen, dass sich dabei die Religionsfreiheit der Bürger und die religiöse Neutralitätspflicht des Staates gegenüberstanden. Die Neutralitätspflicht ging als Sieger hervor. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser ominösen Pflicht, der der Staat nachgehen muss? Das kann man im Schulgesetz Baden-Württembergs zum Beispiel nachlesen: »Lehrkräfte an öffentlichen Schulen […] dürfen in der Schule keine politischen, religiösen, weltanschaulichen oder ähnliche äußeren Bekundungen abgeben […]«


Diese Passage wurde dem Schulgesetz erst im Jahre 2004 hinzugefügt. Das hatte seine Anfänge sechs Jahre zuvor, als der Muslimin Fereshta Ludin die Einstellung als Grundschullehrerin in Baden-Württemberg verweigert wurde, da sie sich aus religiösen Gründen weigerte, ihr Kopftuch während der Unterrichtszeit abzulegen. Daraufhin klagte sie, nachdem sie bereits bei drei Instanzen unterlegen war, beim Bundesverfassungsgericht. Ihre Begründung: Sie fühlt sich in ihrem Grundrecht auf freie Religionsausübung verletzt, wobei sie aber keinen Erfolg hatte.


Sie wollte es aber nicht bei der Einschätzung des Oberschulamtes Stuttgart belassen, welches ihr durch das Kopftuch eine mangelnde persönliche Eignung nachsagte, und klagte 2002 beim Bundesverwaltungsgericht, dessen Urteil aber war, dass sie in der Schule kein Kopftuch tragen dürfe. Wieder klagte sie sich hoch bis zum BVG in Karlsruhe. Wieder bekam sie kein Recht, aber die Folge davon war die obige Änderung des Schulgesetzes.


Eltern schicken ihre Kinder zum einen deshalb in die Schule, damit sie etwas lernen und ihren Abschluss machen, und zum anderen einfach auch deshalb, weil in unserem Land eine Schulpflicht existiert. Gerade im Grundschulalter nehmen Kinder viel von ihrer Umgebung auf, fragen nach und erforschen die Welt.


Dem Kopftuch wird viel nachgesagt

Es steht als Symbol für den muslimischen Glauben, als Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam, als Ausdruck der eigenen Gläubigkeit. Wenn man muslimische Frauen fragt, werden oft diese Gründe angegeben, warum sie ein Kopftuch tragen. Doch dass dem immer so ist, wird oft und gerne in Frage gestellt; und das nicht nur von anderen Muslimen, Menschen mit anderen Erfahrungen, von Betroffenen, nein, sondern schnell auch mal von Außenstehenden, die in der großen Diskussion mitmischen wollen und für die »armen Frauen« nur das Allerbeste wollen. Und dazu gehört mit Sicherheit keine Kopfbedeckung, die ganz bestimmt erzwungen wurde und zur Unterdrückung dient.


Doch was ist, wenn viele Frauen dieses »Allerbeste« gar nicht so wollen? Was, wenn ihnen das eine viel zu westliche, aufgedrückte Meinung ist? Dann wundert sich der Mitmischer meistens erst einmal gewaltig, schließlich: Was gibt es schon Besseres als die eigene Kultur? Mit der kann man doch prima leben. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass unsere Kultur, unsere Tradition eben nicht die unserer beispielsweise türkischstämmigen Mitmenschen ist. Und das erfordert eine Sensibilität und Respekt vor dem »Anderen«, mit dem an solche Themen und an die Beurteilung anderer Gesellschaftssysteme herangegangen werden sollte.


Doch wenn das Kopftuch nicht nur Ausdruck des Glaubens ist, was noch? Es ist schwierig, zwischen Trägerinnen aus traditionellen Glaubensgründen und Trägerinnen aus politischen Motiven zu unterscheiden. Das verleitet dazu, zu pauschalisieren. Und das wiederum verleitet dazu, zu übertreiben. Genauso wenig sollte aber nicht untertrieben und alles nur heruntergespielt werden. In unserer vielfältigen, pluralisierten Gesellschaft wird es immer wichtiger, Hintergründe zu kennen und nicht nur das nachzuplaudern, was man in Medien, der Schule, am Arbeitsplatz aufschnappt.


Grundlage dessen, warum ein zunächst religiöses Symbol wie das Kopftuch auch eine politische Bedeutung hat, ist, dass im Islam Glaube und politische Haltung dasselbe ist, es gibt dabei keine Trennung wie bei uns zwischen Kirche bzw. Moschee und Staat. So wollen einige, nicht alle, Muslime durch das Tragen ihres Kopftuches oder ihrer Verschleierung zeigen, dass sie eine an den Islam angelehnte oder gebundene Politik für die richtige halten, ohne weltliche Gesetze, dafür mit der Scharia.


Kopftuch und Kruzifix

Außerdem kommt immer wieder die Frage auf, ob christliche Traditionen hierzulande einen gewissen Vorrang haben sollten im Vergleich zu denen der Migranten. Als Beispiel sind hierbei die Nonnenschulen aufzuführen, in denen die Nonnentrachten noch immer erlaubt sind, während die Musliminnen auf ihr Kopftuch verzichten müssen. Auch die Kruzifixe in bayrischen Schulen, die dort schon quasi hängen, seit es die Schulen gibt, stehen immer wieder in der Diskussion.


Was auch immer wieder aufkommt, ist, dass eine muslimische Lehrerin nicht einmal in der Türkei selbst, welche oft in Deutschland als Hauptvertreter der islamisch geprägten Staaten gehandelt wird, in öffentlichen Räumen, also auch nicht der Schule, ein Kopftuch tragen dürfte. Das ist schlicht und ergreifend eine Tatsache. Sogar die Frau des türkischen Präsidenten Abdullah Gül darf als Kopftuchträgerin an keiner öffentlichen Veranstaltung teilnehmen. Und zwar genau deshalb: Weil sie ein Kopftuch trägt.


Wieder geht es auf etwas Politisches zurück, und zwar auf die Gründung der Republik Türkei als Nachfolgerstaat des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg durch den ersten Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk. Sein Ziel war es, sich von den früheren Osmanen zu distanzieren und einen durch Laizismus geprägten Staat zu erschaffen, den er mit gesellschaftlichen Reformen modernisierte. Im Zuge dessen wurde unter anderem das Kopftuch, das als Zeichen der Osmanen galt, verboten und die Scharia abgeschafft, eben weil man vom Osmanen zum Jungtürken werden wollte. Daher die politische Bedeutung des Kopftuches in der Türkei.


Grenzen wir uns nicht gern ab?

Es herrscht wieder einmal große Meinungsverschiedenheit. Und dabei sind die Fronten nicht einmal klar zu unterscheiden. Bei weitem nicht jeder Muslim findet, dass Deutschland das Kopftuch unbedingt erlauben sollte. »Wenn’s in einem islamistischen Land so ist, kann ich’s Deutschland nicht übel nehmen«, meint Selin K. (16), eine muslimische Realschülerin aus Pforzheim, die sich selbst dazu entschieden hat, kein Kopftuch zu tragen, auch wenn sie sich selbst als gläubig sieht. Noch zu große Schwierigkeiten würde es für einen jungen Menschen in Schule und besonders Beruf machen und deshalb lasse sie sich Zeit »bei dieser Kopftuch-Sache« und überlege sich das erst, wenn sie etwas älter ist. Auf die Frage hin, wie es für sie wäre, eine Lehrerin mit Kopftuch zu haben, entgegnet sie, dass sie glaube, dass das kein Problem für sie sei, eher wenn ein »Grufti« den Unterricht mache.


In der Türkei können viele Mädchen nicht studieren gehen oder haben erhebliche Schwierigkeiten, Studium und Glaube durch das öffentliche Kopftuchverbot unter einen Hut – eher ein Kopftuch – zu bringen, was auch Selin K. anprangert und nicht verstehen kann.


Nun hat das BVG aber einmal entschieden, dass den Kindern und Jugendlichen diese Gelegenheit in der Schule verwehrt bleibt. Sie sollte aber dennoch bestehen, auch außerschulisch. Denn nur wenn man sich mit fremden Kulturen und Gesellschaften ernsthaft beschäftigt und sie thematisiert, kann man für sich selbst ein fundiertes Urteil fällen, wie man dazu steht.


Das Kopftuch in der Schule

Was das Kopftuch in der Schule angeht, so sehe ich persönlich es doch eher etwas kritisch, besonders wenn es um Grundschulklassen geht. Dabei kommt es aber natürlich auch immer auf den Grad der Verhüllung an. Für die nächste Zeit ist das ja aber sowieso durch das Kopftuchurteil entschieden. Im privaten sollte die persönliche Freiheit und eigene Entscheidung garantiert werden. Wichtig scheint doch letztens Endes bei aller Meinungsverschiedenheit, dass man Achtung vor dem anderen hat und seinen Glauben, sein Denken und seine Lebensart respektiert.


Und wenn man nun das nächste Mal vor dem Kleiderschrank steht und nicht weiß, ob man das rote T-Shirt mit den Perlen oder das blaue Hemd mit dem Karo-Muster anziehen soll, dann wird einem vielleicht bewusst, dass wahrscheinlich weder das T-Shirt noch das Hemd jemals in solch großer öffentlicher Diskussion stehen werden wie ein einfaches, schwarzes Tuch.


Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts »zenith macht Schule« in Kooperation mit dem Lise-Meitner-Gymnasium in Königsbach, Baden-Württemberg.



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