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Recycling am Golf 27.12.2010

Trendwechsel bei den Müllweltmeistern

Martin Böll/GTaI


Als das Emirat Dubai begann, die einst verschlafene Siedlung am Creek in eine moderne Stadt der Superlative zu verwandeln, hatte man es von Jahr zu Jahr eiliger: Hafen, Bürotürme, Wohnstädte, Hotels – alles wurde mit atemberaubender Geschwindigkeit in immer neue Höhen gebaut. Dann stand die Stadt plötzlich vor einem Verkehrskollaps, weil sie vergessen hatte, ausreichend viele Straßen und ein funktionierendes Nahverkehrssystem zu bauen. Auch dieses Problem wurde mit erstaunlichem Tempo und mit der Dubai eigenen Grandeur bewältigt. Zumindest weitgehend - wegen finanzieller Schwierigkeiten musste das Tempo Ende 2008 zurückgenommen werden.


Vergessen oder verdrängt wurde aber noch mehr: Stinkender Müll, giftige Abfälle, Fäkalien – keine Themen, mit denen Berater es normalerweise wagen, die obersten Herrscher-Etagen zu belästigen. Und so wie in Dubai war es auch in allen anderen Staaten und Scheichtümern der Arabischen Halbinsel. Müll und Abwasser werden dort seit Menschengedenken einfach in die Wüste gekippt. Von letzterer gibt es bekanntlich genug, auch wenn so ein ungeplant zugekipptes Areal locker mal die Größe der City of London erreichen kann.


Irgendwann kann allerdings das Thema nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden: Den kleineren VAE-Emiraten geht nun sogar schon der Platz in der Wüste aus und auch in den größeren ist das Ausmaß nicht mehr zu ignorieren. »Es gibt in den Emiraten Dünenlandschaften aus alten Autoreifen, da fahren Sie mit dem Auto zehn Minuten dran vorbei«, sagt ein Vertreter der deutschen Adelmann Umwelt GmbH, die in den VAE bereits gut im Geschäft ist. »Alleine im Emirat Abu Dhabi liegen 30 Mio. Reifen in der Wüste. Da können Sie einen Shredder viele Jahre lang mit auslasten.«


»Es werden noch viele Fehler gemacht«

Die Müllproblematik ist nun seit ein paar Jahren immerhin ein Thema, dem die Staaten und Scheichtümer der Arabischen Halbinsel näher kommen und mit dem sie erst einmal eigene Erfahrungen sammeln müssen. Wie in anderen Bereichen auch vertrauen Entscheidungsträger weniger fertigen Lösungen aus den westlichen Industriestaaten, sondern wollen oder müssen erst ihre eigene Erfahrung machen. »Es werden noch viele Fehler gemacht«, sagt Holger Holst von der Beraterfirma BN Engineers in Schardscha, »aber so entsteht ein Lernprozess, ohne den es hier nicht geht.«


»Viele Abfallproduzenten haben die Vorstellung, dass mit Müll viel Geld zu verdienen sei«, sagt Holst, »so einfach aber ist das nicht.« Wer zum Beispiel Müll zur Energieerzeugung nutzen will, kann auf der Arabischen Halbinsel mit den Inputkosten eines Gaskraftwerkes nicht mithalten. Und auch die Reifenberge sind längst kein wertvoller Rohstoff mehr. »Nach zehn Jahren in der Wüste ist ein Reifen ›tot‹«, sagt der Adelmann-Experte, »die Furane sind entwichen, der Recycling-Nutzen ist deutlich geringer.« Richtiges Geld bringe nur Elektronikschrott, weil dort viele wertvolle Metalle enthalten seien.


Noch völlig offen ist die Frage der Mülltrennung. Das Unternehmen Adelmann setzt auf moderne Sortiermaschinen. Eine Vorsortierung von Hausmüll beim Verbraucher sei kaum das richtige Konzept, heißt es. Der Abfall könne an Fließbändern manuell vorsortiert werden, moderne Maschinen übernähmen den Rest. Herbert Snell, Vizepräsident des Bundesverbandes Sekundärstoffe und Entsorgung e.V. sowie Chef der Multiport Recycling GmbH und der Multipet Gesellschaft für Pet Recycling mbH, der wie Aßfalg auf dem Middle East Waste Summit Mitte Mai in Dubai einen Stand hatte, sieht das anders: »Aus einer vorsortierten sauberen Kunststoffflasche können Sie einen sehr viel wertvolleren Rohstoff gewinnen als aus zerkleinertem Hausmüll. Dies ist mehrfach unter Beweis gestellt worden.«


Dubai und Abu Dhabi lernen von Schardscha

Welche Techniken und Verfahren sich durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Die Arabische Halbinsel hat erst angefangen, sich mit ihrem Müllproblem zu beschäftigen. Im VAE-Emirat Schardscha wurde 2008 eine erste, 136 Millionen US-Dollar teure Müllanlage fertiggestellt, die einmal 1 Million Tonnen Festmüll – das sind etwa 60 Prozent des anfallenden Mülls des Emirats – aufnehmen, sortieren, recyceln und deponieren kann. Die Inbetriebnahme des Recycling-Prozesses erfolgt in Phasen: zuerst Bauschutt, dann Aluminium, Kunststoff, Papier, Glass, Keramik, Stahl und organische Abfälle. Die Bevölkerung soll künftig angehalten werden, ihren Müll in speziellen Tüten vorzusortieren.


Abu Dhabi will vier moderne Mülldeponien bauen: zwei hygienisch einwandfreie für Restmüll, eine für inerte Abfälle und eine für Müllkompost. Im Rahmen des Projektes sollen täglich 3.000 Tonnen Müll abgenommen, Papier, Kunststoff, Aluminium und Glas einem ordnungsgemäßen Recycling zugeführt und die verbliebene Menge in kompostierbaren und inerten Müll aufgeteilt werden.


Bemerkenswert und vorbildlich ist ferner ein Anfang 2009 in Betrieb gegangenes 300 Millionen US-Dollar teures Vorhaben in Schardscha, in dessen Rahmen eine bestehende riesige Müllkippe wieder ausgegraben, wiederverwertbare Stoffe aussortiert und der Rest zusammen mit täglich neu hinzukommenden 4.000 Tonnen Festmüll ordnungsgemäß deponiert werden sollen.


Erfahrungen sollen auch mit Müllverbrennungsanlagen gesammelt werden: Das Emirat Dubai hat für den Standort Warsan eine 6.500-Tagestonnen-Waste-to-Energy-Anlage ausgeschrieben. Berater ist die französische Cabinet Merlin. Die VAE-Einwohner zählen zu den größten Müllproduzenten der Welt. In Abu Dhabi werden zum Beispiel pro Kopf und Tag 4,20 Kilogramm Hausmüll produziert – OECD-Durchschnitt sind 1,54 Kilogramm. Hinzu kommt Bauschutt, der 2008 in Dubai 84 Prozent des Gesamtabfalls ausmachte.


In den anderen Golfstaaten sind die Probleme gleich, die Lösungsansätze unterschiedlich: Der an Gas und Petro-Dollars reiche Kleinstaat Katar will sein derzeitiges und künftiges Müllproblem mit einer Großinvestition lösen. Seit Februar 2007 baut das Land an einer integrierten Festmüllanlage für 500 Tonnen pro Tag. Dazu gehören auch ein »Domestic Solid Waste Management Centre« (DSWMC) und vier »Waste Transfer Stations«. Das DSWMC soll täglich 2.300 Tonnen sortieren und recyceln können. Was keiner Wiederverwendung zugeführt werden kann, wird kompostiert, zur Energieerzeugung genutzt oder sicher endgelagert. Zu dem auf 2 Milliarden US-Dollar veranschlagten Auftragspaket gehört auch eine Müllabfuhr und der 20-jährige Betrieb der Anlage.


»Unsere Müllkippen sind gefährlich wie Fundmunition«

Saudi-Arabien sammelt derweil bereits Erfahrungen mit Strom generierenden Müllverbrennungslagen. In Jizan ist eine 300 Millionen US-Dollar teure Anlage fertig, in Dschidda wird eine ebenso teure gebaut. Weitere sind in der Diskussion. Beteiligt sind die US-amerikanische International Power Group Ltd. (IPWG) und die französische Constructions Industrielles de la Méditerranée (CNIM). Die Franzosen sind auch an einer 700 Millionen US-Dollar teuren Müllverbrennungsanlage in Bahrain interessiert.


Das Marktpotential ist enorm: Die GCC-Staaten produzieren jährlich etwa 120 Millionen Tonnen Müll, der auf absehbare Zeit nur ansatzweise fachgerecht entsorgt werden kann. Es gebe hunderte mehr oder weniger unprofessionell angelegter und betriebener Deponien, sagt Mohammad Al Sarawi, Professor an der Kuwait University. Diese jahrzehntelang aufgetürmten Halden beherbergten toxische Gase wie Methan und Kohlendioxid, die zur Stromerzeugung genutzt werden könnten. »Unsere Müllkippen sind gefährlich wie Fundmunition – und wir bauen weiterhin Wohngebiete direkt drum herum.« Bis andere Staaten und Scheichtümer dem Beispiel von Schardscha folgen und die Sanierung von Altlasten angehen, wird wohl noch viel Zeit vergehen, weil erst einmal die täglich neu anfallenden Müllmengen Priorität haben.


Noch immer stehen überall in den Straßen der Arabischen Halbinsel große, unansehnliche Müllcontainer herum, meist offen und meterweit zu riechen. Zwar werden sie – zumindest in den besseren Vierteln – häufig geleert, aber wohl so gut wie nie gesäubert. Erste Projekte, in denen neue und farblich unterscheidbare Plastikcontainer für die Vorsortierung eingesetzt werden, müssen sich noch beweisen. Abu Dhabi experimentiert seit Ende 2009 damit und die Zeitungen zeigen auch schon Bilder von westeuropäischen Frauen, die vorbildlich zwischen recycelbarem und Restmüll unterscheiden. Gleichzeitig aber erfährt der Leser, dass anschließend leider noch nicht alles wirklich recycelt werden kann. Auch an Dubais Bushaltestellen finden sich bereits dreierlei Abfallbehälter, die bislang jedoch wohl eher eine erzieherische als eine praktische Funktion haben.



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