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Lord's Resistance Army im Sudan 01.11.2010

Terror im Grenzgebiet

Marvin Kumetat


Ugandas Lord's Resistance Army schikaniert seit Jahrzehnten die Bevölkerung im Süden des Sudans. Die Regierungen in der Region schieben sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe.


Es war mal wieder ein blutiger Sommer im Süden des Sudan. Im Bundesstaat Western Equatoria waren es vor allem die Rebellen der ugandischen Lord's Resistance Army (LRA), die Hunderte Zivilisten ermordeten und verwundeten. Die Übergriffe der brutalen Rebellen gehören für die Menschen der Region zum grausamen Alltag. Dabei sind die Bewohner in den Konflikt, dessen Opfer sie werden, in keinster Weise involviert. Ihre Angreifer sprechen eine andere Sprache als sie selbst und kämpfen einen Krieg, der nicht der ihre ist, sondern sich gegen die ugandische Regierung richtet.


Seit Januar flohen nach UN-Angaben rund 2500 Menschen im Südsudan vor  den Angriffen der Rebellengruppen auf ihre Dörfer in die sichereren Einzugsbereiche der Städte. Dort fehlt es ihnen an der elementarsten Grundversorgung – doch in absehbarer Zeit werden die meisten Flüchtlinge nicht in ihre Dörfern zurückkehren können, da die LRA weiterhin Angst und Schrecken verbreitet.


Die betroffenen Dörfer erfahren zumeist keinen Schutz durch die in der Regenwaldregion kaum präsente südsudanesische Armee. Stattdessen versuchen einfach bewaffnete, lokal organisierte Verteidigungstruppen, die so genannten »Arrow Boys«, die Angriffe abzuwehren. Gegen die gut ausgerüsteten Rebellen der LRA haben sie aber kaum eine Chance.


In Reaktion auf die Attacken der letzten Wochen hat die Regierung des Südsudans nun beschlossen, umgerechnet etwa 2 Millionen US-Dollar für die Bewaffnung und  das militärische Training der Arrow Boys auszugeben. Ein brisantes Unterfangen, denn so wälzt die Regierung ihre Verantwortung für den Schutz der Zivilbevölkerung auf diese selbst ab und zieht diese in einen Stellvertreterkrieg hinein. Und eine ohnehin schon unruhige Region mit neuen Waffen zu überschwemmen, trägt erfahrungsgemäß auch nicht gerade zur Stabilisierung bei.


Die LRA lenkt von ihren Gräueltaten ab

Um die Lage in der Grenzregion zwischen dem Südsudan und Uganda in den Griff zu kriegen, kam Mitte September eine Konferenz aus mehr als 30 Vertretern aus dem Südsudan, Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik zusammen. Die Meinung der verschiedenen religiösen und politischen Vertreter war einhellig: Es fehle an einer koordinierten Strategie, wie mit den Rebellen der LRA umzugehen sei und mit Gegengewalt alleine sei das LRA-Problem nicht zu lösen.


Die LRA selbst spielt auf Zeit und lenkt von ihren Gräueltaten ab, indem sie Bereitschaft zu Waffenstillstandsverhandlungen signalisiert und diese in offiziellen Verlautbarungen an die betroffenen Regierungen bis hin zur UN kommuniziert.


Die LRA ging ursprünglich aus der »Holy Spirit Movement« von Alice Auma Lakwena hervor, die in den späten 80-ern in Uganda gegen die Regierung Musevenis und für die Errichtung eines Gottesstaates auf Basis der Zehn Gebote kämpfte. Eine darüber hinausgehende Ideologie ist kaum auszumachen. Im Laufe der Jahre verlor die LRA durch ihre brutalen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung auch die Unterstützung innerhalb der Bevölkerungsgruppe, aus der sie ursprünglich hervorgegangen war, den Acholi aus Nord-Uganda. Zu einem gewichtigen Akteur im Sudan wurde die LRA während des Südsudan-Krieges. Die Regierung in Khartum nutzte die LRA-Rebellen als Stellvertreter in ihrem Krieg gegen die »Sudan People's Liberation Army« (SPLA).  Aus Rebellion wurde mit der Zeit Terror.


Heute ist wenig von den einstigen politischen Ambitionen der LRA übrig geblieben, vielmehr ist sie zu einem plündernden Haufen geworden, der Zivilisten ermordet, Dörfer zur Erntezeit plündert und Kinder entführt, um die eigenen Reihen aufzufüllen. Unterschätzen darf man die Bewegung aber nicht, auch wenn die Regierung in Kampala gerne das Bild von der LRA als einem kleinen Haufen marodierender Banden verbreitet: Die LRA ist eine gut trainierte, bewaffnete Gruppe, die dem Kommando eines starken Führers folgt.


Die zuweilen autonomen Splittergruppen nutzen dabei die Grenzgebiete der krisengebeutelten Staaten Sudan, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik, um Raubzüge zu organisieren. Durch den systematischen Einsatz von Verstümmelungen und extensiver Gewalt vor allem gegen Frauen und Mädchen, schafft es die relativ kleine Gruppe, eine gesamte Grenzregion zu destabilisieren. Der Kopf der Rebellengruppe ist Joseph Kony. Er sieht sich selbst als religiös legitimierten Führer und Erben von Alice Auma Lakwena, mit der er behauptet, verwandt zu sein. Als selbst ernannter spiritueller und militärischer Führer schaffte er es, die zersplitterte Rebellengruppe zusammenzuführen und zu vereinen.


Ein Gewirr von Stellvertreterkriegen

Auch gegen ihn stellte der internationale Gerichtshof 2005 einen Haftbefehl wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus. Seit er 1987 den Kampf gegen die ugandische Regierung aufnahm, töteten seine Rebellen mehrere zehntausend Menschen. Heute hält sich Kony wohl irgendwo zwischen dem dichten Regenwaldgebiet der Demokratischen Republik Kongo und der Darfur-Region im Sudan auf und ist somit kaum zu fassen. Doch selbst wenn es gelänge ihn auszuschalten, würde dies die Lage wohl kaum verbessern. Das kopflose Monster, das er zurückließe, könnte sich noch unkontrollierter zersplittern und versprengte Kleinstgruppen aus herangewachsenen ehemaligen Kindersoldaten zurücklassen.


Dass die Bekämpfung der LRA bisher gescheitert ist, hat verschiedenste Gründe. Einer davon ist die geografische Beschaffenheit ihres Operationsgebietes, das zusammen fast die Größe Belgiens und der Niederlande hat. Der dichte Regenwald erlaubt es den Rebellen, sich unauffällig über die porösen Staatsgrenzen der vier Länder hinwegzubewegen - zumeist unbehelligt von den jeweiligen Regierungstruppen, da diese keine Befugnisse haben, im Hoheitsbereich der anderen Staaten zu operieren. Hinzu kommt, dass sowohl der Sudan, als auch die Zentralafrikanische Republik und die Demokratische Republik Kongo jeweils in eigene interne Konflikte verstrickt sind, die sie davon abhalten, gemeinsam mit einem größeren Truppenaufgebot dem LRA-Problem entgegenzutreten. Auch jede friedliche Lösung des Problems scheiterte bislang – meist dadurch, dass es Joseph Kony ablehnte, die ausgearbeiteten Friedensabkommen zu unterzeichnen.


Hinzu kommt, dass vor allem vor 1999 sowohl die Regierung Ugandas als auch die des Sudans sich jeweils in Stellvertreterkriegen Rebellengruppen zunutze machten, um den Gegner zu destabilisieren. Umso schwieriger ist es jedoch, eine Gruppe von einem Niederlegen der Waffen zu überzeugen, wenn es in deren Rücken jemanden gibt, der ihnen bereitwillig Waffen zur Verfügung stellt. So unterstützte Kampala die Truppen der SPLA im Kampf gegen die Regierung Khartums – auch durch Entsendung eigener Truppen in die Konfliktregion.


Omar al-Bashirs Regime hingegen lud die LRA, nach Angaben aus ihre Kreisen, explizit in den Sudan ein, um dort den rebellischen Süden zu terrorisieren und gegen die SPLA vorzugehen. So konnte die Regierung den Krieg im Süden am Leben halten, ohne in größerem Umfang eigene Truppen aufbieten zu müssen. Die Ermutigung durch die sudanesische Regierung, brutal gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, sowie die ohnehin schon aufgeladene Stimmung in der Konfliktregion brachten die Spirale der Gewalt erst richtig in Gang. Im Gegenzug für ihre Taten im Südsudan erhielt die Rebellengruppe um Kony Waffen und Unterstützung bei ihrem Versuch, Museveni zu stürzen.


Eskalation vor dem Unabhängigkeitsreferendum

1999 unterzeichneten zwar Sudan und Uganda das Nairobi-Abkommen, welches beide Staaten dazu verpflichtete, jegliche Unterstützung der Rebellengruppen im jeweils anderen Land einzustellen. Die Wirksamkeit des Vertrags war aber schon bei seiner Unterzeichnung anzuzweifeln. Nichtsdestotrotz streitet Khartum seit diesem Zeitpunkt in jeder Regierungserklärung ab, dass es die LRA noch unterstütze. Das wird von vielen Kritikern des Regimes bezweifelt – allen voran von der Regierung Kampala sowie der SPLA.


Es ist auch schwer vorstellbar, dass sich Khartum vor der Unterzeichnung des Friedensabkommens 2005, das den sudanesischen Bürgerkrieg beendete, die Gelegenheit entgehen ließ, den Südsudan durch das Einbeziehen der LRA auf einfache Weise in einen Zwei-Fronten-Krieg zu verstricken. Etliche Interviews mit Zivilisten und Militärs in der betroffenen Region untermauern die Vermutung, dass es seitens der Regierung Khartums noch bis 2006 militärische Unterstützung für die LRA gab. Schon alleine die Tatsache, dass es sich bei der Rebellengruppe um eine mit Waffen und Kommunikationsmitteln modern ausgerüsteten Bewegung handelt, legt den Schluss nahe, dass die LRA von irgendeiner Seite Unterstützung erhalten haben muss. Mittlerweile bestreitet jedoch auch die LRA-Führungsspitze jegliche Kontakte zur Regierung in Khartum.


Im Schatten der aktuellen Vorfälle flammen die alten Vorwürfe wieder auf. Am 9. Januar 2011 wird der Südsudan in einem Referendum über seine Unabhängigkeit entscheiden. Dessen Ausgang wird als klares Votum für eine Unabhängigkeit erwartet. Uganda und die SPLA klagen nun, dass Khartum die alten Verbindungen zu Kony wieder hat aufleben lassen, um den Südsudan vor dem anstehenden Referendum in Aufruhr zu versetzen und damit die provisorische südsudanesische Regierung bloß zu stellen. Khartum dementiert solche Anschuldigungen. Es lässt aber allemal misstrauisch werden, dass sich ausgerechnet in der Zeit kurz vor dem Referendum die Übergriffe der LRA in den südlichsten Bundesstaaten Western Equatoria und Western Bahr el-Ghazal stark intensiviert haben.


Greifen die USA in den Konflikt ein?

Was wird die Zukunft für die Bewohner der gebeutelten Regionen bringen? Sollten die provisorischen Regierungen des Südsudans und Kampalas mit ihren Vermutungen richtig liegen, so ist auch in Zukunft mit Übergriffen der LRA auf die Zivilbevölkerung zu rechnen. Das Flüchtlingsproblem dürfte derweil noch gravierender werden.


Auch wenn Omar al-Bashir bekräftigt, dass er das Ergebnis des für Anfang 2011 anstehenden Referendums anerkenne, so ist dies doch aufgrund der Abhängigkeit des Sudans von den Rohstoffen der Region stark zu bezweifeln. Ob die Bevölkerung Western Equatorias und Western Bahr el-Ghazals in Zukunft von dem Terror der LRA verschont bleiben wird, ist fraglich. Immerhin hat diese auch innerhalb Ugandas keine Verbündeten und wird die instabile Grenzregion in absehbarer Zukunft sicherlich nicht als sicheres Rückzugsgebiet aufgeben.


Auch die USA plant, in die verworrene Gemengelage der Region einzugreifen und unterzeichnete im Mai dieses Jahres einen Gesetzesentwurf: Innerhalb von sechs Monaten solle eine Strategie entwickelt werden, um die LRA zu bekämpfen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Die Bevölkerung des Südsudan wird dennoch auch in nächster Zukunft Spielball innerhalb eines Konfliktes bleiben, den sie nicht zu verantworten hat.




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