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Ökotourismus in der Türkei 12.03.2010

Sightseeing mit Nachhaltigkeit

Deniz Julia Güngör


Auf der Berlinale schwärmte Semih Kaplanoglu von seinen Aufnahmearbeiten: »Wir haben den Film in einer Gegend mit atemberaubend schöner Natur gedreht – in der Schwarzmeerregion, in der Nähe der Stadt Camlihemsin. Nun sollen dort Wasser- und Elektrokraftwerke gebaut werden, was die Natur zerstören wird. Ich hoffe daher, dass dieser Preis auch zum Naturschutz in der Region beitragen kann.«

 

Dem Regisseur des türkischen Films »Bal«, der auf den diesjährigen Berliner Filmfestspielen den Goldenen Bären gewann, schien dies ein Anliegen zu sein. In verschiedenen Interviews betonte er die Bedeutung der Natur für den Menschen. Wie sehr wir von ihr abhängig seien und wie existenziell sie für unser Überleben sei; auch das sollte sein Film zeigen. Kaplanoglu äußerte die Hoffnung, dass naturbewusste Touristen, die durch »Bal« auf die Region aufmerksam werden, dazu beitragen, dass diese einzigartige Landschaft gerettet werden kann.

 

Nicht jedem wird die Verbindung Tourismus und Naturschutz gleichsam logisch erscheinen. Doch Kaplanoglu liegt nicht falsch. Einer der neuen, lukrativen Trends der türkischen Tourismusbranche nennt sich Ökotourismus.

 

Hohe, grüne Ziele

Zwar zeigt die Türkei als Partnerland der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin kaum die Attraktivität des Ökotourismus als Form der alternativen Urlaubsreise für ihre Fremdenverkehrsindustrie. Trotzdem betonte der türkische Kultur- und Tourismusminister Ertugrul Günay in seiner Rede auf der Eröffnungsgala der ITB die Wichtigkeit von Umweltschutz innerhalb der Tourismusbranche und verkündete stolz, dass die Türkei mit 286 ausgezeichneten Stränden und 14 Häfen bereits an vierter Stelle der Weltrangliste der Länder mit dem »exklusiven Öko-Label« der Blauen Flagge stehe.

 

»Aber unser Ziel ist es, an die erste Stelle zu rücken«, so der Minister. Auch richtete die türkische Botschaft in Berlin bereits am letzten Februarwochenende, noch vor dem offiziellen ITB-Beginn, gemeinsam mit dem Outdoorhändler Globetrotter einen Vortragsabend zu Outdoor-Aktivitäten, Ökotourismus und nachhaltigem Umweltschutz in der Urlaubsregion Antalya aus.

 

Obwohl bereits in den 19070er Jahren weltweit erste Forderungen nach umweltfreundlichem, sogenanntem »sanften Tourismus« laut wurden, wird die Thematik erst allmählich breit beworben. Im Zuge der aktuellen Klimadebatte gewinnt der Ökotourismus weiteres Ansehen – und damit an Wirtschaftspotential. Dabei fand die Idee der Nachhaltigkeit schon 1992 Eingang in die Agenda 21 der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro – als strategisches Konzept, das die soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträglichkeit und Tragfähigkeit von Tourismus zum allgemeinen Ziel erklärte.

 

Dennoch existiert beim Öko- und Alternativtourismus eine spezielle Problematik: Besonders für Alternativtouristen stellt die unberührte und nicht erschlossene Natur den größten Reiz dar, wie Yilmaz Sevgül, Sportwissenschaftler an der Universität Antalya und selbst begeisterter Outdoor-Sportler, im Zusammenhang mit seinen Studien zur Biodiversität innerhalb von Ökotourismus und Naturschutz berichtet. Sevgül beschreibt unverblümt die Auswirkungen von Natursportarten auf das Ökosystem und erklärt, welche Umweltschäden die Natursportarten »von den Gipfeln der Welt bis in die tiefsten Tiefen« hinterlassen.

 

Mit Bedauern betont er, dass gerade diejenige Klientel, die für die Ausübung ihrer Outdoor-Aktivitäten besonders abhängig vom Erhalt der Natur ist, teilweise die größte Verschmutzung hinterlässt und illustriert dies mit Bildern von Berghängen voll liegen gelassener Sauerstofflaschen. Deshalb appelliert er besonders an die Natursportler: »Für uns ist die Natur und der Naturschutz wichtig. Besonders wir, die Natursportarten betreiben, sind abhängig von der Natur und deshalb auf einen bewussten Umgang mit ihr angewiesen. Um von der Natur zu profitieren, müssen wir sie schützen.«

 

World Rallye weicht Umweltschutz

Tourismus und Umweltschutz müssen sich auch nicht partout ausschließen. Yilmaz engagiert sich neben seiner Tätigkeit als Natursportler und Outdoor-Tourenguide in der Region auch für nachhaltige, zivilgesellschaftliche Projekte im Umweltschutz. Er ist als Gruppenleiter beim Verein »Arama ve Kurtarma Dernegi« aktiv, welcher Rettungsaktionen für in Gefahr geratene Extremsportler und Katastrophenschutz beispielsweise bei Erdbeben koordiniert und durchführt.

 

Hierbei ist ihnen auch der erhalt der Umwelt ein Anliegen. Dennoch berichtet der leidenschaftliche Sportler auch von erfolglosen Initiativen. So zog er gemeinsam mit anderen Bergsteigern vor einigen Jahren vor Gericht, um gegen mechanische Anlagen auf dem Tahtalidag in Olympos zu klagen. Obwohl sie den Fall gewonnen haben, hat sich nichts verändert.

 

Auch die internationale World Rallye Championship, die 2006 erstmals in Antalya stattfand, musste auf Druck der Umweltschützer seinen Standort im Folgejahr verlegen, da sie der Grund dafür war, dass einheimische Tierarten, wie eine vom Aussterben bedrohte Hirschart in der Gegend durch die Lärmbelästigung in jenem Jahr keine Nachkommen zeugten: »Es gibt viele nachteilige Entwicklungen in der Türkei. Aber wir bringen unsere Kritik ein und versuchen sie so zu bekämpfen«, sagt Yilmaz.

 

Dass der Tourismus eine der Haupteinnahmequellen für die Türkei darstellt, ist allseits bekannt. Mit zunehmendem Fremdenverkehr steigen auch die Bedeutung und der Bedarf an Projekten und Initiativen, die sich für nachhaltigen Umweltschutz und Ökotourismus einsetzen. Die Natur sollte vom Tourismus profitieren. So betont das deutsche Bundesamt für Naturschutz, dass auch hierzulande »zahlreiche Schutzgebiete ohne die Aussicht auf eine touristische Wertschöpfung nie gegründet worden oder ohne die Einnahmen aus dem Tourismus nicht überlebensfähig wären.«

 

Archäologie und Naturschutz Hand in Hand

Mehrere solcher Initiativen, die sich gegen Massentourismus und für den Umweltschutz einsetzen, haben ihre Ziele medienwirksam durchsetzen können. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Erklärung des südwesttürkischen Dalyan-Deltas zum Naturschutzgebiet. Es ist die Heimat der unechten Karettschildkröte und Fundstelle der lykischen Königsgräber aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, einst gemeißelt in die Felshänge oberhalb der geheimnisvollen, labyrinthartig verschachtelten Flusslandschaft.

 

Obwohl die Schutzinitiative damals ein geplantes gigantisches Hotelprojekt stoppen konnte, öffneten hiernach die Bewohner der kleinen Dörfer ihre Türen für die wachsende Zahl fremder Besucher. Das finanzielle Potenzial der Vermarktung ihres Heimatortes war entdeckt und so avancierte Dalyan vom Natur- zum Urlaubsparadies.

 

Einem der schönsten und vor allem längsten Sandstrände Europas ist der große Tourismusboom jedoch erspart geblieben. Dank bedeutender Funde Mitte der 1980er Jahre konnte der Archäologe Fahri Isik, der die Überreste von Patara, der lykischen Hauptstadt und bedeutendsten Hafenstadt des lykischen Bundes, entdeckte, die Bebauung des Gebietes erfolgreich verhindern. Das türkische Kulturministerium erklärte die Region zur staatlichen Schutzzone. Und obwohl die Dorfbewohner sich damals gegen den fremden Professor stellten, sind sie ihm heute doch größtenteils dankbar, dass ihr Paradies erhalten blieb.

 

Ein Pionier des Ökotourismus in der Türkei ist Kadir Kaya. Er hatte bereits vor 20 Jahren im ausgetrockneten Flussbett von Olympos ein kleines Projekt mit Baumhäusern als Unterkunft gegründet, um alternativen Tourismus zu betreiben, ohne der Umwelt zu schaden. In dem Naturschutzgebiet zwischen der antiken Stadt Olimpos und dem Strand sind Häuser aus Stein verboten. Kaya betont: »Es war mir wichtig zu zeigen, dass man auch als Tourist mit der Natur im Einklang leben kann.«

 

Kaya gilt in der Türkei als einer der »Gründerväter des Ökotourismus«, und doch muss auch diese Branche sich letztlich wirtschaftlich rechnen. Die Idylle sollte nicht lange wahren. Sein Projekt wurde bekannt, so dass immer mehr Touristen kamen. Andere machten es ihm bald nach, und so schossen die urigen Unterkünfte in den vergangenen Jahren überall in der Nachbarschaft in die Höhe. Mittlerweile reiht sich Baumhaus an Baumhaus. So »alternativ« ein Urlaub dort noch scheinen mag, es ist wenig mehr als eine große Vollmond-Party zwischen den riesigen Bergschluchten – als wollen die laut feiernden Urlauber es mit den Göttern des Olymp aufnehmen.



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