Quicknews
Marvin Kumetat
Nigeria, das in der westlichen Presse gerne als wankender, gefesselter, unbekannter, armer, oder auch schwarzer Riese Afrikas bezeichnet wird, hat – trotz derartiger Darstellungen – den friedlichen Wechsel von einer Diktatur zu einer Demokratie gemacht und legte ein beispielloses Wirtschaftswachstum hin. Die große kulturelle Vielfalt beförderte es, dass nigerianische Literatur wie von Soyinka und Achebe und nigerianische »Nollywood«-Filme, Leser und Zuschauer in ganz Afrika und darüber hinaus begeistern.
Gleichzeitig ist Nigeria aber auch eines der korruptesten Länder der Welt und die große Mehrheit der mehr als 150 Millionen Einwohner profitiert nicht von den ins Land gespülten Petrodollars. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Dies öffnet die Pforten für Rebellen, Sekten und andere religiöse Seelenfänger.
Eine dieser Bewegungen ist die islamistisch-fundamentalistische Gruppe Boko Haram, die im überwiegend islamisch geprägten Nordosten des Landes agiert und zuletzt durch den Selbstmordanschlag auf eine Vertretung der Vereinten Nationen im August 2011 von der internationalen Presse wahrgenommen wurde. Doch die Gewalttaten sind in Nigerias Nordosten kein Phänomen, das sich erst in dem Anschlag auf das UN-Hauptquartier in der Hauptstadt Abuja manifestiert hat. Seit der Tötung des Anführers der Bewegung, Mohammed Yusuf, im Sommer 2009, erklärte sich Boko Haram verantwortlich für beinahe tägliche Vorfälle: von Drive-by-Shootings, über Banküberfälle, Gefangenenbefreiungen, Entführungen, Vandalismus, Bombenattentate und Plünderungen bis hin zu gezielten Tötungen von Politikern, Geistlichen und Journalisten.
Wirklich neu ist aber die Dimension, die Präzision der Ausführung und das Ziel des Anschlages im August dieses Jahres. Zum ersten Mal wurde dieser mittels eines Selbstmordattentäters durchgeführt und erschütterte damit die Annahme, dass man vor islamistischem Terrorismus in diesem Ausmaß sicher sei. Die Tat wirkte zudem »professionell« und Ziel war diesmal eine internationale Institution. Zuvor hatten sich die Übergriffe immer auf nationale Einrichtungen, Kirchen oder Vertreter aus Politik, Medien und Religion beschränkt.
Der Begriff Boko Haram lässt sich grob als »Westliche Bildung ist verboten« übersetzen (wird in der westlichen Presse jedoch zuweilen fälschlicherweise auf »Bildung ist Sünde/verboten« verkürzt). »Boko« fand mit Beginn der kolonialen Eroberung und der Einführung des westlichen Bildungssystems seinen Eingang in den Wortschatz und galt von Beginn an als verdächtig, da dort der Koran nicht gelehrt wurde. Mitglieder von Boko Haram lehnen daher diese Benennung ab und bezeichnen sich selbst als Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'awati wal-Jihad (Anhänger der Verbreitung der Lehren des Propheten und des Heiligen Krieges).
Gründer der Bewegung war der radikale, junge Prediger Mohammed Yusuf, der etwa ab 2006 vor allem arbeitslose Jugendliche aus Maiduguri um sich versammeln konnte. Er propagierte, dass jeglicher westlicher Einfluss moralisches Fehlverhalten sei und verurteilte die Korruption säkularer Institutionen. Seiner Meinung nach stand also alles Westliche unvereinbar den Lehren des Islams gegenüber – eine Behauptung, die viele islamische Gelehrte als falsch beurteilten. In seinen Predigten wetterte er öffentlich gegen den Staat und die politische Klasse und verdammte die – seiner Meinung nach – bestehende Korruption in der islamischen Gesellschaft.
Trotz frühzeitiger Warnungen islamischer Geistlicher über die Gefährlichkeit der Sekte spitzte sich die Situation zwischen Boko Haram und den nigerianischen Sicherheitskräften schließlich soweit zu, dass es im Juli 2009 in Maiduguri zum unausweichlich scheinenden Zusammenstoß kam, in dessen Folge hunderte Menschen starben und auch Yusuf zunächst festgenommen, im Anschluss aber (angeblich) ermordet wurde. Trotz des Todes des Sektenführers konnte sich die Gruppe aber neu formieren.
Die Ziele der inkohärenten Organisation sind weit gestreut. Manche Zellen der Sekte haben allen säkularen Institutionen den Krieg erklärt und wollen den nigerianischen Staat überwältigen. Andere wollen eine extreme Auslegung des islamischen Rechtes einführen, Bildung nach westlicher Art abschaffen und den Tod des Sektenführers rächen. Generell prangert die Gruppe aber auch Missstände in allen Lebensbereichen an. Kurzum: Man wehrt sich gegen all die zersetzenden Einflüsse, die im Namen der Modernisierung nach »westlicher« Art begangen werden.
Was sind aber nun die Beweggründe und die Ursachen für das Auftreten dieser Bewegung? Analysten sind sich der Antwort auf diese Frage nicht einig. Einige führen vor allem Religion als Hauptursache und Legitimation des Konfliktes an. Im Falle Nigerias ist der Einfluss der Religion auf die Politik ohnehin unbestreitbar.
Zum einen besteht grundsätzlich innerhalb der nigerianischen Gesellschaft die Konkurrenz zwischen dem überwiegend christlich geprägten Süden und dem überwiegend islamisch geprägten Norden. Zwar leben Anhänger der verschiedenen Religionen in weiten Teilen friedfertig zusammen, doch das Misstrauen zwischen Christen und Muslimen wurde vor allem durch die Debatte um die Einführung der Scharia in einigen nördlichen Bundesstaaten angeheizt. Die dort vorherrschende Weltansicht ist vor allem panislamisch und viele der dortigen Muslime fühlen sich eher mit Glaubensbrüdern in anderen islamischen Regionen verbunden als mit der Bevölkerung Südnigerias.
Gewichtiger ist aber wohl der Aspekt, dass die Bewegung sich als religiöse Organisation im Kampf gegen säkulare Einrichtungen des – ihrer Meinung nach – korrumpierten, verwestlichen Staates positioniert und sich nicht nur durch radikale Ablehnung weltlicher Institutionen auszeichnet sondern auch jedweden Dialog oder Kompromisse mit diesen ablehnt.
Obwohl 95 Prozent der nigerianischen Muslime Sunniten sind, wirkt sich der Groll Boko Harams aber auch in intrareligiösen Konflikten aus und richtet sich gegen orthodoxe oder gemäßigte islamische Glaubensführer.
Ein weiteres Problem sind die sogenannten Almajiri. Viele Eltern zogen Koranschulen westlichen Bildungseinrichtungen vor, da bei einigen Muslimen (und auch Nicht-Muslimen) ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber ehemals kolonialer und christlicher Einflussnahme in Form von Bildungseinrichtungen herrscht. Das westliche Bildungssystem vermittelt ihrer Meinung nach keinen moralischen Inhalt, enthält Aspekte, die aus islamischer Perspektive befremdlich erscheinen müssen und ist auch aus einer Vielzahl anderer Gründe kritikwürdig – unter anderem hält man es für zu elitär, imperialistisch und herablassend.
Dies ist an sich ja auch gut zu verstehen, zieht aber auch heute noch die unangenehme Nebenwirkung nach sich, dass aufgrund steigender Armut Schulkinder keine andere Alternative haben, als ihren Lebensunterhalt und den ihres Mallam (Korangelehrter) auf der Straße zu erbetteln oder zu ergaunern. Die Zahl dieser Almajirai beläuft sich auf mehrere Millionen. Diese Flut der Verzweifelten säumt die Straßen der größeren Städte. Sie ist eine regelrechte Armee, die aufgrund von Armut und Perspektivlosigkeit einfach zu rekrutieren ist und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, wenn sich damit eine Mahlzeit verdienen lässt.
Es gibt Ansätze, Fehler dieses Systems auszumerzen, indem man zum Beispiel für die Bezahlung der Lehrkräfte sorgt, diese stecken bisher allerdings noch in den Kinderschuhen. Im Allgemeinen ist Religion – ebenso wie Ethnizität in anderen Regionen – ein gern genutztes Instrument, um den Gegner zu dämonisieren und Gewalt zu rechtfertigen, die andernfalls als verwerflich erachtet werden würde. Vertreter dieser Ansicht halten Religion lediglich für ein Deckmäntelchen eigentlich tiefer sitzender Aspekte. Sie sehen vor allem soziale, ökonomische und politische Missstände und Ungerechtigkeiten bei der Verteilung öffentlicher Ressourcen als Ursachen des Konflikts an.
Seit Anfang der 1980er Jahre ist Nordnigeria immer wieder Schauplatz gewaltsamer Konflikte. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass der Norden – wie auch Nigeria im Allgemeinen – Heimat einer Vielzahl verschiedener Bevölkerungsgruppen ist, von denen Haussa und Kanuri die Mehrheit im Norden darstellen.
Des Weiteren hatten die Ölkrise und der damit verbundene Einbruch der Weltwirtschaft in den 1970er und 1980er Jahren schwerwiegende Konsequenzen für Nigeria, dessen Staatseinnahmen sich zum allergrößten Teil aus Ölverkäufen speisten. Der Niedergang der Landwirtschaft, massive Arbeitslosigkeit, eine starke Stadt-Land-Migration und weitverbreitete Armut sind auch heute noch spürbare Folgen. Bildungseinrichtungen produzieren Absolventen, die nirgendwo gebraucht zu werden scheinen und die daher vor einer düsteren Zukunft stehen. Zu viele bleiben auf der Strecke und die Frustration über den eigenen Staat ist groß.
Auch die in die Einführung der Scharia gesetzte Hoffnung, dass diese für einen korruptionsfreien Staat sorgen würde, wurde enttäuscht. Daraus schlussfolgerten Anhänger Boko Harams, dass die Versprechungen der Scharia nicht durch politische Akteure sondern nur durch die Einrichtung eines islamischen Staates eingelöst werden können. In jedem Fall spielen also bei dem Konflikt um Boko Haram verschiedene komplexe, miteinander verwobene Faktoren eine Rolle und er sollte nicht als ausschließlich religiös oder sozial motiviertes Phänomen betrachtet werden.
Die Sekte setzt sich vor allem aus jungen, arbeitslosen Männern zusammen, da diese von den geschilderten sozialen Problemen am stärksten betroffen sind und durch die Erfahrung von Marginalisierung und Versagen des nigerianischen Staates geprägt wurden. Oftmals ist deren einzige Option, sich irgendwie durchzuschlagen – auch wenn dies bedeutet, zu Waffen zu greifen, zu töten oder zu plündern. Eine Vielzahl der Anhänger sind ehemalige oder gegenwärtige Almajirai. Außerdem geht man davon aus, dass es auch wohlhabende und gut ausgebildete Unterstützer der Boko Haram in Nordnigeria geben muss.
Über die Unterstützung aus und die Vernetzung mit dem Ausland gibt es keine gesicherten Informationen. Verbindungen zu anderen internationalen Terrororganisationen sind, vor allem auch über die porösen Grenzen hinweg, nicht auszuschließen. So gibt es den Verdacht, dass Boko Haram zum Beispiel Training durch die »Al-Qaida des Islamischen Maghreb« (AQIM) erhalten hat. Die tatsächlichen Verbindungen zu internationalen Netzwerken wie Al-Qaida sind aber wahrscheinlich weniger stark als von Südnigeria und westlichen Medien angenommen – nichtsdestotrotz feuern aber Nachrichten von den heroischen Taten und Solidaritätsbekundungen anderer extremistischer Gruppen den Konflikt weiter an. Trotz der Beobachtung, dass einige Elemente innerhalb der Organisation anscheinend auch westliche Interessen zum Ziel haben, konzentriert sich der Fokus der Sekte jedoch eher auf lokale Angelegenheiten.
Und diese Vorfälle sind kein Einzelfall. Schon in der Vergangenheit hatte es Mohammed Marwa, ein junger, charismatischer Prediger aus Kamerun geschafft, die Sorgen der Bevölkerung auszunutzen und zahlreiche Mitglieder und Sympathisanten um sich zu scharen. Die in den 1970er und 1980er Jahren agierende Gruppierung ging als »Maitatsine« in die Geschichte ein und weist in ihrer Entwicklung viele Parallelen zu Boko Haram auf.
Präsident Goodluck Jonathan konnte seine Versprechen noch nicht einlösen
Überraschend ähnlich der Boko Haram-Bewegung hatten sich auch hier die Beziehungen seiner überwiegend arbeitslosen, städtischen Anhängerschaft mit der Polizei allmählich verschlechtert, die Gruppe wurde gewalttätiger und radikaler gegenüber allen säkularen Einrichtungen und es kam zum unausweichlichen »Höhepunkt« des Konflikts. Im Dezember 1980 fanden hunderte Menschen in Kano (unter ihnen auch Marwa) während des Zusammenstoßes zwischen der Maitatsine-Bewegung und nigerianischen Sicherheitskräften den Tod. Der Vergleich zwischen Boko Haram und Maitatsine erscheint daher überzeugend.
Die Bewegungen entstanden jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten und es ist davon auszugehen, dass Boko Haram vor allem von Al-Qaida »inspiriert« wird. Potentielle Verbindungen zwischen beiden Organisationen könnten dafür sorgen, dass die Sekte auch die nötigen finanziellen und technologischen Mittel erhält, um bedeutend länger als Maitatsine ein Problem zu bleiben.
Damals wie heute reagiert die nigerianische Regierung zumeist zu spät und immer mit harter Hand. Dieses brutale und harsche Vorgehen – auch gegen die Zivilbevölkerung – spielt Boko Haram letztlich in die Hände und ist ein wirksamer Rekrutierungsgrund. Es hat vor allem Teile der Jugend gegen den Staat aufgebracht und radikalisiert. Auch Geschehnisse wie die möglicherweise außerrechtliche Tötung Yusufs heizen mehr an, als dass sie Probleme lösen.
Zudem sind Nigerianer sicherlich der Versprechen des Präsidenten Goodluck Jonathan müde, der zwar immer wieder verspricht, das Problem Boko Haram zu lösen oder zumindest unter Kontrolle zu haben, daran bis jetzt aber gescheitert ist. Es herrscht eine weitverbreitete Antipathie und Frustration gegenüber den Regierenden, in die man vor allem nach der friedlichen Wiederwahl des Präsidenten im April diesen Jahres große Hoffnungen gesetzt hatte.
Sowohl Afrikanische Union, als auch Europa, die USA und die Vereinten Nationen verurteilten das Vorgehen Boko Harams. Die internationale Gemeinschaft nahm die jüngsten Vorfälle mit Bestürzung wahr, blieb aber ihrer ursprünglichen Linie der Nichteinmischung treu. Dieser Grundsatz ist zwar an sich richtig, nichtsdestotrotz sollte der Konflikt aber nicht aus den Augen verloren werden. Folgt man nämlich der Annahme, dass die geschilderten Ereignisse vor allem aufgrund der verheerenden sozialen Schieflage geschehen konnten, so ist zu befürchten, dass der Konflikt in dieser Dimension auch auf andere periphere und marginalisierte Regionen Nigerias überschwappt.
Das Resultat könnte in der Folge eine Gefährdung anderer fragiler Stabilisierungsprozesse Westafrikas sein. Eine unaufrichtige und korrupte Regierung hat zudem dem Respekt für säkulare Institutionen auf lange Sicht geschadet und macht es so umso schwerer, friedensbildende Maßnahmen durch sie zu implementieren. Außerdem lehnen vor allem radikal-islamistische Mitglieder jedweden Dialog per se ab.
Doch vor dem Hintergrund der derzeitigen dramatischen Situation sollte nicht vergessen werden, dass die Region in ihrer Geschichte und auch heute noch anhand zahlreicher anderer Beispiele des Respekts und der Zusammenarbeit demonstriert, dass sie durchaus die Kapazitäten für ein friedliches Zusammenleben zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften in allen Lebensbereichen hat. Es existieren bewährte soziale Mechanismen, um Konflikten vorzubeugen oder sie zu entschärfen. Der Großteil der Bevölkerung Nordnigerias lehnt die durch Boko Haram begangene Gewalt ebenso ab – wie der Rest der Welt.
Viele islamische Geistliche verurteilten die Aussagen Boko Harams als eine Perversion der Lehren des Islams. Auf staatlicher Seite bemüht man sich um christlich-islamische Verständigung und ein nationales Identitätsbewusstsein. Insgesamt neigen aber vor allem außenstehende Beobachter dazu, lokale Konflikte für ganze Regionen zu pauschalisieren und damit als unumgänglich und allgegenwärtig darzustellen.
Die Gruppe Boko Haram bleibt damit ein nebulöser Gegner und die meisten der angestellten Überlegungen sind Vermutung. Verifizierbare Informationen über die Sekte sind spärlich. Handelt es sich um eine kohärente oder eine zersplitterte Gruppe, wer handelt alles unter dem »Label« Boko Haram, wie weit sind Verbindungen zu anderen internationalen Netzwerken hergestellt? Viele Fragen werden nur unzureichend beantwortet. Klar scheint jedoch zu sein: Es gibt keine offensichtliche Hierarchie und Befehlsstruktur (mehr) und eine Unzahl an Mittelsmännern, die behaupten, im Namen der ganzen Organisation zu sprechen. Regierung und nigerianisches Militär lassen zwar die Muskeln spielen, haben jedoch kein konkretes Ziel, das sie anvisieren könnten.
zenithDebatte
Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.
Kalender
zenith Edition
Reaching for the Sun?
The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East