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Fall Bourni und Frankreichs Politik in Westafrika 14.09.2011

Schwarze Koffer und das Geheimnis des »libanesischen Schiiten«

Daniel Gerlach


Mit einer Smith & Wesson 29 hat sich Ex-Agent Josselin Beaumont in den Palast des Staatsgastes in einem Vorort von Paris geschlichen. Nun steht er Präsident Njala, dem Diktator von Malagawi, mit gezogener Waffe gegenüber. Beaumont will sich rächen, denn seine eigene Regierung hat ihn an die Schergen des Diktators verkauft. Er weiß: In Malagawi werden die Menschen jubeln, wenn er jetzt abdrückt. Njala lächelt und sagt dann diesen denkwürdigen Satz: »Sie in Frankreich haben drei Revolutionen und fünf Republiken gebraucht, um zur Karikatur von einer Demokratie zu gelangen. Und sie erwarten von mir, dass ich es gleich im ersten Anlauf schaffe?«


Malagawi gibt es nicht. Die Episode stammt bekanntlich aus dem französischen Actionfilm »Der Profi« – mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle und den meisterhaften Dialogen von Michel Audiard. Latent frauenfeindlich und rassistisch, aber politisch tiefgründig, wenn es um die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Westafrika geht. Waffenhandel, Ölmillionen, Bruderschaft mit Diktatoren, Schmiergelder und Gaunereien auf höchstem politischen Niveau – das sind die dunklen Dimensionen der »Françafrique«, die natürlich auch lichte und positive Seiten hat.


Nun, wenige Monate vor der Präsidentenwahl in Frankreich, tauchen Geschichten auf, die aus dem »Profi« stammen könnten: Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac und sein zeitweiliger Außenminister Dominique de Villepin sollen insgesamt rund 20 Millionen Euro von afrikanischen Diktatoren erhalten haben, unter anderem, um Chiracs Wahlkämpfe zu finanzieren. Kein anonymer Denunziant, sondern der Rechtsanwalt und ehemalige Chirac-Berater Robert Bourgi, behauptet das.


»Wie in einem schlechten Krimi!«

In mehreren Interviews erklärte Bourgi, er habe als Mittelmann zwischen 1985 und 2002 mehrmals Geldkoffer und teure Geschenke – darunter diamantbesetzte Uhren – für Chirac und Villepin aus Afrika geholt. Spender der Millionen sollen afrikanische Präsidenten gewesen sein: Omar Bongo (Gabun), Abdoulaye Wade (Senegal), Blaise Compaoré (Burkina Faso), Denis Sassou Nguesso (Republik Kongo) und Laurent Gbagbo (Elfenbeinküste).


Seit den 1990er Jahren kursierten in Frankreich immer wieder Gerüchte, dass Chirac ein dankbarer Empfänger von Spenden aus Afrika sei. Laut Aussagen seines Anwalts strebt der Ex-Präsident, der sich ohnehin mit einem Verfahren wegen Veruntreuung konfrontiert sieht, nun eine Verleumdungsklage gegen Bourgi an. Dominik de Villepin, der laut Bourgi mehrere Geldkoffer entgegen genommen hat, stritt ab und erklärte, das alles klinge »nach einem schlechten Krimi«.


Bourgi, 1945 als Sohn libanesischer Eltern in der senegalesischen Hauptstadt Dakar geboren und bekannt als langjähriger Vertrauter Villepins, hatte seine Geldkoffer-Geschichte am vergangenen Sonntag in der Zeitung Le Journal du Dimanche enthüllt. Vom Sender BFMTV nach seiner Motivation gefragt, sagte Bourgi: »Es war an der Zeit. Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen deshalb.«


Präsident Sarkozy habe allerdings keine Geldkoffer aus Afrika erhalten, erklärte der Anwalt in seinem Pariser Büro. Sarkozy, aber auch Sozialisten wie François Hollande oder Martine Aubry, seien seiner Meinung nach »saubere Politiker«.


Für den um seine Wiederwahl bemühten Präsidenten sind die Enthüllungen von zwiespältiger Güte. Einerseits entblößen sie neben Chirac auch Sarkozys  Intimfeind de Villepin. Andererseits werfen sie ein schlechtes Licht auf das konservative Lager seiner Partei UMP und könnten damit den Sozialisten zugute kommen. Bourgi, in dessen Büro neben einer Napoleon-Büste auch das Porträt des Präsidenten prangt, erklärte, Sarkozy habe mit den afrikanischen Machenschaften seiner Vorgänger gebrochen.


Bongo ist tot und Gbagbo längst kein Freund der Franzosen mehr

Indes meldete sich ein weiterer Afrikaexperte mit einer anderen Version zu Wort: Auch Sarkozy habe 2007, während seiner Zeit als Innenminister Chiracs, von Bourgi »einen Koffer mit Geld vor die Füße gestellt bekommen«, sagte Michel de Bonnecorse, Karrierediplomat und ehemaliger Afrika-Koordinator im Präsidialamt, dem Journalisten Pierre Péan. Dessen Buch »La République des mallettes – die Republik der schwarzen Koffer« erscheint in dieser Woche in Frankreich und der Autor kann sich – anders als Sarkozy – ganz vorbehaltlos über den Rummel freuen.


Hinter beiden Enthüllungen, den schwarzen Koffern für Chirac und den Anwürfen gegen Sarkozy, vermuten französische Journalisten nun wechselseitige Intrigen. Einige der afrikanischen Politiker, die gespendet haben sollen und lange Zeit als »Freunde Frankreichs« galten, dürfte die Affäre kalt lassen: Omar Bongo, der das ölreiche Gabun fast 42 Jahre lang regierte und fast ebenso viele Kinder zeugte, starb 2009. Laurent Gbagbo, Ex-Präsident der Elfenbeinküste, verlor 2011 die Wahl und wurde nach bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen unter Arrest gestellt – unter anderem mit Hilfe französischer Eingreiftruppen.


Kongos Präsident Denis Sassou-Nguesso konnte nach den Enthüllungen Bourgis kaum dementieren, schon sah er sich mit Demonstrationen in der Hauptstadt Brazzaville konfrontiert. Und auch in anderen westafrikanischen Staaten interessieren sich die Medien für die Kofferrochaden ihrer Führer mit der ehemaligen Kolonialmacht. Der senegalesischen Zeitung L´Observateur sagte er Bourgi, er habe vom Karim Wade – Sohn von Präsident Abdoulaye Wade – »760.000 Euro bekommen. De Villepin stand mir dabei direkt gegenüber.«


Wird sich Frankreich nach Gaddafi wieder stärker engagieren?

Blaise Compaoré aus Burkina Faso ist ohnehin nicht mehr nach Geldspenden für französische Wahlkämpfe zu Mute. Jahrelang galt er als Schiedsmann für innerafrikanische Konflikte, heimlicher Banker afrikanischer Diktatoren und enger Verbündeter Muammar al-Gaddafis, der Burkina Faso mit großzügigen Entwicklungsgeldern bedachte. Nun hat Frankreich als NATO-Führungsmacht für Gaddafis Sturz gesorgt, und übt offenbar Druck auf Compaoré aus, dem »Bruder Oberst« kein Asyl zu gewähren. Die Enthüllungen kommen also zu einer Zeit, da nicht nur das politische System der »Françafrique« infrage steht, sondern afrikanische Staatschefs ratlos der Post-Gaddafi-Ära entgegen blicken.


Bislang kam die französische Außenpolitik mit dem von Gaddafi angeführten, innerafrikanischen Netzwerk der Mächtigen gut zurecht. Nun hat Sarkozy mit seinem Engagement in Libyen Fakten geschaffen. Will er das so entstandene Vakuum zu Frankreichs Gunsten nutzen, muss sich die ehemalige Kolonialmacht wieder wesentlich stärker in Westafrika engagieren.


Ein kurioses Detail der Enthüllungen Bourgis betrifft zudem den rechtsradikalen Politiker Jean-Marie Le Pen, der nicht gerade für interkulturellen Austausch steht. Laut Bourgi soll Le Pen von Omar Bongo für seinen Präsidentschaftswahlkampf 1988 ebenfalls Gelder eingeworben haben. Le Pen nannte Bourgi in Erwiderung der Vorwürfe einen »Geisteskranken« und fügte hinzu, »diesem libanesischen Schiiten« dürfe man nicht glauben.


Bereits 1995 waren Details über die bizarre Beziehungen zwischen Le Pen und Bongo an die Öffentlichkeit gelangt. Bongo hatte damals in einem Interview mit dem Magazin Jeune Afrique zugegeben, dass er »überall Freunde habe, ob rechts, links oder in der Mitte.« Damals interessierten sich die französischen Medien vor allem für Bongos Umgang mit Prostituierten während seiner Staatsbesuche in Paris. Auch die Enthüllungen zur Call-Girl-Affäre des Gabuners waren gut getimt: wenige Tage vor der Präsidentenwahl von 1995, bei der Jacques Chirac kandidierte und schließlich – Bongo hin, Bongo her – gewann.



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