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Dominik Peters
Israel hat als eines der ersten Länder weltweit den Südsudan diplomatisch anerkannt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte vor wenigen Tagen öffentlich: »Dies ist ein Land, das nach Frieden strebt, und wir wären erfreut, mit ihm zusammenzuarbeiten, um seine Entwicklung und seine Prosperität sicherzustellen.« Warme Worte für die Regierung in Juba – deren politische und militärische Eliten der Regierung in Jerusalem seit Jahren wohl bekannt sind. Zwar gilt China, das in ganz Afrika aggressiv seine wirtschaftlichen Interessen vertritt, als stiller Hegemon des Kontinents, Israel aber ist ebenfalls vertreten. Und das seit Jahrzehnten.
Aufgrund ihrer Expertise in der Landwirtschaft waren zwischen 1958 und 1973 tausende israelische Entwicklungshelfer in ganz Afrika unterwegs – in Äthiopien und Angola ebenso wie im Kongo und in Kenia. Sie halfen bei der Entwicklung der Bewässerungswirtschaft, bauten Felder und bildeten Landwirte aus. Für die an kostenlosem Know-how interessierten jungen afrikanischen Staaten war es ebenso eine Win-win-Situation wie für Israel, das lukrative Wirtschaftsverträge zugesprochen bekam – und viele Rebellengruppen zu Armeen ausbilden und dadurch Verbündete gewinnen konnte.
Treibende Kraft hinter den bis 1973 intakten israelisch-afrikanischen Beziehungen – die es den Diktatoren Mobutu Sese Seko und Idi Amin ermöglichten, eine Fallschirmausbildung bei der israelischen Armee zu durchlaufen – war lange Zeit Golda Meir, deren Amtszeit als Außenministerin in die Phase der Dekolonialisierung vieler afrikanischer Staaten fiel. Auch für sie persönlich war der Kontinent ein besonderer Ort. Schließlich wurde sie während einer Reise durch Liberia 1958 zum Obersten Häuptling des Stammes der Gola ernannt und durfte wenig später in der Elfenbeinküste dem in Osteuropa bekannten Lied »Die jiddische Momme« lauschen. In den Sudan war sie indes nie gereist.
Die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder gehen bis in das Jahr 1956 zurück, als das Land seine Unabhängigkeit erlangte, glichen aber stets einer diplomatischen Achterbahnfahrt. Nach dem Sturz der pro-westlichen und israelfreundlichen Regierung Abdallah Khalils 1958 durch Ibrahim Abbud waren Israelis fortan offiziell personae non gratae im Sudan. Denn: Die Militärregierung folgte dem panarabischen Kurs Gamal Abdel Nassers. Doch unter Gaafar al-Numeiri, der sich 1969 an die Macht putschte, endete die enge Beziehung zwischen Kairo und Khartum.
Von einem diplomatischen Frühling mit Israel war Numeiris islamistisches Regime indes ebenfalls weit entfernt. Auch nach seinem Sturz 1985 durch das Militär und der Regierungsübernahme durch Sadiq al-Mahdi, der seinerseits vier Jahre später durch einen Offiziersputsch unter der Führung von Omar al-Baschir aus dem Amt gejagt wurde, blieb das offizielle Verhältnis zwischen Israel und dem Sudan offiziell inexistent. Daneben bestand aber stets auch ein zweiter inoffizieller Kontakt zu Regierungsvertretern – sowie zur »Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung« (SPLA) im Süden des Landes, die nun ihre Unabhängigkeit erklärt hat.
Das Ziel von David Ben Gurion und seinen Nachfolgern im Amt des israelischen Ministerpräsidenten bestand ursprünglich darin, neben Äthiopien, der Türkei und dem vom Schah regierten Iran den Sudan als periphere Allianz gegen die verfeindeten arabischen Anrainerstaaten zu gewinnen. Durch den Militärcoup von 1958 war das zwar offiziell nicht mehr möglich, aber die bereits 1955 gegründete südsudanesische »Anya Nya«-Rebellenbewegung, zu Deutsch: »Schlangengift«, galt Israel als idealer Partner, schließlich hatte sie seit 1955 die Zentralregierung im Norden des Landes bekämpft. In Israel erhoffte man sich durch die Zusammenarbeit mit den Rebellen, dass die Allianz zwischen dem Sudan und Ägypten torpediert und so ein Bollwerk gegen den Pan-Arabismus errichtet werden würde.
Deshalb bildete Jerusalem die Rebellen während des ersten sudanesischen Bürgerkrieges heimlich aus und unterstützte sie mit modernen Waffen. Auch nach dem Waffenstillstandsabkommen von 1972 blieben die Kontakte zwischen den Rebellen und Israel eng – und die »Anya Nya«-Rebellen unter ihrem Anführer John Garang, die den Kern der »Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung« stellten, konnten sich bei Ausbruch des zweiten sudanesischen Bürgerkriegs 1983 wiederum auf israelische Hilfe verlassen.
Ebenso wie Salva Kiir Mayardit. Der Präsident des Südsudans und Nachfolger des legendären Garang bekam vor wenigen Tagen hochrangigen Besuch. Sowohl der Leiter der Afrika-Abteilung im israelischen Außenministerium, Jacques Revach, und Dan Schacham, der Israel in mehreren afrikanischen Ländern als Botschafter vertritt, versicherten ihm weitere Schützenhilfe aus Jerusalem. Bereits vor der offiziellen Anerkennung hatten verschiedene israelische Hilfsorganisationen angekündigt, dem Land bei den vielfältigen Problemen der Zukunft helfen zu wollen. In den nächsten Wochen und Monaten wollen sie Nahrungsmittel, Wasseraufbereitungsanlagen und medizinisches Gerät in den afrikanischen Staat bringen.
Auch die israelische Privatwirtschaft zeigt ihr Interesse am Südsudan deutlich. Meir Greiver, der im März dieses Jahres die »South Sudan Development Company« gegründet hatte, sagte gegenüber der Tageszeitung Jerusalem Post, nur der Himmel sei das Limit beim Geldverdienen im jüngsten Staat der Welt. Der 73-Jährige warnte jedoch davor, zu lange zu warten: »Wir müssen die Möglichkeit wahrnehmen, bevor es die Chinesen und die Europäer tun.« Auch Tamir Gal und Rafi Dayan, die ein weltweit operierendes Agrarunternehmen führen, sind bereits in Verhandlungen mit der Regierung in Juba. Nach Angaben der Zeitung Haaretz planen sie große Geflügel-, Obst- und Gemüsefarmen zu bauen. Gegenwärtig importiert der Südsudan noch fast 100 Prozent seiner Lebensmittel – und das zu hohen Preisen.
Diese Form der Unterstützung ist für den über Jahrzehnte vernachlässigten Teil des Landes unerlässlich, will er sich auf Dauer gegen den Norden bewähren. Sollte die Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur zur Gewinnung der riesigen Ölreserven in der umstrittenen Grenzregion, damit die Arbeitsplatzschaffung, sowie die eigene Herstellung von Nahrungsmitteln mittelfristig gelingen, hätten die Rebellen und heutigen Machthaber im Südsudan ihr Ziel endgültig erreicht: Sie wären wie Schlangengift für Khartum.
Einzig Israels Innenminister will bei diesem Plan nicht mitspielen und mimt den Bösewicht. Eli Jischai von der Schas-Partei ließ wenige Tage nach der Staatsgründung des Südsudans verlauten, dass es nun an der Zeit wäre, all jene 8.000 sudanesische Flüchtlinge wieder zurück in ihre Heimat zu schicken, die in den vergangenen Jahren vor Dürrekatastrophen und Kriegen in den jüdischen Staat geflüchtet waren. Damit würde der junge Staat vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe gestellt werden.
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