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»Discount Diaspora« 26.03.2011

Schlaflos in Neukölln

Silke Brandt


Neukölln, das sind heute nicht mehr nur die Rütli-Schule, Jugendgewalt und Integrationsverweigerer. Nein, es ist der Ausverkauf eines Viertels. Nach Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Kreuzberg ist der Stadtteil das nächste Opfer der Gentrifizierung. Erst kommen die Künstler und Studenten, dann die schicken Cafés und Bars, die Yoga-Studios und Bioläden. Verdrängt werden die Alteingesessenen. Tatsächlich wird Wohnraum in Neukölln immer teurer und die Kneipenwelle rollt über den Hermannplatz immer Richtung Süden.


Im kiezeigenen Theater, der Neuköllner Oper, widmet man sich diesem Thema jetzt musikalisch. Prominente Unterstützung kommt dabei von Feridun Zaimoglu. Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist hat zusammen mit seinem Co-Autor Günter Senkel ein Libretto geschrieben: »Discount Diaspora«.


Immobilienhai Fred, der eigentlich gekommen ist, um alles westlich der Sonnenallee aufzukaufen und teuer wieder zu verkaufen, bleibt irgendwie hängen im Kiez und verliebt sich in Sandy vom Straßenstrich. Patrizia, seine Kollegin, soll ihn zurückholen. Der Versuch scheitert.


Ausverkauf bedroht Spätverkauf

Thema des Stücks sind nicht die Migranten und Multikulti im Problemkiez sondern die Verdrängung seiner Bewohner durch skrupellose Kapitalisten. Das betrifft die Menschen in Neukölln heute tatsächlich  – und zwar alle. Erfrischend sind Musik, Bühnenbild und Kostüme.


Die Brüder Vivan und Ketan Bhatti haben die Musik komponiert. Alles ist dabei, vom Handy-Klingelton über Musical-Anleihen, Rap-Einlagen, Liedern in bester Brecht-Weill-Tradition bis hin zu schmalzigen Arien. Vor zweistöckiger Balkonkulisse – original Neuköllnerisch mit  Satellitenschüsseln ausgestattet – nimmt das Drama seinen Lauf.


Man wünscht sich ein paar mehr Szenen wie jene, als sich Dorothee – die »letzte« Deutsche auf der Karl-Marx-Straße – dem Spätkauf-Besitzer Omar fast hingibt oder auch mehr von Matze, dem »Kiez-Assi« in lila Ballonseide, der ebenfalls in Sandy verliebt ist. Der Einstieg in die Handlung ist etwas holprig.


Auch wenn die Charaktere sehr klischeehaft gezeichnet sind und das Stück streckenweise recht klamaukig wirkt – die »heiße Hölle Neukölln« macht Spaß. Das Ende ist dann das einer klassischen Oper: tragisch, voller Pathos und scheinbar sinnlos.

Discount Diaspora


läuft noch bis 29. April in der Neuköllner Oper.

Karl-Marx-Straße 131-133, 12043 Berlin


www.neukoellneroper.de



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