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Energiewirtschaft in Libyen 07.12.2011

»Russen und Chinesen werden es schwerer haben«

Interview: Alexander von Hahn


zenith: Herr Mayuf, Sie sind seit zwei Jahrzehnten in Libyens Ölindustrie. Wie wurden früher Geschäfte gemacht?


Abdeljalil Mohamed Mayuf: In Gaddafis Libyen unterlag der Ölsektor einer sehr strengen staatlichen Kontrolle. Die »National Oil Corporation« (NOC) beherrschte das Geschäft, besonders nach der Auflösung des Ölministeriums 2000. NOC- Präsident Shukri Ghanem kehrte von seinen Geschäftsreisen mit Verträgen in der Tasche zurück, deren Bedingungen nur er und einige wenige Verantwortliche kannten. Wir von AGOCO hatten zu liefern.


Aber die Zeit vor dem Ausbruch der Revolution war doch recht ertragreich ...


Gewiss, aber während andere Öl-Exporteure ihre Volkswirtschaften aufbauten, haben wir unser Geld für Waffen aus der Sowjetunion ausgegeben. Heute muss unsere Förderausrüstung komplett ausgetauscht oder modernisiert werden. Bislang sind nur dreißig Prozent des Landes auf Öl- und Gasvorkommen untersucht worden.

Abdeljalil Mohamed Mayuf


ist Sprecher der 1979, als Tochter der Nationalen Ölgesellschaft Libyens, gegründeten »Arab Gulf Oil Company« (AGOCO). Ihre Fördergebiete liegen im Osten Libyens, ihr Hauptsitz in Benghazi. Vor dem Aufstand produzierte sie 40 Prozent des libyschen Öls. Im März 2011 sagte sie sich von Gaddafi los.


Die AGOCO unterstützte von Anfang an den Aufstand gegen Gaddafi. Dauerte es lange, Käufer für Rebellen-Öl zu finden?


Wir hatten keine Zeit zu verlieren, unser improvisiertes Verkaufsteam hat mit Telefonbuch und Internet Käufer gesucht. Und einige waren auch sofort bereit zu helfen: Händler aus Amerika, der Schweiz und anderen Ländern.


Aus der Schweiz. Meinen Sie Glencore?


Ja, Glencore oder die holländische Vitol.


Welche Rolle spielt denn die Nationale Ölgesellschaft (NOC) im neuen Libyen?


Für die NOC sehe ich keine Zukunft. Wir haben vor zwei Monaten den Übergangsrat gebeten, sie aufzulösen und stattdessen ein Öl- und Gasministerium zu schaffen.


Sie haben also schon lange vor dem Sieg der Revolution daraufhin geplant?


Ja. Nicht nur AGOCO, sondern auch andere Unternehmen und Gewerkschaften, die eine gemeinsame Petition einreichten. Die zu schaffende Regierungsstelle sollte für die Industrie zuständig sein – von den Lizenzen, rechtlichen und technischen Fragen, über den Umweltschutz bis zur neuen Infrastruktur. Jedes Unternehmen soll für seine Produktion verantwortlich sein und Direktzugang zum Markt haben.


»Wir brauchen echten Nutzen für alle Libyer«

Würde die NOC abgeschafft, müssten bestehende Verträge revidiert werden?


In einigen Fällen könnten Revisionen nötig sein. Wie zum Beispiel im Fall des Abkommens mit der russischen Gazprom. Zum gegenwärtigen Stand der Verhandlungen kann ich nichts sagen, ich bin mir allerdings sicher, dass Russen und Chinesen es schwerer haben werden, neue Konzessionen auszuhandeln, nachdem sie Gaddafi bis zum Ende gestützt haben.


Dafür heißen Sie Investoren aus dem Westen und ihr Kapital willkommen.


Natürlich. Wir brauchen Investitionen, wir brauchen Expertise und Know-how. Im Moment gibt es in Libyen sieben nationale Ölgesellschaften und weitere 30 Zulieferfirmen. Es ist kein Problem, wenn noch ein paar mehr Unternehmen Öl- und Gasfelder erschließen – Libyen hat viel Potenzial und jeder ist herzlich willkommen. Unser wichtigstes Kriterium ist der Nutzen für das libysche Volk und unsere langfristige Entwicklung. Vor zwei Wochen nur habe ich die Konzession der deutschen Wintershall in der Wüste besucht. Dort haben sie wieder angefangen zu produzieren und liefern schon wieder 60.000 Fass Rohöl pro Tag. Das ist nicht schlecht, auch wenn sie vor der Revolution noch doppelt so viel produzierten.


Das geförderte Öl muss auf den Weltmarkt gelangen. Verkauft Ihre Firma es?


Ja, denn außer uns exportiert im Moment niemand libysches Öl. Und gerade auch nur über unser Terminal in Tobruk.


Und wohin fließen die Erlöse?


Wir sind in Libyen der einzige Importeur von Kraftstoffen – es ist ziemlich teuer, ein ganzes Land zu versorgen. Außerdem muss AGOCO rund zwei Milliarden US-Dollar Kredite abbezahlen, die uns während des Bürgerkriegs gewährt wurden. Wir bezahlen davon auch Löhne und Gehälter. Den Rest übergeben wir dem Übergangsrat. Zurzeit produzieren wir fast 250.000 Fass pro Tag. Vor der Revolution allerdings 425.000. Es dauert, die während des Krieges verschlossenen Quellen wieder zu öffnen – zwei bis drei Monate. Gegenwärtig öffnen wir zehn bis zwanzig Bohrlöcher und erwarten, dass wir bis Februar 2012 wieder 400.000 Fass pro Tag fördern.


Wird eine künftige libysche Regierung weiterhin bereit sein, »Production Sharing Agreements« zu unterzeichnen, oder wird sie sich wie die neue irakische Regierung verhalten und reine Service- Verträge abschließen?


Noch denken wir wenig darüber nach, wie die libysche Volkswirtschaft sich gestalten sollte. Wir haben ja gerade eben erst unsere Revolution zum Erfolg geführt! Die Leute haben also noch gar nicht angefangen, über eine zukünftige Wirtschaft nachzudenken. Politik ja, Wirtschaft – vielleicht ein bisschen später. Im Hinblick auf unsere Zusammenarbeit mit den Ölriesen: In den letzten fünf Jahren haben wir Verträge über Erkundung und »Production Sharing« mit vielen westlichen Firmen abgeschlossen. Vielleicht werden wir das auch weiterhin so handhaben. Wichtig ist aber, wie wir zu diesen Verträgen kommen und sie erfüllen: Wir brauchen Transparenz, wir brauchen einen echten Nutzen für alle Libyer – und nicht nur für eine kleine Gruppe oder nur eine Familie.

zenith-BusinessReport 04/11


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