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Sara Winter
»Es ist absurd!« Eman al-Nafdschan lacht bitter auf. »Seit Jahren behaupten sie, Frauen seien wie Kinder, man müsse sie beschützen. Dabei gibt es immer noch kein Gesetz, das die Kinderehe verbietet!« Die 32-jährige Nafdschan ist studierte Sprachwissenschaftlerin, dreifache Mutter und eine bekannte Bloggerin. In ihrem Saudiwoman’s Weblog äußert sie sich regelmässig kritisch über die Missstände in ihrem Land, wo Frauen nicht einmal Autofahren dürfen.
»Wir sind darauf angewiesen, dass uns ein männlicher Verwandter oder ein Fahrer durch die Gegend kutschiert«, sagt sie. Öffentliche Verkehrsmittel gebe es in Saudi-Arabien keine. Und ohne Auto könne man dort kaum überleben. Einen eigenen Fahrer zu haben, ist daher nichts Ungewöhnliches: Saudi-Arabiens Einwohner gehören zu den Reichen in der arabischen Welt, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei etwa 24.000 US-Dollar.
Die meisten Mittelklasse-Familien, die wie Nafdschan in einer Art Villa wohnen und etwas Luxus gewöhnt sind, haben Angestellte: im Falle der Nafdschans neben dem Fahrer noch eine Haushaltshilfe. Von den 26 Millionen Menschen im Land, sind etwa 6 Millionen Gastarbeiter.
Die für saudische Verhältnisse unnatürliche Nähe zwischen den Frauen und ihren Fahrern, die meist auf dem Grundstück ihrer Arbeitgeber leben, sieht Nafdschan besonders kritisch. Es habe Fälle von Übergriffen gegeben. »Den saudischen Männern fällt gar nicht auf, dass dies eine unangenehme Kehrseite des Frauenfahrverbots ist«, sagt sie. »Sie sehen ihre Angestellten einfach nicht als Männer sondern als eine Art Sklave.«
Solange es keine Reformen gibt, sind Frauen wie Nafdschan auf Angestellte angewiesen. Doch die Lebenshaltungskosten im Königreich steigen. Um ihren Lebensstandart halten zu können, zählen viele mittelständische Familien auf ein zweites Einkommen. An gut ausgebildeten Frauen mangelt es nicht. »Längst haben sie ihre männlichen Counterparts überholt«, sagt Larissa Schmid, Islamwissenschaftlerin am Zentrum Moderner Orient in Berlin. 58 Prozent der Studierenden und 55 Prozent der Universitätsabsolventen seien Frauen.
Allerdings steht den Absolventinnen nur ein sehr eingeschränkter Teil des Arbeitsmarkts offen. »Die meisten kleinen Firmen können oder wollen es sich nicht leisten, ein extra Gebäude oder Stockwerk für weibliche Angestellte einzurichten«, sagt Bloggerin Nafdschan, »daher verzichten die meisten darauf, Arbeitsplätze für Frauen anzubieten.« Nur die großen Konzerne und Banken hätten solche Sonderabteilungen.
Viele Männer nutzten ausserdem das Einkommen ihrer Frauen dafür, ein weiteres Haus zu bauen, um sich eine zweite Ehefrau zuzulegen. 60 Prozent aller Ehemänner verfügen über das Einkommen ihrer Frau ohne deren Einverständnis, besagt eine aktuelle Studie der Universität Umm al-Qura, die in der heiligen Stadt Mekka steht.
»Zur Zeit meiner Grossmutter waren Frauen freier als heute«, beschwert sich Nafdschan. «Die saudischen Islamisten behaupten, Frauen seien den Männern in allen Bereichen unterlegen und müssten deshalb beschützt werden«, sagt sie. Dabei seiein die Frauen zur Zeit des Propheten sehr mächtig gewesen. »Es gab sogar Kriegerinnen und Männer haben für Frauen gearbeitet«, fügt die Aktivistin hinzu. Das berühmteste Beispiel sei der Prophet Muhammad selbst, der lange als Spediteur für seine ersten Frau Chadidscha tätig war. Im heutigen Saudi-Arabien jedoch blieben Frauen ihr Leben lang unmündig. Für jede rechtsgültige Entscheidung seien sie auf einen männlichen Vormund angewiesen.
Womöglich haben die reaktionären Geister die Rechnung ohne das Internet gemacht. Es verschafft Frauen wie Nafdschan eine Stimme. Die Facebook-Seite »Saudi Women Revolution« hat zwar noch bescheidene 900 Fans, unter den Aufrufen zu landesweiten Protesten im März sind auch eine Menge weibliche Unterstützer zu finden. Noch wird heißblütig darüber diskutiert, ob es nun eine Reform oder eine Revolution geben solle.
Nafdschan ist Unterstützerin der Reform-Idee, sie hält König Abdullah für eine positive Figur. Unvergessen das Foto, auf dem sich Abdullah gemeinsam mit Teilnehmerinnen des »Nationalen Intellektuellen Dialogs« ablichten ließ – eine Geste, die als Bekenntnis zur Abschaffung der rigiden Geschlechtertrennung interpretiert wurde. »Ich denke nicht, dass wir einen arabischen Atatürk brauchen, der die Modernisierung gewaltsam vorantreibt«, sagt die Bloggerin. »Durch die verfügbaren Informationen im Internet werden sich die Menschen der Welt öffnen.«
Bereits auf dem Höhepunkt des Golfkrieges 1991 hatten einige Frauen die internationale Medienaufmerksamkeit genutzt, um sich gegen ihre Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Als Zeichen des Protests gegen das Frauenfahrverbot fuhren sie in einem Autokonvoi durch die Straßen Riads. Die Sittenpolizei verhaftete einige Teilnehmerinnen und konfiszierte ihre Pässe. Viele verloren dabei ihren Job. Danach war erstmal Ruhe.
Seit einigen Jahren trauen sich erneut Protestierende in die Öffentlichkeit. Am Internationalen Frauentag 2008 stellte die Feministin Wajeha al-Huwaider ein Video ins Netz, das sie am Steuer zeigte – allerdings gilt Huwaider vielen saudischen Frauen mit ihren westlich-feministischen Forderungen als zu radikal. Die meisten Saudis, so heißt es, würden eine Liberalisierung unter Berücksichtigung saudischer Werte einer radikalen Lösung bevorzugen.
Es fragt sich nur, wie diese »saudischen Werte« aussehen. Der wahhabitische Scheich Abdel-Mohsen Obeikan schlug Mitte letzten Jahres vor, saudische Frauen sollten allen Männern, mit denen sie nicht verwandt seien, aber regelmäßig zusammenträfen, von ihrer Muttermilch zu trinken geben. Damit solle der Kontakt zwischen den Geschlechtern religiöse Legitimation erhalten, denn der Genuss der Muttermilch gemäß der Rechtsauffassung des Scheichs eine Art Verwandtschaft her. Im Internet drohten einige Frauen damit, demnächst ihren pakistanischen Chauffeuren die Brust zu geben, wenn nicht bald das Verbot aufgehoben würde.
Viele junge Saudis wollen die Situation nicht mehr länger hinnehmen. Die junge Generation bildet die Mehrheit im Wüstenstaat, Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Auf mehreren Facebook-Seiten wurde kürzlich zu einem saudischen »Tag der Wut« aufgerufen – noch ist unklar, ob zum 11. oder zum 20. März. Zum Forderungskatalog zählen: eine Verfassung für die Monarchie, die Bekämpfung der Korruption, eine Reform des Scharia-Justizsystems und die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen und Minderheiten.
Der reformorientierte König Abdullah ist 86 Jahre alt und schwer krank. Bisher ist nicht geklärt, wer im Falle seines Ablebens den Thron übernehmen wird. Kronprinz ist der derzeitige Innenminister Na’if – ein Konservativer. Er könnte Abdullahs sanfte Liberalisierung schnell wieder rückgängig machen. Die Reformer würden gerne Abdullahs Sohn Mutaib auf dem Thron zu sehen, der den Kurs seines Vaters fortführen kann.
Seit über einer Woche ist König Abdullah zurück in Saudi-Arabien, nachdem er für eine medizinische Behandlung im Ausland war. Er hat 36 Milliarden US-Dollar für höhere Löhne und Bildungsstipendien veranschlagt und eine Neuformierung seines Kabinetts angekündigt.
»Seit 2001 gelingt es der Regierung immer wieder, durch kleine Reformen und Repression die Bevölkerung ruhig zu stellen«, resümiert die Islamwissenschaftlerin Larissa Schmid. Vieles hänge am Öl und am Zusammenhalt der Königsfamilie. »Solange die Petrodollars fließen und die Al Saud ihre Legitimität aufrecht erhalten können, scheint mir landesweiter Protest unwahrscheinlich«, sagt Schmid.
Mit freundlicher Genehmigung der Schweizer Wochenzeitung WOZ.
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