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Fahrt durch Alexandria 19.09.2011

Revolution in der Warteschleife

Sylvie Assig und Andreas Ackermann


Im Augenblick in Ägypten zu leben heißt, am Puls einer historischen Epoche zu horchen. In der Küstenstadt Alexandria zu leben, bedeutet, sich die Ausläufer des nationalen »wind of change« um die Nase wehen zu lassen. Zwischen meinem Wohnviertel Cleopatra, in dem einst der Funken für die Revolution gezündet wurde, dem von Demonstranten besetzten Saad Zaghloul-Platz und einem vornehmen Yachtclub liegen nur wenige Fahrminuten – und dann doch wieder Welten. Dazwischen brandet der Verkehr. Ich stürze mich ins unübersichtliche Gewimmel, um auf einer Fahrt durch die Stadt einige Brennpunkte politischer Meinungsäußerung zu besuchen.

 

Alexandria liegt nicht am Meer, Alexandria liegt an der Corniche. Die Küstenstraße ist die Hauptschlagader der Stadt. Sie führt wendige Minibusse, schrottreife Privatautos, Lada-Taxis, Eselkarren und europäische Luxuskarossen zusammen, im täglichen Kampf ums Vorwärtskommen. Er ist nach der Revolution nicht einfacher geworden. Die Corniche ist eine klassenlose Zone. Hier zählen allein Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen auf Seiten der Fahrer wie der Leute zwischen den Stoßstangen.

 

Wer als Fußgänger weniger Abenteuerlust an den Tag legt, benutzt eine der spärlich gesäten Unterführungen, von denen eine nicht nur unter der Todeszone hindurch, sondern auch in die revolutionäre Vergangenheit zurückführt. Seit der Revolution sind viele Wände in den Nationalfarben Ägyptens getüncht, hier und da beleben Plakate der toten Revolutionsopfer das Tunnelgrau. Besonders ein Gesicht ist oft vertreten, ein junger Mann in grauem Kapuzenpullover, der entspannt in die Kamera lächelt. Sein Name ist Khalid Said. Zwei Bilder von ihm gingen im Sommer 2010 durch alle Medien. Das eine zeigt den lächelnden jungen Mann, das andere ein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes lebloses Gesicht – das Ergebnis brutaler Polizeigewalt aus vorrevolutionären Zeiten.

 

Eine Leuchtgirlande erinnert an den Märtyrer im Kapuzenpullover

Der heute als Märtyrer gefeierte Khalid Said wurde unweit der Cleopatra-Unterführung geboren, die von der Corniche ins Herz des gleichnamigen Mittelklasse-Viertels führt. Ich folge der Hauptstraße, passiere zahlreiche Straßencafés, in denen die Männer bei Tee, Shisha und Backgammon die Zeit und gelegentlich die eine oder andere Fliege totschlagen. Dazwischen drängen sich kleine Läden aller Art, in der sämtliches Zubehör für den Alltag einer ägyptischen Mittelklassefamilie zu finden ist: Glühbirnen, Drogerieartikel, Nudelpackungen. Die kleinen Läden dehnen sich meist bis auf den Bürgersteig aus. Davor stapeln sich aufgerissene Chipstüten-Kartons zu Spalieren.

 

Und auch hier, zwischen vermeintlich alltäglich-gewohntem Einerlei, mahnt die Revolution. Über der Szenerie, an einem Balkon, steht noch einmal mit einer Leuchtgirlande »Khalid« geschrieben. In jener Wohnung wuchs der junge Mann auf. In der Straße davor wurde er Mitte letzten Jahres von zwei Beamten in zivil brutal zusammengeschlagen, mitgenommen und zu Tode geprügelt. Aus Solidarität mit dem 28-jährigen Blogger wurde eine Facebook-Gruppe mit dem Motto »Wir alle sind Khalid Said« gegründet. Ihre Mitgliederzahl schwoll bald auf über 470.000 an und trug maßgeblich zur Mobilisierung der Massen bei, die in den 18 historischen Tagen dem Regime Mubarak ein Ende setzten. Hier entsprang einer der Impulse, die die Revolution ins Rollen brachten – doch wie sehen die Anwohner ihre Lage heute, Monate nach dem Tod Khalid Saids und vieler anderer, die ihr Leben für die Freiheit Ägyptens eingesetzt haben?

 

Diese und andere Fragen stelle ich Ali, einem 39-jährigen Familienvater, der von seinem Schreibtisch aus die Arbeitsvorgänge in seiner kleinen Wäscherei überwacht und mit Kunden plaudert. Er meint zuversichtlich »La`a jetzt nicht – mehr. Die Polizei verhält sich nun korrekt und respektvoll.« Obwohl die Schuldigen an Khalids Tod bis jetzt nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, ist hier Optimismus spürbar. Natürlich gäbe es Probleme, aber das sei normal nach einer Revolution, so der Tenor.

 

Walid, 32, steht im winzigen Laden seines Vaters und verkauft Süßigkeiten und Dosengetränke. Auch er ist guter Dinge, irgendwie werde jetzt alles gut, inshallah, so Gott will. Sein Vater hat aus seiner Sitzecke nicht nur die Geschehnisse im Laden klar im Blick, sondern auch die aktuelle Lage. In seiner besonnenen Art führt er aus, das Problem sei vor allem, dass jeder nach der Revolution nur auf die Erfüllung seiner persönlichen Wünsche poche – nach mehr Lohn, einem besseren Leben. Es brauche aber Zeit, bis sich die Lage soweit beruhigt habe, dass Verbesserungen spürbar würden.

 

»Die fehlende Führung wird von manchen ausgenutzt«

Auch Eyyad, 58, der in einem kleinen Geschäft Milch, Joghurt und Milchreis verkauft, ist ähnlicher Meinung. Er reicht einer Kundin ihre Einkäufe über den Tresen und auf der Innenseite seines Handgelenks wird ein kleines tätowiertes Kreuz sichtbar. Als Vertreter der christlichen Minderheit und Vater dreier Töchter ist für ihn hauptsächlich eines wichtig: Ein Leben in Sicherheit. »Ägypten braucht jetzt einen Präsidenten, einen, der gut und gerecht ist und das Land in eine demokratische Zukunft führt.« Auf meine Frage, wer das sein könnte, hat er keine Antwort; abwarten, heißt für ihn die Devise.

 

Die Wahlen sind zunächst für November angesetzt, bis dahin sollen sich die Kandidaten präsentieren. Er wolle sich erst ein Bild machen und dann entscheiden. Noch kann (oder will) niemand in der Nachbarschaft einen Namen nennen, zu ungewiss und undurchsichtig ist die Lage. Und die über 100 neu gegründeten Parteien erschweren den politischen Überblick in dieser ohnehin verwirrenden Phase zusätzlich.

 

Hinzu kommt die Frage, ob es diesen neuen, politisch zum Teil unerfahrenen Parteien gelingen wird, das etablierte System Mubaraks wirkungsvoll zu reformieren. Ein Ungetüm mit abgeschlagenem Kopf bleibt schließlich ein Ungetüm. Und was soll mit dem Kopf Mubarak selbst geschehen? Ein unerwartet milder Ton wird hier angeschlagen: »Ihn bestrafen? Wozu? Er ist ein alter Mann. Er wird bald sterben. Mit seinem Sturz ist er genug gedemütigt, er braucht keine zusätzliche Strafe. Wir sollten uns jetzt auf die Zukunft konzentrieren, darauf, wie wir wieder Ordnung im Land schaffen«, meint Ali, der Wäschereibesitzer. Seiner Meinung nach ist nicht Mubarak das Problem, sondern die Folgen seines Rücktritts. »Diese fehlende Führung wird von manchen ausgenutzt«, versichert er. Als Beispiel nennt Ali die zahlreichen Straßenhändler. Sie hätten sich seit dem Rückzug der Polizei von der Straße ungehindert auf Boulevards und Plätzen breitgemacht und behinderten noch dazu den ohnehin chaotischen Verkehr.

 

Der versöhnlich-optimistische Grundton und die Geduld verwundern in einem Viertel, das einst ein Brennpunkt des Volkszorns war. Von ultimativer und sofortiger Einforderung der Revolutionsziele, für die auf dem Saad Zaghloul-Platz gezeltet wird, spürt man hier kaum etwas.

 

In einem überfüllten Minibus fahre ich bei brütender Hitze und einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent weiter die Corniche entlang. Die halsbrecherischen Fahrmanöver aller Verkehrsteilnehmer machen es mir unmöglich, die Kulisse aus verwitterten Kolonialbauten zur Rechten und dem Anbranden der Wellen gegen die Küstenbefestigung zur Linken zu genießen.

 

Zelten im Schatten der Revolutionäre von 1919

Auf der Flaniermeile ist wenig los – es ist früher Nachmittag und die wenigen Schattenplätze sind fast alle belegt. Der Weg führt zu Saad Zaghloul, einem der bedeutendsten ägyptischen Unabhängigkeitskämpfer und Revolutionäre. Seine Festnahme hatte Anfang des 20. Jahrhunderts mit dafür gesorgt, dass sich 1919 die Ägypter gegen die britische Herrschaft auflehnten. Fünf Jahre später wurde seine Partei führende politische Macht im unabhängigen Ägypten.

 

Unter seiner meterhohen Statue zelten seit dem 8. Juli 2011 seine Nachfolger. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Ägyptische Revolution im Alltagstrubel sichtbar zu halten, Journalisten zu empfangen, Fragen zu beantworten und zu zeigen: »Es ist noch nicht vorbei! Ahlan wa sahlan – welcome, come on in« – ich werde nach einer Routine-Taschenkontrolle freundlich auf den Platz gelassen. Sie sind jung, ausgebildet, kommen aus gutem Hause und könnten ihre Semesterferien genauso gut am Strand von Agamy verbringen.

 

Aber sie sitzen bei 36 Grad auf dem Platz und halten an ihren Plänen fest. Sie werden nicht eher nach Hause gehen, ehe ihre Forderungen an die Übergangsregierung erfüllt sind. Sie wollen ausgleichende Gerechtigkeit für die Familien der Todesopfer der Revolution – hier geht es nicht unbedingt um Ausgleichszahlungen, sondern vielmehr um das unerträgliche Gefühl, dass die 400 Opfer vergeblich gestorben sein könnten. Außerdem wollen sie nun auch endlich grundlegende Veränderungen im politischen System sehen, die Bekämpfung der Korruption steht für sie an allererster Stelle. Darüber hinaus fordern sie die konsequente Durchführung der Gerichtsverhandlungen gegen Mubarak und seine Leute.

 

Wenn diese jungen Leute unter den provisorischen Zeltdächern mit flammender Leidenschaft über die Überwindung der Korruption, die Schaffung Tausender von Arbeitsplätzen und die Wiederbelebung Ägyptens zur führenden Kulturnation sprechen, ist man versucht, sie der Naivität zu bezichtigen. Ihre Stimmung liegt irgendwo zwischen euphorischem Glauben, realistischem Wissen und der ungeduldigen Hoffnung, dass sich doch bald mehr ändert.

 

Die neue Freiheit wurde nicht nur auf den Straßen erkämpft, sie wird dort auch ausgelebt

Für diese jungen Menschen, die sich in einer schnelllebigen Welt der Instant-Messages, Twitter und Facebook bewegen, sind die 7 Monate, die seit dem Rücktritt Mubaraks vergangen sind, eine enorm lange Zeit. Sie haben mit ihrem Starrsinn, ihrer Dickköpfigkeit Anfang des Jahres erreicht, was längst als Mythos in die politische Weltgeschichte eingegangen ist. Sie sagen selbst, sie haben nicht viel mehr, als sich selbst und ihren Willen aufzustehen und präsent zu bleiben, bis das Ganze ausgesessen ist. In einem Land, in dem sich demokratische Strukturen noch im Aufbau befinden, ist das vielleicht die Reinform des Volksbegehrens. Die Revolution darf nicht auf eine »Bewegung« reduziert werden, die keinen wirklichen Systemwechsel bewirkt hat, sagen sie.

 

Es sind helle Köpfe, die sich dort versammeln. Fast alle sprechen fließend Englisch, studieren noch oder haben ihr Ingenieurs- oder Wirtschaftsstudium schon abgeschlossen. Osama (21) und Ihab (21) sind zwei von ihnen, die ihre Tage auf dem Platz verbringen. »Aisa maya?« »Ja, gern.« Man reicht mir eine Wasserflasche und einen Plastikbecher Karkady, kalter, hausgemachter süßer Hibiskusblütentee. Auf Wunsch werde ich herumgeführt, in ihrem Übergangs-Wohnzimmer unter freiem Himmel. Eine einfache Frage reicht und sie reden – selbstsicher, eloquent, reflektiert und viel. Man spürt zwei Dinge: eine selbsteingestandene Machtlosigkeit gegenüber dem trägen, eingefahrenen politischen Apparat genauso wie die Identifikation und den Glauben an die Sache.

 

Ich frage sie, ob das keine vergebene Liebesmüh sei jetzt noch – vor den Wahlen im November – den Militärrat zu Zugeständnissen drängen zu wollen. Aber sie sind der Meinung, dass Wahlen nichts an dem korrupten System ändern werden. Man hätte schon längst damit anfangen sollen, Reformen einzuleiten, die den Weg in die Demokratie ebnen könnten. Deswegen fordern sie die Regierung auf, schon jetzt verschärft gegen Korruption vorzugehen und Reformunwillige aus den Ämtern zu entlassen, sagt Osama. Ein bisschen erinnert er mich dabei an die charmante Version eines Robin Hood. Mit dem Gefühl, dass dieses Land wirklich eine Chance hätte, verlasse ich den Platz und zwänge mich in den nächsten klapprigen Minibus.

 

Die Fahrkünste der hiesigen Busfahrer sind mehr als beeindruckend – wenn man bedenkt, dass so ein gemeiner Minibusfahrer nicht nur fahren, spontan Leute aufgabeln, wieder absetzen, Geld einsammeln, Wechselgeld rausgeben, sondern auch noch mit anderen Fahrern Verkehrsfunk betreiben und gleichzeitig mit der Familie telefonieren muss. Seit der Revolution Anfang des Jahres ist der Verkehr nach Aussage vieler Ägypter schlimmer geworden. Die neue Freiheit wurde nicht nur auf den Straßen erkämpft, sie wird dort auch explizit ausgelebt. Die neue Demokratie bedeutet auch ein »Survival of the fittest« im Straßenverkehr. Frei nach dem Motto: Demokratie ist, wenn nur genügend Leute falsch herum in die Einbahnstraße fahren.

 

Zwischen Verschwörungstheorien und Versorgungsengpässen

Einer dieser zahlreichen Fahrakrobaten ist Hossam. Er ist Mitte 30, Vater zweier Kinder. Als Mikrobusfahrer mit einem Tageseinkommen von umgerechnet 10 Euro gehört er zur oberen Unterschicht. Er spricht gebrochen Englisch, hat einen Computer zu Hause und kennt die Stadt besser als jeder andere. Freitags hat er manchmal frei, wenn sich die Alexandriner nach dem wöchentlichen Freitagsgebet zu Demonstrationszügen zusammenfinden und den Verkehr zum Erliegen bringen.

 

Hossam ist ein ehrlicher, bodenständiger Mann, der seine Informationen von der Straße hat und dessen Leben sich ums Wesentliche dreht – Geld verdienen, Familie versorgen. Wenn es um die aktuelle politische Situation geht, gilt seine größte Sorge den imaginären US-Marineschiffen, die angeblichen vor der ägyptischen Küste kreuzen und der israelischen Armee, die möglicherweise täglich immer weiter auf ägyptisches Gebiet vordringt – geheime Informationen, die so geheim sind, dass selbst die Israelis nichts davon wissen. Verschwörungstheorie oder nicht, auf Alexandrias Straßen ist dieses Wissen Allgemeingut.

 

Dass angesichts dieser »Bedrohung« im Volk noch keine Panik ausgebrochen ist, liegt am Vertrauen in die eigene Armee. »Wir können die Israelis zurückdrängen, sogar wenn wir keine Waffen haben. Das ist die Stärke der ägyptischen Armee«, sagt Hossam, der selbst zwei Jahre Militärdienst hinter sich hat. An diese Zeit erinnert sich Hossam zwar nicht gern zurück, aber er gibt zu, dort viel gelernt zu haben – Ordnung, Disziplin und ein paar Verteidigungstechniken. Hier werden die gut behüteten Ägypter von Muttersöhnen zu Männern gemacht. Und genau das ist für Hossam das, was zählt, heute und in Zukunft. »Wer zukünftig Präsident wird, ist mir relativ egal«, gibt er zu. Solange die Brot-und Fleischpreise stabil bleiben und das Land außenpolitisch nicht bedroht wird, könnten »die da oben« machen, was sie wollen.

 

Zeit auszusteigen und zu Fuß weiterzulaufen. Mein nächstes Ziel wird von keinem Minibus angefahren. Wer hierher kommt, hat ein eigenes Auto – vielleicht sogar einen Fahrer dazu. Mich interessiert die Meinung des alten Bildungsbürgertums und ihre Perspektive auf die jüngsten Geschehnisse. Hier, im Yachtclub Alexandrias, treffe ich eine große schlanke Dame mit sympathischen Lächeln und einem nervösen Gang. Frau Fadia gehört der kosmopolitischen, finanziell sorglosen Oberschicht an und spricht ausgezeichnet Deutsch. Jahrelang hat sie Kurse am Goethe-Institut besucht, bis kaum ein Schüler mehr mithalten konnte. Deshalb freut sie sich über jede Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Einer ihrer zwei inzwischen erwachsenen Söhne ist nach Deutschland gegangen, der andere hat sich in den USA niedergelassen. Nun lernt die über 60-jährige ehrgeizig Englisch.

 

Nostalgie im Yachtclub

Der elegante Herr an der Rezeption grüßt freundlich, seine rote Krawatte spiegelt sich im Marmorboden der Empfangshalle. Es ist früh am Nachmittag. Unter Sonnenschirmen sitzen sonnenbebrillte ägyptische Bildungsbürger mittleren Alters beim Mittagssnack. Man kennt sich. »Willkommen Frau Fadia, schön, Sie wieder zu sehen. Izzayik, ya madam? Wie geht es Ihnen heute?« Hier trifft man alte Bekannte, diskutiert Aktuelles und landet dabei doch immer wieder in den alten Zeiten, als Frauen noch in kurzen Röcken und ohne Kopftuch unterwegs waren, als Bauchtanz noch eine angesehene Kunstform war und als Eleganz noch ein passendes Attribut war, um ihre Welt zu beschreiben.

 

Sie haben die in ihren Augen verhängnisvolle Abwärts-Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aufs Aufmerksamste verfolgt: Staatsbankrott, Zunahme von Korruption im großen Stil, Verdreifachung der Bevölkerung, Bildungsarmut und die allgemeine Radikalisierung in religiösen und kulturellen Fragen. »Es ist ein Trauerspiel«, sagt Frau Fadia und erinnert sich an die Zeiten, als man in Ägypten quasi noch »unter sich« war und auch für eine entsprechende Bildung Sorge tragen konnte. In der Revolution sieht sie ein wichtiges Ereignis. Es wurde wirklich Zeit, Mubarak aus dem Land zu jagen.

 

Aber eigentlich merkt man ihr an, dass sie nicht daran glaubt, dass Ägypten noch einmal zum Blühen zu bringen ist. Dazu wurde in diesem Land zu lange und zu viel zerstört oder verdorben.

 

Was Mubarak betrifft, bezieht sie klar Position. Er gehöre vor Gericht gestellt und zur Verantwortung gezogen. Von Lynchjustiz hält hier niemand viel. »Er soll einen fairen rechtsstaatlichen Prozess bekommen. Und wenn die Todesstrafe über ihn verhängt wird, dann soll das so sein«, meint Frau Fadia und zwischen ihren sorgfältig gezupften Augenbrauen zeichnen sich Zornesfalten ab. Die aktuelle politische Entwicklung verfolgt sie mit Interesse und zunehmender Sorge ob der starken Einflussnahme fundamentalistischer Kräfte, die in den bildungsfernen, kinderreichen Schichten ihre Wähler finden.

 

Langsam versinkt die Sonne im Smog. Das Verkehrsaufkommen auf der Corniche erreicht nun seinen Höhepunkt. Kleinste Hemmnisse – eine Panne hier, ein Eselkarren dort – führen sogleich zu größeren Staus. Ein dichtes Mosaik aus Fahrzeugen überzieht die Straße. Und alle wollen in die gleiche Richtung, haben das gleiche Ziel, und behindern sich dabei gegenseitig. Der Verkehr ist eine große, im Alltag der Ägypter vielleicht die größte Mühsal, zumindest gemessen an der Häufigkeit, mit der sich darüber beklagt wird. Alles Übel liege, so wird oft schmerzlich festgehalten, am völligen Fehlen staatlicher Kontrollorgane, sprich: am Fehlen der Verkehrspolizisten.

 

Vielleicht ist dies auch das Grundproblem der Ägypter heute: Ihr kollektiver Aufbruch in eine demokratische Zukunft ist im Drängen des Einzelnen nach individueller Befriedigung seiner Bedürfnisse ins Stocken geraten. So zumindest wird es hier gemeinhin gesehen. Weniger offensichtlich ist, wie der Verkehr wieder in Fluss zu bringen ist. Braucht es, wie die einen meinen, die starke Hand einer Verkehrspolizei, die den Strom in die richtige, demokratische Bahn lenkt? Oder sollte man sich darauf konzentrieren, den Ägyptern vorausschauendes Fahren nahezubringen?

 

Während der Revolution rückten sie zusammen. Auf der Basis von Eigenverantwortung und Gemeinsinn entdeckte das Land in diesen 18 Tagen seine Fähigkeit zur Selbstregulierung und organisierte sich selbst. Dies hat Beobachter in aller Welt beeindruckt. Damit die Revolution jedoch ihr Ziel erreicht, müsste sich diese umsichtige, verantwortungsvolle Art auch in Zeiten außerhalb des Notstands etablieren. Wenn es nicht mehr darum geht, dass der Einzelne vorankommt, kann sich auch das stockende Ganze bewegen.



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