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Iranischer Autor Mahmud Doulatabadi 18.09.2011

Revolution 2.0? Lang lebe der Roman!

Marina Khatibi


Literatur in Zeiten der Revolution – diesem durchaus aktuellen Thema ging eine Diskussion um die erstmalige Veröffentlichung der englischen Übersetzung des Romans »Der Colonel« des iranischen Schriftstellers Mahmud Doulatabadi in London nach. Genauer gesagt im »Free Word Centre« in London, das auch die englische Schriftstellerorganisation PEN beherbergt, die sich für die Rechte von Autoren weltweit einsetzt.


Die Originalfassung des Romans auf Persisch liegt seit 2008 der Zensurbehörde in Tehran vor und ist bisher nur auf Deutsch im Schweizer Unionsverlag erschienen. Nun wird er, mit Unterstützung von PEN, auch auf Englisch im Haus Publishing Verlag in London veröffentlicht. Der ehemalige Vizeminister für Kultur im Iran und jetzige Aktivist Ali Asghar Ramazanpoor, der Direktor der »Small Media Foundation« Mahmood Enayat, Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist Yousef Azizi Banitorof und der britische Nahost-Experte und ehemalige BBC-Korrespondent Trevor Mostyn folgten der Einladung von Herausgeberin Barbara Schwepcke, den Roman zu diskutieren.


»Der Colonel« ist eine düstere, durch und durch mit Blut, Scham und Schuld getränkte Aufzeichnung des Zerfalls einer iranischen Familie. Protagonist ist die Titelfigur und diese erzählt an einem einzigen Tag die gesamte iranische Geschichte nach dem 2. Weltkrieg und über den Iran-Irak-Krieg hinaus, die in der iranischen Gesellschaft bis heute tiefe Wunden hinterlassen hat. Der Roman habe sie in seiner Thematik und Bildlichkeit an Georg Büchners »Danton’s Tod« erinnert, so Schwepcke. »Der Colonel« sei gerade jetzt aktuell, da der Schriftsteller damit in schockierendes und realistisches Portrait einer Revolution, jeder Revolution, darstelle. Doch gerade dieser unbarmherzige Realismus hat dazu geführt, dass der Roman der Zensur zum Opfer gefallen ist und bis heute nicht im Iran selbst erschienen ist.


Keine bequemen Wahrheiten für den Leser

Mahmoud Doulatabadi ist einer der größten lebenden iranischen Schriftsteller und hat vor diesem Roman, den er bereits vor 25 Jahren angefangen hat, viele Werke, darunter sein Meisterwerk »Kalidar«, im Iran veröffentlicht. Mit diesem Roman jedoch, hat er, so Ramazanpoor, einen zweifachen Bruch in seinem bisherigen Schaffen vollbracht. Während seine vorherigen Werke sprachlich eher allegorisch und somit zur Interpretation einluden, ist die Sprache, die Doulatabadi in diesem Roman gewählt hat, direkt und scheut sich nicht vor der Artikulation unbequemer und grausamer Wahrheiten zurück.


Der zweite Bruch sei das Thema des Buches: Die Revolution. Im heutigen Iran ist die offizielle und daher einzig geduldete Meinung, dass die Revolution islamisch und ihr Ausgang ein Erfolg für die iranische Gesellschaft sei. Eine reflektorische und geschichtlich kritische Auseinandersetzung mit der eignen Geschichte ist nicht erlaubt. Doulatabadis Roman zeigt, das beide offiziellen Standpunkte der Wahrheit nicht entsprechen. Doch eine Wahrheit, eine objektive Sichtweise, stellt der Autor den Lesern auch nicht zur Vefügung.  


Im Roman ist die Familie des Colonels zersplittert in politische Richtungen, wie es auch die iranische Revolution war. Von den drei Söhnen und zwei Töchtern vertritt jede Figur eine andere politische Strömung, Kommunisten, Nationalisten, Islamisten, Volksmujaheddin. Von den Kindern bleibt am Ende keines am Leben, genausowenig wie die idealistischen Ideologien, denen sie in den Tod gefolgt sind.


Der zurzeit der 1979er Revolution in Tehran für die BBC berichtende Journalist Trevor Mostyn erinnert sich: »Ich war damals während der Proteste auf dem Campus der Teheraner Universität. Es wimmelte von linken Studentinnen, die kurze Röcke und ihre Haare offen trugen. Die Stimmung war jubilarisch bis aggressiv, aber ich fühlte mich dennoch sicher. Die Islamisten hatten überall Bilder von Khomeini aufgehängt. Die Menschen glaubten zu diesem Zeitpunkt, dass die Demokratie im Iran endlich kommen würde.«


Literatur seziert, Medien komprimieren

Bei der Frage nach Literatur in Zeiten der Revolution, darf nur nicht vergessen werden, dass ein Roman eine subjektive und vor allem literarische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen ist. Dennoch, so der Menschenrechtsaktivist und Freund des Autors, Yousef Azizi Banitorof, fürchte die iranische Regierung gerade die Sprache und Worte.


Saeed Kamali Dehghan, iranischer Journalist für den britischen Guardian, der während der Diskussion im Publikum saß, unterstützte diese Aussage. Kürzlich habe Ayatollah Khamenei in einer öffentlichen Aussage »schädliche Bücher mit giftigen Drogen verglichen«, so Dehghan. Banitorof selbst, der wie Doulatabadi Mitglied der Schriftsteller-Union im Iran ist, gehört zur arabischen Minderheit im Iran und kämpft unermüdlich für das Recht, in seiner Sprache veröffentlichen zu dürfen, denn nicht-persische Literatur findet im heutigen Iran keine Öffentlichkeit.


Ein Thema der Diskussion war auch, ob elektronische Medien Zensur umgehen und somit Veröffentlichungen einfacher und für mehr Menschen zugänglich machen können. Für Schriftsteller und Blogger im Iran sei dies durchaus der Fall, so Mahmood Enayat, Gründer der »Small Media Foundation«, doch sei die Verbreitung des Internet von den Medien weltweit zu hoch eingeschätzt. Es erreiche eben nur einen Teil der Gesellschaft und »offline«- Kommunikationskanäle seien ebenso, wenn nicht gar von größerer Wichtigkeit. Aus diesem Grund habe seine Stiftung eine Broschüre herausgebracht, die sich mit der gesamten Kulturzensur im Iran beschäftigt, der Zensur von Filmen, Theater, der Kunst und der Musik.


In der Tat, die Literatur und die heutigen Medien verhalten sich gänzlich entgegengesetzt: Während die Literatur Geschehnisse vergrößert und sie wie unter einer Lupe seziert, komprimieren Medien Geschehnisse und machen sie mit Schlagworten verständlich. Das eine schließt das andere aus, jedoch, so waren sich auch die Diskutanten einig, kann der heutige Leser von beiden Kommunikationsmitteln profitieren.



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