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Aus Majdal Schams berichtet Mai-Britt Wulff
Die kurvige Straße nach Majdal Schams schlängelt sich den Berg hoch, vorbei an Apfelplantagen und an einem zerfallenen Kreuzfahrerschloss. Am Straßenrand sitzen schwarz gekleidete Männer in Pluderhosen, die Olivenöl und arabische Spezialitäten verkaufen. Nach internationalem Recht befinden wir uns in Syrien, Damaskus liegt nur 60 Autominuten entfernt. Aber hier zahlt man mit Schekeln, die Amtssprache ist neben Arabisch Hebräisch, und die Steuern werden an den israelischen Staat überwiesen. Die syrische Hauptstadt ist von hier aus unerreichbar.
Die Golanhöhen wurden 1967 im Sechs-Tage-Krieg von Israel besetzt. Der Großteil der multireligiösen syrischen Bewohner des Golangebiets floh oder wurde vertrieben, nur die circa 20.000 Angehörigen der drusischen Minderheit blieben zurück. Seither leben sie unter Besatzung, ihre Staatsangehörigkeit nennt sich »undefiniert«, und nach Syrien können sie nur in Ausnahmefällen reisen, wie zu religiösen Pilgerreisen oder zum Studium, obwohl viele Familie dort haben. Im Dezember 1981 wurde der Golan annektiert, und Israel setzte seine Verwaltung und Rechtsprechung ein.
Seit 44 Jahren befinden sich die Menschen auf den Golanhöhen zwischen allen Stühlen. Sie besitzen weder den syrischen noch den israelischen Pass, und der Großteil der Dorfbewohner identifiziert sich nicht als Druse. Das Drusentum sei nur die Religion und nicht ihre Identität. Drusen unterscheiden sich in »Wissende« und »Unwissende«. Das bedeutet, dass nur Wenige wirklich in die Religion eingeweiht sind. Die religiöse Minderheit genießt daher hohes Ansehen und hält eine Machtposition im Dorf. Sie trifft alle wichtigen Entscheidungen, die von der nichtreligiösen Mehrheit befolgt werden müssen.
Während es für die älteren Bewohner eindeutig ist, dass sie Syrer sind, weil ihnen der Krieg noch präsent ist, lässt sich die Frage für die junge Generation nicht leicht beantworten. Die Jüngeren sind unter Besatzung geboren, haben meist in israelischen Städten studiert und sprechen fließend hebräisch. Die jungen Erwachsenen sind zerrissen zwischen den demokratischen Freiheiten sowie der guten wirtschaftlichen Situation, die sie in Israel erfahren, und der Liebe zum Heimatland, über das sie in Sommercamps unterrichtet werden und in das sie nicht zurückkehren können.
Im März, wenige Tage nach den ersten Protesten in Daraa, verfassten 84 Regimegegner vom Golan ein Manifest und erklärten darin ihre Unterstützung für die syrische Revolution. Unter ihnen gibt es einige Internetaktivisten, die mit Hilfe von Facebook und Twitter versuchen, den Aufstand zu unterstützen.
Eine von ihnen ist Sheefa Abu Jabal. Sie ist Teil der kleinen Gruppe, die Videos und Bildmaterial aus Syrien verifiziert und veröffentlicht. Sheefa ist 25 Jahre alt und hat in Haifa Rechts- und Kommunikationswissenschaft studiert. Als junge unverheiratete Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft und erklärte Gegnerin des syrischen Regimes bewegt sie sich in Majdal Schams auf unsicherem Terrain. Weil sie ihre Unterschrift auf dem Manifest nicht zurücknahm, weiterhin mit Journalisten spricht und per Internet versucht, den Widerstand zu organisieren, drohten ihr die Scheichs mit dem Ausschluss aus der Gesellschaft, so wie auch allen anderen Revolutionsanhängern. Sheefa sagt, der Arabische Frühling sei ihr persönlicher kalter Winter. Zu Beginn der Demonstrationen habe sie sich ausgeliefert gefühlt und Drohbriefe bekommen.
In Majdal Schams wird normalerweise jedes Jahr pompös der syrische Nationalfeiertag zelebriert. Doch dieses Jahr fehlten die zahlreichen syrischen Flaggen und Menschenmassen in den Strassen. Denn durch den uneingeschränkten Zugriff auf die Medien waren die Menschen informiert über das, was sich in ihrem Heimatland abspielte. Sie wollten nicht feiern, während gleichzeitig in Syrien viele Menschen durch die Unruhen starben.
Die Welle der Demonstrationen gegen das Regime schwappte schließlich auch auf den Golan über, und Anfang April standen die ersten mutigen Demonstranten gegen das Baath-Regime auf dem Dorfplatz. Die Gegendemonstrationen, die Solidarität und Unterstützung für Baschar al-Assad ausdrückten, waren aber viel größer. Das mag daher rühren, dass die religiösen Oberhäupter der Dorfgemeinschaft sich auf die Seite Assads geschlagen haben und jedem mit religiösem und sozialem Boykott drohen, der es wagt, das System zu kritisieren oder die Revolution zu unterstützen. Dies ist in dem syrischen Mikrokosmos auf den Golanhöhen die Höchststrafe. Das gesellschaftliche Leben ist für jeden Einzelnen sehr wichtig, und der Ausschluss bedeutet die völlige Isolation.
Die Betroffenen dürfen etwa nicht mehr an Hochzeiten oder Beerdigungen teilnehmen. Der Zugang zur Halwa, dem Gebetsraum, wird ihnen verwehrt. Niemand im Dorf darf mit einem Ausgestoßenen sprechen oder ihn zu Besuch empfangen. Und bei dessen Tod wird keiner an der Beerdigung teilnehmen.
Als Druse wird man geboren, Konversion ist nicht vorgesehen. Der Austritt aus der Gemeinde gilt als Todsünde, und bei der Hochzeit mit einem Andersgläubigen wird man aus der Gesellschaft verbannt. Daher rührt der starke Zusammenhalt der Drusen, die jahrhundertlang als Minderheit überlebten, weil sie sich streng an ihre Regeln hielten.
Die Streitigkeiten zwischen den Parteien erreichten ihren Höhepunkt Ende Mai und Anfang Juni, als die religiösen Oberhäupter tatsächlich zwei Revolutionsanhänger aus der Gemeinschaft ausschlossen, die an einer Assad-kritischen Konferenz zur Zukunft Syriens in der Türkei teilnahmen. Obwohl die Scheichs eine besondere Position im Dorf genießen und ihr Wort meist Gesetz ist, wird nicht jede ihrer Entscheidungen respektiert.
Die zwei Männer werden formal seit dem 30. Mai boykottiert, bleiben aber ins gesellschaftliche Leben eingebunden, weil die religiös »nicht eingeweihte« Mehrheit den Boykott nicht anerkennt. Sie hält die Strafe für unangemessen und zu hoch. Die Höchststrafe sollte laut der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung nicht leichtfertig verhängt werden, nicht nur, weil man bei den Dorfältesten in Ungnade gefallen ist. Die Missachtung der Entscheidung zeigt, dass die Scheichs ihren Einfluss zu verlieren scheinen und darum kämpfen, ihre Macht auf dem Golan zu bewahren.
Die Haltung der Regimeanhänger hat mehrere Gründe. Zum einen fühlt sich ein Großteil der Menschen auf dem Golan unter Besatzung und hält es für klüger, passiv und politisch neutral zu sein. Man sei unter Fremdherrschaft und müsse das Heimatland und die dortige Regierung, egal welche an der Macht sei, unterstützen. Diesen Standpunkt scheinen die religiösen Autoritäten zu unterstützen. Sie fühlen sich verantwortlich für die Leitung der Gemeinschaft und wollen die Bindung zum Mutterland stärken. Denn sollte in Syrien ein Bürgerkrieg ausbrechen, dann würde sich die ersehnte Rückeroberung des Golans weiter verzögern. Ein anderer Grund ist Angst. Sollte der Golan tatsächlich irgendwann an Syrien zurückgehen und Baschar al-Assad weiterhin an der Macht sein, befinden sich erklärte Regimegegner in großer Gefahr. Deshalb ist ein großer Teil der Bevölkerung unpolitisch und hält sich aus der Diskussion um den syrischen Aufstand raus.
Im September veröffentlichten Studenten von den Golanhöhen, die in Damaskus studieren, ein Bekenntnis zum Regime Baschar al-Assads. Sie bekannten sich zu ihrer syrischen Identität und erklärten, mit dem Studium im Heimatland wollten sie der israelischen Besatzung durch Bildung trotzen. Viele Familien in Majdal Schams hingegen wagen es kaum, mit ihren Kindern, die in Damaskus studieren, am Telefon über die Situation zu sprechen. Die Angst vor dem Geheimdienst ist allgegenwärtig. Vermutlich ist dieses Bekenntnis aus Angst entstanden und soll die Studenten schützen, da sie ohne ihre Familie hilflos auf der anderen Seite sind. Im gleichen Monat reisten einige religiöse Oberhäupter zu ihrer jährlichen Pilgerfahrt nach Syrien. Im Dorf munkelt man, dass durch diese Reise ihre Loyalität den Assads gegenüber gestärkt wurde.
Anfang Oktober kam es wieder zu einer Demonstration für das Regime in Majdal Schams. Schätzungsweise 500 Menschen zeigten ihre Unterstützung für Baschar al-Assad. Die Regimegegner hingegen werden immer noch von den Scheichs unter Druck gesetzt und müssen stillhalten. Ihre Meinung wird aber mittlerweile geduldet. Für Sheefa Abu Jabal ist das ein kleiner Sieg. Obwohl sie durch ihre Familie in Syrien die Drohungen des Geheimdienstes übermittelt bekommen hat, sich nicht mehr für die Revolution einzusetzen, fühlt sie in Majdal Schams einen wachsenden Rückhalt und Respekt für ihr Engagement gegen Baschar al-Assad. Nur noch wenige im Dorf greifen sie wegen ihrer Aktivitäten an.
In der vergangenen Woche wurde im Zuge des Gefangenenaustauschs zwischen Israel und der Hamas auch Wiam Mahmoud Amasha entlassen und kehrte zurück in sein Heimatdorf Buqata, ein kleines Dorf bei Majdal Schams. Anders als in den Medien berichtete wurde, waren nicht alle freigelassenen Gefangenen Palästinenser, einer von ihnen ist Syrer vom Golan. Hupkonzerte, das schrille Trillern von Frauenstimmen und fliegende Reiskörner hießen ihn willkommen bei seiner Rückkehr ins Heimatdorf.
Doch bald wandelte sich die Feier in eine Anti-Assad-Demo, bei der die Menschen »Gott, Syrien, Freiheit« und »Hama, wir sind mit Dir bis in den Tod« skandierten. Die gleichen Slogans hört man bei Demos gegen das Regime in ganz Syrien. Ursprünglich wollten die religiösen Oberhäupter Bilder von der Assad-Familie aufstellen lassen, dagegen hatte sich der Vater des freigelassenen Gefangenen jedoch vehement gewehrt. Sein Sohn will sich nun wieder in Freiheit für die Revolution einsetzen. Als Zeichen ihrer Ablehnung blieben die meisten Scheichs der Willkommensfeier fern. Dies ist bezeichnend für den innergesellschaftlichen Streit, der momentan in der drusischen Gemeinschaft auf dem Golan tobt.
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