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Sicherheit auf hoher See 12.06.2012

Private Piratenjäger

Andreas Dawidzinski


März 2011. Der US-Massengutfrachter »Avocet« ist unterwegs im Indischen Ozean. Plötzlich taucht ein Skiff auf, ein kleines Boot, das mit hoher Geschwindigkeit auf den Frachter zurast – möglicherweise Piraten. Der bewaffnete Begleitschutz an Bord tritt in Aktion.

 

Festgehalten ist diese Szene auf einem Video, aufgenommen von der Helmkamera eines Sicherheitsmannes. Nach Angaben des Nachrichtenkanals Bloomberg ist dieses Video im vergangenen Jahr auf einer Schifffahrts-Konferenz gezeigt worden. Vor wenigen Wochen tauchte es im Internet auf. Einige der Bootsinsassen sind vermutlich getötet oder verletzt worden, sagte der Chef des Sicherheitsunternehmens Trident Group, das die vierköpfige Sicherheitscrew gestellt hat –  unter ihnen auch ehemalige Spezialkräfte der Navy Seals.

 

Solche Vorfälle sind keine Seltenheit, sagt der Brite Richard Fillon, früher Soldat beim »Special Boat Service« (SBS), einer Eliteeinheit der Royal Navy, und heute Sicherheitsberater: »Ich habe viele Gerüchte über tödliche Zwischenfälle auf See gehört – von gefangenen Piraten und Piraten, die am Ladebaum aufgehängt wurden. Aber die Besatzungen werden die Erschießung von Piraten nie zugeben, weil das rechtliche Konsequenzen hätte. Man hört solche Geschichten jedoch immer wieder, und ich bin sicher: Viele sind wahr.«

 

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt haben zunehmend private Sicherheitsteams den Kampf gegen die Piraten aufgenommen. Manchmal mit rechtlich fragwürdigen Methoden. Die Nachfrage wächst. Auch bei den deutschen Reedern. Im vergangenen Jahr haben rund 1.200 Schiffe unter deutscher Flagge die besonders durch Piraterie gefährdeten Gebiete des Indischen Ozeans passiert.

 

»Atalanta« hat die Region nicht wesentlich sicherer gemacht

Die EU-Anti-Piratenoperation »Atalanta« hat die Region nicht wesentlich sicherer gemacht. Die EU-Kriegsschiffe haben in erster Linie den Auftrag, Schiffe des »World Food Programms« (WFP) auf dem Weg nach Somalia zu schützen. Auf der Prioritätenliste steht danach der Schutz der Handelsrouten, und erst an dritter Stelle folgt die Suche nach Piraten. Zwar setzen die Handelsschiffe schon seit langem auf passive Abwehrmaßnahmen, beispielsweise Stacheldraht an Bord. Doch selbst Offiziere der Deutschen Marine halten diese Vorkehrungen für nicht besonders wirkungsvoll. Der Kommandant der Fregatte »Bayern«, Andreas Graf von Kielmannsegg, sagte kürzlich auf einer Tagung zur Piraterie an der Bundeswehr-Universität Hamburg ganz offen: »Es hat sich gezeigt, dass in der Abwehr von Seiten der Handelsschiffe letztlich das Effektivste ist, wenn ich doch Sicherheitsteams an Bord habe und wenn diese Sicherheitsteams zurückschießen können.«

 

Und es wird inzwischen zurückgeschossen – möglicherweise wird das Feuer eröffnet, noch bevor mutmaßliche Piraten einen Schuss abgegeben haben. Obwohl offiziell der Kapitän für das Schiff verantwortlich ist, kann es dann passieren, dass praktisch die Sicherheitscrew das Kommando übernimmt.

 

Aus Sicht der Reedereien wird der Druck immer größer, Sicherheitsteams einzuschiffen. Umwege kosten wegen des Anstiegs der Treibstoffpreise immer mehr Geld. Außerdem will man dem Sicherheitsbedürfnis der Besatzungen nachkommen. Kein Wunder, dass das Geschäft mit der maritimen Sicherheit boomt. Weltweit bieten inzwischen 160 bis 180 Firmen Reedern ihre Dienstleistungen an. Doch die Qualität sinkt. Sicherheitsspezialisten mit maritimer Erfahrung sind rar. Dabei wird der Bedarf immer größer. Der militärische Hintergrund vieler Sicherheitsleute ist manchmal dürftig. Außerdem ist es etwas anders, ob man Schusswaffen auf See oder an Land einsetzt.

 

Wichtig sei außerdem eine realistische Einschätzung der Feuerkraft der Piraten. So wird beispielsweise das sagenumwobene Sturmgewehr AK-47 weit überschätzt, so wie auch die Wirkung der von den Piraten häufig mitgeführten RPG-Panzerfäuste.

 

Die Bundesregierung stellt sich quer

Die deutschen Schiffseigner haben den Einsatz von privaten Sicherheitskräften an Bord lange abgelehnt. Der Verband Deutscher Reeder setzte stattdessen auf Marinesoldaten oder Bundespolizisten – vergeblich. Die Bundesregierung stellte sich quer. Der Kompromiss: Künftig sollen überprüfte private bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord für den Schutz sorgen. Die  Sicherheitsfirmen werden zuvor von Bundesbehörden zertifiziert und zugelassen. Wolfgang Hintzsche vom Verband Deutscher Reeder erklärte hierzu: »Wir wollen keine Rambos, sondern wir wollen sehr hoch ausgebildete und sehr mit Bedacht agierende Personen an Bord haben, die unsere Besatzung schützen und die natürlich auch im direkten Zusammenspiel mit dem Kapitän, der dort eben immer noch die entsprechende Befugnisse hat und die Alleinbefugnisse hat, sehr bedachtsam entsprechend einen Schutz aufrecht erhält.«

 

Die deutsche Handelsflotte ist mit rund 3.500 Schiffen die drittgrößte Handelsflotte der Welt. Allerdings fahren nur etwa 600 Schiffe unter deutscher Flagge. Dass die Bundesregierung für diese deutsch-geflaggten Schiffe keine Marinesoldaten oder Polizisten bereitstellen will, kommt für Hans-Georg Ehrhart vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik nicht ganz überraschend: »Das passt in den gängigen Trend der Privatisierung der Sicherheit, den es ja in vielen Bereichen gibt. Diejenigen, die daran verdienen, sind die Sicherheitsfirmen, die in der Tat wie Pilze aus dem Boden sprießen. Man kann die Frage stellen: handelt es sich hier nicht um hoheitliche Aufgaben? Unsere Nachbarn, die Holländer haben mit Ja geantwortet und haben fünfzig solche Sicherheitsteams von ihren eigenen Soldaten zur Verfügung gestellt... Meines Erachtens stünde dem nicht viel entgegen, aber offenbar ist die Privatisierung der einfachere Weg.«

 

Inzwischen heißt es, die Niederländer wollen ihre so genannten »Vessel Protection Detachments« sogar verdreifachen, auf mehr als 150. Zum Vergleich: Die wesentlich größere Deutsche Marine hat im Rahmen der EU-Operation »Atalanta« bislang insgesamt gerade einmal 14 solcher militärischen Schutzteams ausgebildet und eingesetzt.

 

Doch nicht nur die Bundeswehr, auch die Bundespolizei sieht sich nicht in der Lage, Sicherheitskräfte zu stellen. Von Kosten in Höhe von rund 150 Millionen Euro ist die Rede. Für den Hamburger Innensenator Michael Neumann ist der Schutz der deutschen Handelsschiffe aber eine hoheitliche Aufgabe. Diese dürfe man nicht privaten Sicherheitsdienstleistern überlassen. Das Kostenargument will der SPD-Politiker dabei nicht gelten lassen »Die Durchsetzung des Gewaltmonopols wird in Zukunft auch etwas sein, was sich niemals rechnet. Meine ganze Hamburger Polizei rechnet sich nicht, die kostet immer Geld. Die Feuerwehr kostet auch immer Geld. Aber es geht ja darum, ob ein Staat in der Lage ist, sich selbst noch ernst zu nehmen und das Gewaltmonopol wirksam durchzusetzen, angemessen durchzusetzen.«

 

Bei den Sicherheitsfirmen herrscht Goldgräberstimmung

Doch mit dieser Kritik steht Neumann weitgehend alleine da – auch in der eigenen Partei. In der SPD hält man nichts davon, in Seegebieten, in denen Piraten aktiv sind, Bundespolizisten oder Marinesoldaten als Sicherheitsteams an Bord von deutschen Handelsschiffen zu schicken – selbst wenn die Reeder sich finanziell an den Kosten beteiligen würden.

 

Vor rund einem Jahr hat die Bundesregierung angekündigt, dass sie den Weg für bewaffnete private Sicherheitsdienste an Bord freimachen will. Voraussetzung ist allerdings die staatliche Zertifizierung dieser Unternehmen. Ähnliche Verfahren gibt es bereits in Ländern wie den USA, Großbritannien, Dänemark, Norwegen und Liberia. Doch in Deutschland verzögert sich die Zertifizierung – sehr zum Ärger des Verbandes der Deutschen Reeder.

 

Doch kann durch die geplante Überprüfung der privaten Sicherheitsfirmen wirklich sichergestellt werden, dass die Schiffe mit qualifizierten Schutzteams ausgestattet werden, und nicht doch schießwütige Rambos an Bord kommen? Sicherheitsberater Matthias Keil von der Consulting-Firma Skabe ist skeptisch. Er geht davon aus, dass das geplante Zulassungsverfahren in der Praxis nur eine geringe Aussagekraft haben wird: »Die Zertifizierung sieht nach meinem Wissensstand derzeit so aus, dass eben von der Bundesregierung bestimmte Notwendigkeiten vorgegeben werden, die man nachweisen muss. Zum Beispiel Zuverlässigkeit. Zuverlässig heißt, dass er keine Eintragungen im polizeilichen Führungszeugnis haben darf. Das sagt aber noch nichts darüber aus, dass er eventuell in der Lage ist, diese Dienstleistung zu erbringen. Es sagt auch nichts darüber aus, ob er seefest ist. Es wird einfach ein schön aussehendes Papier entwickelt, das sicherlich gut ist, was sicherlich gut aussieht, was aber meines Erachtens nicht den Kern der Sache trifft.«

 

Bei den Sicherheitsfirmen herrscht eine Goldgräberstimmung. Auf See wird das staatliche Gewaltmonopol aufgegeben. Die Bundesregierung spricht aufgrund der Piraterieprobleme von einer Sondersituation. Möglicherweise wird daraus ein Dauerzustand. Denn die jetzt eingeleitete  Entwicklung wird man vermutlich nicht wieder rückgängig machen können.

 

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von NDR Info »Streitkräfte und Strategien«.



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