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Rebekka Salm
Die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek stellt sich in einer Publikation der schweizerischen Vontobel-Stiftung die Fragen: Wie viel Freiheit gestattet der Islam seinen Gläubigen? Ist der Islam in die Demokratie integrierbar? Ihre Bilanz fällt ernüchternd aus.
»Da gerade diese Gruppe – Türken mit schlechter Bildung – stärker als andere Einwanderer zunimmt, während gleichzeitig die Noch-Mehrheitsgesellschaft rapide schrumpft, wird die mangelnde Integration der Zuwanderer zum zentralen Problem der ganzen Gesellschaft.« Wer nun glaubt, dieses Zitat stamme aus der Feder von Skandal-Banker Thilo Sarrazin, der irrt. Geschrieben hat diesen Kassandraruf die deutsch-türkische Soziologin, Autorin und umstrittene Islamkritikerin Necla Kelek in der bis dato von den Medien nahezu unbeachteten Broschüre »Über die Freiheit im Islam« der schweizerischen Vontobel-Stiftung.
Kelek, in jüngster Zeit fleißige Marktschreierin für Sarrazins kontroverses Islam-Buch, versucht mit ihrer knapp 80-Seitigen Veröffentlichung die Fragen zu beantworten, wie viel Freiheit der Islam seinen Gläubigen gestattet, und ob der Islam überhaupt in die aufgeklärten europäischen Demokratien integrierbar ist. Bereits in der Einleitung wird der Leser vorgewarnt: »Die Bilanz fällt ernüchternd aus.«
Bevor sich Kelek den Themen Freiheit und Islam zuwendet, muss sich der Leser durch ihre Forschungserkenntnisse über türkische Migranten in Deutschland arbeiten. Gleich im ersten Kapitel stellt die Autorin Osman vor. Osman ist ein anatolischer Bauer, der in Deutschland als ungelernter Schichtarbeiter seinen Lebensunterhalt verdient. Seine Frau Lüftiye geht kaum vor die Tür, spricht kein Wort Deutsch und trägt selbstredend Kopftuch. Die Ehen der drei Kinder werden durch die Eltern arrangiert und mit 47 Jahren geht Vater Osman mit den angeblich unter den Türken gängigen Tricks und Tipps in Frührente. Zu Lasten des deutschen Sozialsystems lässt er es sich auf seine alten Tage gutgehen.
Nach diesem in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Einstieg widmet sich Kelek dem Islam. Sie stellt klar, dass es nicht theologische Fragen sind, die sie interessieren, sondern dass für sie der Islam »als soziale, als lebensbestimmende und politische Realität« von Bedeutung ist. Die Methode des »Nachfühlens« oder »des Verstehen Wollens« ist ihr bei der Annäherung an das Thema fremd, denn dieser Ansatz, so Kelek, habe die Diskussion um den Islam lange Zeit blockiert. Allzu schnell würden die deutschen Intellektuellen nach einem Diskriminierungsverbot oder einem Minderheitenschutz rufen und mit ihrem übertriebenen Verständnis für »kulturelle Eigenarten« indirekt barbarische Taten wie beispielsweise Ehrenmorde legitimieren.
Kelek sucht folglich – ganz absichtlich frei von Einfühlungsvermögen – nach Gründen, wieso »so viele muslimische Migranten es für wichtig halten, ihre tribalen und archaischen Traditionen ungestört weiterleben zu können.« Die Antwort findet Kelek in unterschiedlichen Freiheitskonzepten: Während ein deutsches Mädchen Freiheit als Ungezwungenheit und als einen Raum der uneingeschränkten Selbstbestimmung erlebt, bedeutet diese Art von Freiheit dem muslimischen Mädchen fehlender Schutz und folglich eine Bedrohung. Frei sein heißt für die Muslima nicht, tun was sie will, sondern lediglich frei sein, den Vorgaben der Familie, des Clans oder eben jenen Allahs zu entsprechen.
Ist im »Westen« das Individuum Angelpunkt der Betrachtung, wird in der islamischen Lehre das Kollektiv als höchste Form von Freiheit angesehen. Der einzelne Muslim ist nur noch ein Mosaikstein eines größeren Ganzen. Er akzeptiert, ungeachtet seiner persönlichen Bedürfnisse, die Zwänge und Regeln der Gemeinschaft und im Gegenzug erhält er deren Solidarität, Anerkennung und Schutz. An diesem Punkt unternimmt Kelek einen zweifelsfrei interessanten Ausflug in die Gefilde der Freiheitsphilosophie – leider tut sie dies nicht wertfrei.
Am Ende bläst Kelek nicht überraschend ins selbe Horn wie Thilo Sarrazin: Der Islam, den sie als eine »totalitäre Ordnung« deutet, sei »in dieser Form nicht in eine demokratische Gesellschaft integrierbar. Er stellt sich in seinem ganzen Wesen als ein Gegenentwurf zur aufgeklärten, säkularisierten Zivilgesellschaft dar.« Kelek wird sich mit diesen Aussagen, die oft einen unsachlichen Unterton haben, unter den Muslimen keine Freunde machen. Was sie selbst den Muslimen vorwirft, nämlich dass innerhalb der Diskussion situativ Argumente aus dem Hut gezaubert werden, denen in der Gesamtschau jede Kohärenz fehlt, trifft oft auf ihre eigenen Ausführungen zu.
Dessen ungeachtet erklärt Kelek in einer verständlichen Sprache die »demokratische« und die »muslimische« Interpretation von Freiheit, Gesellschaft und Individuum und die daraus resultierenden differenten Mentalitäten. Ein Vorgehen, das einerseits zum besseren Verständnis von muslimischen Migranten und andererseits zu deren Herabwürdigung beitragen kann. Bei Kelek bleibt unklar, welches von beiden Zielen sie wirklich anstrebt.
Kelek hat bereits angekündigt, dass sie die in der vorliegenden Vontobel-Publikation nur skizzenhaft aufgezeichneten Thesen über die Freiheit im Islam in einem geplanten neuen Buch ausführlicher darlegen werde. Bleibt nur zu hoffen, dass sie beim nächsten Anlauf die Präzision der Polemik vorzieht.
Die Publikation »Über die Freiheit im Islam« von Necla Kelek ist im August 2010 erschienen und kann kostenlos bei der Vontobel-Stiftung bezogen werden.
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