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Dominik Peters
Das Dresdner Residenzschloss ist ein Palast im Stil der Renaissance. Einst war es das Machtzentrum der sächsischen Kurfürsten und Könige. Heute ist es der kulturelle Mittelpunkt der Stadt – und hat ein neues Highlight: Die »Türckische Cammer«. Vergangenes Wochenende eröffnete Außenminister Guido Westerwelle zusammen mit seinem türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoğlu die Ausstellung. Sie gilt als eine der bedeutendsten Sammlungen orientalischer Kunst weltweit und ist nun zum ersten Mal seit siebzig Jahren wieder zu sehen.
Auf 750 Quadratmetern wurden 600 Stücke der einzigartigen Kollektion inszeniert, die Sachsens Kurfürsten und Könige über fast fünf Jahrhunderte zusammentrugen. Darunter sind diplomatische Geschenke und Beutestücke unterschiedlicher Schlachten gegen die Osmanen, aber auch durch gezielte Ankäufe eine Sammlung exotischer Kunststücke. Wohin man schaut, überall: Prunk und Politik, Geschichte und Grauen, Kunst und Klunker. Schon beim Betreten des ersten Raumes reiten dem Besucher fünf große, mit Prunk-Reitzeugen geschmückte Araberhengste entgegen. Sie wirken ausgesprochen lebendig.
Die kostbaren Sättel sitzen perfekt, wie für jedes Pferd gemacht. In Wahrheit ist es umgekehrt: Die hölzernen Rösser sind Maßanfertigungen für das Reitzeug. Wer jetzt schon glaubt, beeindruckt zu sein, der hat den Rest nicht gesehen: mit Edelsteinen besetzte Säbel, kostbare Seidengewänder, daneben Elfenbein-Dolchgriffe und die vier weltweit einzigen erhaltenen Nomaden-Faltbecher aus Leder. Alles sind sie Kunstwerke aus Istanbuler Hofwerkstätten, die einst Großwesiren und Aghas gehörten, oder von der osmanischen Kunst inspirierte und von siebenbürgischen Meistern hergestellte Stücke.
Das Highlight der Ausstellung ist aber das zwanzig Meter lange, acht Meter breite und sechs Meter hohe osmanische Staatszelt aus dem 17. Jahrhundert. Das wertvolle Textil wurde 30 Jahre nach dem Großen Türkenkrieg aus Polen nach Dresden gebracht und ist für 3,6 Millionen Euro restauriert worden. Unter der Außenhaut aus grüner Baumwolle schimmern auf rotem Grund mit roten, blauen, grünen, gelben, weißen und schwarzen Applikationen aus Atlas, Baumwolle und vergoldetem Leder. Die reiche Verzierung ist typisch für hohe osmanische Würdenträger und Sinnbild für das Paradies. Es habe als Tafelzelt für hochrangige Gäste gedient, erfährt der Besucher.
Doch die Zeiten sind vorbei, als im Türkenzelt noch gekrümelt und gekleckert wurde. Heute wird nur noch geklotzt. Dunkelblauer Putz, schwarzer Schiefer am Boden und verhängte Fenster tauchen die empfindlichen Exponate in eine gewollte Dunkelheit. Dadurch soll eine Atmosphäre wie in einer orientalischen Nacht erzeugt werden. Das ist nicht ganz gelungen, aber immerhin: Das Licht in den doppelt entspiegelten Vitrinen lässt jedes Exponat zum Greifen nah erscheinen und entführt die Besucher in den Serail. So wie es einst auch bei August dem Starken war.
Der »sächsische Sultan« aus dem 17. Jahrhundert hatte eine besondere Affinität zum Osmanischen Reich. Zwar stellten sich schon seine Vorgänger gern mit Sultanen auf eine Stufe, aber erst unter dem Barockfürsten war die Türkenmode besonders ausgeprägt, davon zeugen auch zwei Vitrinen mit Originalkaftanen, die er gerne zum Schlafen trug. Er hielt sich osmanische Krieger, schenkte der Schwiegertochter ein türkisches Palais und ließ sich im weltberühmten Dresdner Zwinger ein Wachsfigurenkabinett in Form eines Harems einrichten. Er hatte sogar Kammertürken als Diener. Einer hieß Süleyman.
Einer der treuesten Diener des Sächsischen Residenzschlosses heute heißt nicht Süleyman, sondern Holger Schuckelt. Er ist der Oberkonservator der Dresdner Rüstkammer und Orientexperte, hat diese Sammlung in den vergangenen zwanzig Jahren untersucht, erforscht und bearbeitet. In den 1980er Jahren studierte er Orientarchäologie und wurde bald nach seinem Studium als Spezialist an die Elbe geholt. Und als Experte ist er dort nicht allein, sondern wird tatkräftig von Güven Günaltay unterstützt.
Der 33-Jährige ist PR-Mitarbeiter in der Generaldirektion der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. In der Türkei aufgewachsen hat er in Istanbul Produktionsdesign studiert. Im Vorfeld der Eröffnung der »Türckischen Cammer« griff Günaltay zu außergewöhnlichen Mitteln, um die Ausstellung bundesweit bekannt zu machen: 4,5 Millionen Dönertüten ließ er mit Werbung für die »Türckische Cammer« bedrucken. Daneben auch Plakate, welche die schönsten Exponate zeigen und auf denen mit einem deutsch-türkischen Slogan geworben wird: »Kültürdialog, Kültürerbe und Kültüraustausch«.
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