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Stefanie Wally
Der namenlose Bauaufseher, gespielt von Kristian Wanzl, ist eine der Hauptfiguren in dem 15-minütigen Film »Halbmond:abnehmend«. Er soll eine Moschee abreißen lassen, damit ein historisches Schwimmbad an derselben Stelle wieder aufgebaut werden kann. Der 28-jährige Regisseur Arto Sebastian hat zusammen mit seinem Produzenten Christian Bahr den Film rund um die Pforzheimer Fatih-Moschee mit ihrem Kuppelbau und Minarett realisiert. Schon die Dreharbeiten gemeinsam mit der türkischen Gemeinde waren ein Teil Sebastians Anliegen: der Dialog der Kulturen.
»Für einige nur eine Formalität, für andere ein unbequemes Ärgernis, für ein paar wenige ein Symbol der Unterdrückung anderer Kulturen und Religionen, ein Attentat auf die Freiheit, eine Katastrophe...«, so die Kurzbeschreibung der Thematik, wie sie die Produktionsfirma auf ihrer Homepage diegenerale.de beschreibt. Mit seinem 2007 gegründeten Unternehmen setzt Sebastian Filmprojekte mit kontroversem und politischem Inhalt um.
»Halbmond:abnehmend« ist ein Beispiel für politische Brisanz: Während Thilo Sarrazin die Frage aufwirft, ob Deutschland sich abschafft und in der Schweiz Minarette verboten werden, macht sich der Regiestudent und Drehbuchautor Sebastian Sorgen um die Religionsfreiheit und die Toleranz in der europäischen Gesellschaft. Religionsfreiheit bedeute für ihn ein wesentliches Element des westlichen Freiheitsstaates, doch er gibt zu bedenken: »Ein Freiheitsstaat, der sich über andere Gesellschaftssysteme stellt, hat für mich keinen Wert.«
Seit 2001 sei das Ansehen der Muslime extrem gesunken, und das Burka-Verbot in Belgien, das Minarett-Verbot in der Schweiz und schließlich die Debatte um die Sarrazin-Thesen zeigten die wachsende Problematik. Was der Islam für die deutsche Gesellschaft bedeutet, werde oftmals unsachlich und unreflektiert diskutiert und könne die Gesellschaft in eine Entwicklung führen, der noch entgegengesteuert werden kann, so Sebastian, »wenn wir es denn wollen.« Den Medien komme hierbei eine entscheidende Rolle zu – Islam und Islamradikalismus würden zu oft gleichgesetzt und führten zu einer sich immer stärker verbreitenden Islamophobie in den europäischen Staaten.
Dem wollen Sebastian und Bahr mit ihrem Film entgegenwirken. Bahr ist sich bewusst, dass es sich um ein heikles Thema handelt, dem aber auf besondere Weise begegnet wird. »›Halbmond:abnehmend‹ zeigt den dargestellten Konflikt aus unterschiedlichen Sichtweisen und regt so zum Innehalten und Nachdenken an«, erklärt Bahr die Besonderheit des Films, »jedoch ohne dabei zu moralisieren«.
Die Medien vor Ort, die Besetzer der Moschee, die Polizisten, die ihren Job machen, die Demonstranten, die sich echauffieren, die Skatrunde im Wirtshaus nebenan, eine islamische Familie im heimischen Wohnzimmer oder auch der Bauaufseher, der den Abriss begleitet – sie alle zeichnen unaufdringlich und doch eindrücklich ein Gesellschaftsportrait ohne »Bösewicht« einerseits und den »Gutmenschen« andererseits.
Die Kameraperspektiven von Simon Drescher unterstützen dies in zurückhaltender Weise: Figuren werden über Hinterkopfansichten eingeführt, immer genau in jenem Moment, in dem sie erfahren, wie weit der Abriss der Moschee fortgeschritten ist oder wenn sie ihren Mitmenschen begegnen. »Wir wollten so dicht wie möglich bei ihnen, im besten Falle in ihrem Kopf sein«, sagt Sebastian. Fast werden die jeweiligen Gedanken sichtbar. Die Zuschauer nehmen so die jeweilige Perspektive der Figuren auf und sollen angeregt werden, sich mit den Positionen auseinander zu setzen, sie zu reflektieren.
»Damit kann der Film einen interkulturellen Beitrag leisten, einen kritischen Umgang mit dem Thema lehren und Menschen ansprechen, die einen aufgeklärten Geist haben«, so Sebastian zur Intention seines Films. Dieser Anspruch hat auch den Schauspieler Kristian Wanzl überzeugt. Der Schauspieler, der durch seine Fernsehrollen in »Tatort« oder bei den »Rosenheim Cops« bekannt ist, lobt das Engagement, das im Drehbuch deutlich wird. Die Figur des Bauaufsehers, die er verkörpert, sei vielschichtig und deshalb »eine sehr schöne Rolle«.
Auch die muslimische Gemeinde der Fatih-Moschee im Osten Pforzheims, der ältesten Moschee in Baden-Württemberg, ist von der Idee, der Umsetzung und der gesamten Filmcrew begeistert. »Wir freuen uns, dass wir die Räumlichkeiten für den Dreh zur Verfügung stellen durften«, sagt Schatzmeister Rukan Yabanci. So verwundert es nicht, dass der Zentralrat der Muslime und die aus der Türkei gesteuerte DITIB zwei der Förderer der Produktion von Sebastian, Bahr und Drescher sind. Unter anderem seien islamische Gemeinden eine wichtige Zielgruppe für Aufführungen des Films. Derzeit wird er Film verschiedenen internationalen Festivals angeboten. Über eine Verleihfirma und sowie das Goethe-Institut und den katholischen Filmdienst soll der Film will die Produktionsfirma den Film auch in Deutschland verbreiten.
Der namenlose Bauaufseher vor der Moschee hält ein Funkgerät für das Kommando zur Sprengung in der Hand. Er hebt das Funkgerät zum Mund und spricht hinein. Er senkt es wieder. Er blickt zu Boden, er kann den Anblick nicht ertragen.
Buch und Regie: Arto Sebastian
Kamera: Simon Drescher
Producer: Christian Bahr
Kurzspielfilm, 15 min, RED One
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