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Fatma Bulut
»Das ist mein Paradies«, so beschreibt Asa, ein junger Träumer, seine Vorstellung von einem Jurten-Leben. So will er Tulpan, das einzige heiratsfähige Mädchen weit und breit, für die Heirat mit ihm überzeugen. »Den schönsten Platz auf der Erde«, seine Jurte samt der Herde, hat er auf die Rückseite seiner Matrosenschürze auf gekritzelt, wie es eben bei den Seeleuten üblich ist. Asa hat bei der russischen Marine seinen Wehrdienst geleistet und ist nach Hause zu seiner Schwester Samal zurückgekehrt, in die kasachische Steppe. Hier ziehen sie und ihr Mann ihre Kinder auf und züchten Schafe.
Asa will auch eine Jurte aufbauen, eine mit Wasser und Elektrik. Außerdem soll sie eine Satellitenschüssel haben, um mehr als 900 Kanäle zu empfangen. Eine moderne Jurte mit Luxus eben. Um seinen Lebenstraum zu verwirklichen, braucht Asa eine Frau, denn ohne eine Ehefrau bekommt er keine Herde und somit auch keine Jurte. Mit zehn Schafen und einem kitschigen Lüster versuchen er und sein Schwager ihr Glück bei Tulpan und nehmen die Verhandlungen auf.
Tulpan allerdings, die sich hinterm Vorhang versteckt und die Besucher durch einen Schlitz beobachtet, gefallen Asas Ohren nicht und seine Geschichten mit Seeungeheuern scheinen ihm auch nicht zu helfen, attraktiv zu erscheinen. Sie zieht auch, wie Asas Freund Boni, das Leben in der Stadt vor und sieht ihre Zukunft nicht in der Steppe, wo außer der staubigen Einöde und die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt nichts zu finden ist.

wurde 1962 in Kasachstan geboren. Nach dem Studium der Luftfahrt und der Radiotechnik war er bei der Aeroflot beschäftigt. In Moskau studierte er Regie und Drehbuch. Dvortsevoy hat sein filmisches Schaffen vor allem auf Dokumentarfilme
spezialisiert, für die er mehrere Preise erhielt.
Der erste Spielfilm von Sergey Dvortsevoy zeigt junge kasachische Menschen und ihre Konfrontation mit dem Thema Zukunftsplanung. Aufgewachsen in traditionellen Verhältnissen, suchen sie sich ihren Platz entweder im Jurten-Leben oder in der Stadt mit komfortableren Umständen. So stehen sich Tulpan und Boni, die ihre Chance auf ein besseres Leben in der Auswanderung sehen, Asa gegenüber, der auf das einfache Leben mit der Natur und den Tieren um sich herum nicht verzichten will.
Die wohl bedeutsamste Szene ist die Geburt eines Lammes, bei der Asa spontan als Geburtshelfer einspringen muss. Ganze fünf Minuten bleibt der Zuschauer im Bann der schwierigen Geburt, die den dokumentarischen Charakter des Films ausmacht. Die Gegenüberstellung von Tradition und Moderne lässt der kasachische Regisseur auch auf musikalischer Ebene verdeutlichen. Einerseits trällert aus dem Radio ein Disco-Song aus der westlichen Welt, andererseits hält Samals Tochter der aus der Ferne eindringenden Musik kasachische Lieder entgegen.
Nicht zuletzt sorgen die skurrilen Nebenfiguren und deren sehr kurz gehaltene Dialoge dafür, dass »Tulpan« ein sympathischer »Jurten-Film« ist. Allerdings unterscheidet Dvortsevoy seine Geschichte von den anderen sogenannten Schafs- und Kamelfilmen – wie »Tuyas Hochzeit« oder »Die Geschichte vom weinenden Kamel« –, die sich zu einem neuen Genre etablieren, dadurch, dass er das Leben der kasachischen Nomaden nicht allzu idyllisch erzählt. »Tulpan« visualisiert die Nomadenkultur der zentralasiatischen Steppe in seiner authentischen und natürlichen Weise.
Tulpan. Ein Film von Sergey Dvortsevoy. Pandora Film, 2008, 100 Minuten, Russisch und Kasachisch mit deutschen Untertiteln. Seit Mai 2010 auf DVD.
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