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Christoph Sydow, Clemens Recker und Björn Zimprich
Fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September und dem anschließenden Einmarsch der US-geführten Koalition in Afghanistan ist der meistgesuchte Terrorist der Welt getötet worden. In der Nacht zum Montag erschoss eine Spezialeinheit der US-Armee Usama Bin Laden in einem Anwesen in Abottabad, einer Stadt nur knapp 50 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt.
Das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt wurde in den letzten zehn Jahren maßgeblich von al-Qaidas Terroranschlägen und Bin Ladens Botschaften beeinflusst. In den arabischen Medien hoffen die Kommentatoren nach dem Ende des Topterroristen nun auf einen Wandel in der westlichen Politik. Mitleid und Sympathie für Bin Laden sucht man vergebens.
Jaafar Rajab stellt in seinem Kommentar für al-Ray aus Kuwait die Frage »Wer tötete Bin Laden?« und kommt dabei zu einer überraschenden Antwort: »Nicht Amerika hat Bin Laden getötet – es waren die arabischen Massen, die Bin Laden umgebracht haben.« Bei seiner Schlussfolgerung bezieht sich Rajab ausdrücklich auf die Protestwelle, die die arabischen Staaten seit Jahresbeginn erfasst hat. »Sie haben Bin Ladens Ideologie getötet, als sie Blumen statt Gewehre trugen, Frieden der Kriegsmaschinerie entgegenstellten und mit Liedern der Medienhetze entgegen sangen. Sie fanden heraus, dass leere Hände und eine freie Brust ausreichen, um repressive Regime zu stürzen. Die arabischen Massen haben Bin Laden getötet. Bin Laden ist kein Mann, sondern eine Ideologie.«
Die staatliche jemenitische Tageszeitung al-Thawra erinnert in ihrem Editorial daran, dass ihr Land zu den Staaten gehört, die am stärksten unter al-Qaidas Terrorkampagne zu leiden hatten. »Jemen stand in vorderster Front der Staaten, die vom Terror angegriffen wurden. Jemen stand und steht immer noch einem Krieg gegenüber, der willkürlich und systematisch von terroristischen Elementen geplant und durchgeführt wird, deren Traum und Wunsch es ist, den Jemen in ein zweites Afghanistan zu verwandeln.« Ähnlich wie der Kollege aus Kuwait nimmt auch der jemenitische Kommentator Bezug auf die aktuellen Entwicklungen in der Region, kommt dabei aber zu gänzlich anderen Schlüssen, indem er Bin Ladens Ideologie eine Mitschuld an den Anti-Regierungsprotesten im Jemen gibt: »Die aktuelle Krise, der sich der Jemen gegenwärtig gegenübersteht, ist ein natürliches Produkt des radikalen Fundamentalismus, zu dem die Taliban gehören.« Ähnlich wie Bin Laden und die Extremisten in Afghanistan würden auch die Regimegegner im Jemen die Religion nur dazu missbrauchen, das Land zu teilen und das Volk zu spalten.
»Bin Laden ist tot...aber Amerika hat nicht gewonnen« – so lautet die Überschrift von Adel Abdul Rahmans Kommentar für al-Hayat al-Jadida aus Palästina. Der Tod habe Bin Laden nämlich viel zu spät ereilt, lange nachdem es ihm gelungen war, Zellen in Asien, Afrika, Europa und den USA zu bilden. Der Kommentator erinnert zudem daran, dass der al-Qaida-Chef viele Jahre lang von den USA, Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten unterstützt wurde. Auch deshalb habe Bin Laden schließlich sterben müssen. »Es wäre besser gewesen, wenn die US-Militär-Einheit ihn festgenommen hätte, denn er hatte geschlafen. Aber die CIA wollte ihn nicht festnehmen, aus Angst vor seinem Geständnis vor der Welt, das unweigerlich mehrere US-Regierungen bloßgestellt hätte, die ihn auf böse Weise missbrauchten. Stattdessen warfen sie ihn ohne Innehalten oder Gewissen ins Grab. Das ist das Ende eines jeden Kollaborateurs mit den Feinden seines Volkes.«
Nasouh Majali bezeichnet Usama Bin Laden in seinem Leitartikel für al-Ray aus Jordanien als »Phänomen«. »Er hat die Prioritäten der USA in der letzten Dekade verschoben und dafür gesorgt, dass der Krieg gegen den Terror und islamistische Organisationen zur Hauptpriorität der westlichen Außen- und Innenpolitik geworden ist, die noch vor dem Umgang mit dem Aufstieg Chinas steht.« Gleichzeitig habe Bin Laden der extremen Rechten und der grassierenden Islamophobie im Westen Munition geliefert. Es sei jedoch naiv zu glauben, dass mit Bin Ladens Tod das Ende von al-Qaida eingeläutet werde, so Majali: »Es sind die kolonialistische Politik und die Invasionen und Besatzungen durch westliche Staaten, einschließlich Israels, gegen die arabischen Völker und muslimischen Nationen, die Entschuldigungen für Gewalt und Terrorismus durch al-Qaida lieferten. Al-Qaida mag seine Methoden und seine Anführer wechseln, aber das Phänomen wird nicht verschwinden, so lange ein muslimisches Land unter Besatzung und innerer Spaltung leiden muss.«
Rajeh al-Khoury befasst sich in seinem Kommentar für al-Nahar aus Beirut mit den Konsequenzen, die Bin Ladens Ermordung für die USA und die Region haben werden. Zum Einen sei Barack Obamas Wiederwahl nun so gut wie sicher, trotz des Widerstands der »zionistischen Lobby« gegen seine Nahostpolitik. Zum Anderen drohten nun blutige Vergeltungsschläge von al-Qaida-Elementen, die den Tod ihres Anführers rächen wollten. »Sie werden besonders das Regime in Pakistan angreifen, denn es ist gewiss, dass diese Operation nicht ohne die Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes durchgeführt wurde.« Um die Bedrohung durch den Terrorismus dauerhaft zu beseitigen, müsse der Westen einen Politikwechsel vollziehen. »Amerika muss seine Angelegenheiten mit den Muslimen regeln, besonders in der Phase des Wandels, die durch die Region fegt. Vielleicht ist jetzt die richtige Gelegenheit gekommen, nach der palästinensischen Versöhnung zwischen Fatah und Hamas.«
Von dem »Usama bin Laden den ich kannte« berichtet uns Abdel Bari Atwan in der pan-arabischen Zeitung Al-Quds al-Arabi. Im Jahre 1996, also mittlerweile vor 15 Jahren, traf ihn der Autor in der afghanischen Bergfestung Tora Bora. Er konnte sich dabei allerdings nicht im entferntesten vorstellen, dass dieser Mann einmal die meist gesuchte Person der weltweiten Geheimdienste werden würde. Atwan beschreibt seine Begegnung mit einem einfachen, bescheiden und höflichen Mann. Auf die Frage nach seinem größten Wunsch im Leben soll bin Laden damals geantwortet haben: »Mein Wunsch ist es als Märtyrer zu sterben.« »Der amerikanische Präsident Barack Obama hat den Wunsch des Scheikhs erfüllt«, stellt Abdel Bari fest.
Der Annahme westlicher und einiger arabischer Experten, dass al-Qaida durch die Ermordung ihres Führers entscheidend geschwächt sei, schließt sich der Autor nicht an. Er verweist vielmehr auf den Märtyrer-Status den Usama bin Laden durch seinen Tod bei den meisten Dschihadisten erlangt hat.
»Die Organisation al-Qaida ist heute viel stärker, als sie es vor 10 Jahren war«, gibt sich Atwan überzeugt. Die Ermordung von Usama bin Laden werde seiner Einschätzung nach zu einer Welle von Attacken gegen US-amerikanische und europäische Ziele führen.
Den Grund für die gewachsenen Stärke sieht Atwan in der gewandelten Organisationsstruktur von al-Qaida: »Vor den Angriffen auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington gab es eine einzelne Adresse der Organisation al-Qaida in den Höhle von Tora Bora in Afghanistan. Heute gibt es eine Vielzahl von Adressen.« Gemeint sind die al-Qaida-Ableger im Irak, im Maghreb, im Jemen oder in Somalia. Diese bedrohen Europa und neuralgische Punkte des Welthandels und die Mineralölindustrie der Golfstaaten.
»Verdient Bin Laden diesen Tod?«, fragt Ahmad Abu Matar in seinem Beitrag für das saudische Onlineportal Elaph.
»Die Geschichte wird über die Nachricht von der Liquidierung Bin Ladens, der Schande über den Islam, die Muslime und die Araber gebracht hat, und, so Gott will, davon, dass die amerikanischen Streitkräfte mit Hilfe der pakistanischen muslimischen Armee dieses Schicksal auch Al-Zawahiri angedeihen lassen können, berichten. Sie wird berichten, dass dieses Ereignis alle Araber, Muslime und die Tausenden Opfer insbesondere von den Anschlägen vom 11. September, zur Freude berechtigt. Denn in den Vereinigten Staaten leben nicht weniger als acht Millionen Muslime, die dort ihre Religion Leben, Moscheen und Schulen bauen, und das in einer Freiheit, die sie in den meistens arabischen Staaten nicht finden werden.«
Außerdem legt Abu Matar eine ausführliche religiöse Begründung zur Rechtfertigung der Tötung Bin Ladens vor. »Wieso verdient dieser Terrorist so einen Tod? Erstens, weil er die Terroranschläge vom 11. September 2001 gegen die Twin Towers in der amerikanischen Stadt New York durchführte, was zum Tod von mehr als viertausend Unschuldigen verschiedener Nationalitäten führte, unter ihnen auch hunderte Muslime. Aber was war die Sünde dieser Unschuldigen, dass dieser Terrorist ihre Tötung plante? Und was ist das Urteil des Korans und des Islams über diese Art von Tötungen? Gott sagt: ›Wer jemanden ohne Recht tötet, dann handelt er so, als hätte er alle getötet.‹ Wie lautet wohl das Urteil, wenn man mehr als viertausend Menschen tötet? Waren diese Tausenden schuldig und fehlgeleitet, so dass der Terrorist Bin Laden und die Mörderbande, die er aussandte, sie töteten? Daher ist die Strafe für einen Mörder im Islam von der gleichen Art wie sein Verbrechen. In dem Moment, in dem er anderen das Leben nahm, verdiente er es, dass auch sein Leben genommen wird. Denn Gott sagt: ›Oh ihr Gläubigen, bei Totschlag ist euch die Vergeltung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven, eine Frau für eine Frau. Und wenn einem Täter von seinem Bruder verziehen wird, soll die Bezahlung des Blutgeldes auf ordentliche Weise vollzogen werden. Das ist eine Erleichterung und Barmherzigkeit seitens Eures Herrn. Wenn aber einer, nachdem diese Regelung getroffen ist, eine Übertretung (Blutfehde) begeht, so hat er einst eine schmerzhafte Strafe zu erwarten.‹ (Koran 2: 178)«
Abu Matar verurteilt den Missbrauch islamischer Symbolik und koranischer Bezüge durch Bin Laden und verweist zudem auf die vielen muslimischen Opfer des al-Qaida-Terrors: »Sie haben ihre Taten stets mit dem heiligen Koran und der Sunna des Propheten und der Geschichte seines Lebens gerechtfertigt. Gibt es denn jemanden, der mit mehr Macht zur Verleumdung des Islam und der Entstellung der Muslime beigetragen hat, als dieser Terrorist und seine Organisation Al-Qaida?«
Drittens, habe sich der Terrorgehilfe Aiman Al-Zawahiri ausschließlich damit beschäftigt, durch Erklärungen und Verkündigungen zu jedem arabischen und islamischen und weltweiten Thema Zwietracht unter den Muslimen zu sähen. »Keine der islamischen Organisationen wie Hamas, Hizbullah, genauso wie die Palästinensische Autonomiebehörde waren vor seiner Kritik sicher und er hat sich zu einem Weisen der Welt aufgeschwungen, als ob ein Prophet oder ein Gesandter sei.«
»Daher ist die Erklärung, die die Regierung von Saudi-Arabien vor einigen Jahren anlässlich der Entziehung der Staatsbürgerschaft von diesem Terroristen herausgab, eine weise und mutige Erklärung, in der die Regierung ihre Hoffnung ausdrückt, dass das Urteil den Anführer von al-Qaida Osama bin Laden einen Schritt auf dem Weg zur Unterstützung des weltweiten Kampfes gegen den Terror ist. Die Erklärung besagte weiter: ›Das saudische Volk ist wie kein anderes Ziel der Angriffe der Terrororganisation al-Qaida geworden; durch seine Verbrechen und sein Ersticken der Unschuld, das Gott nicht ohne Grund verboten hat; und durch seine Angriffe auf die Sicherheit und die Stabilität der Gesellschaft. Dies ist das gerechte Ende eines jeden Terroristen, der die Bedeutung des Islams, des Jihads und aller menschlichen Werte entstellt.‹«
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