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Interview: Mohamed Amjahid
zenith: Herr Meyer, haben sich die Orientwissenschaften vom Schock des Arabischen Frühlings erholt?
Günter Meyer: Der Umbruch in der arabischen Welt hat die dortige Entwicklung in das Zentrum der orientwissenschaftlichen Forschung katapultiert. Welche überragende Bedeutung diese Thematik inzwischen bekommen hat, zeigt sich daran, dass allein 59 Vorträge des DAVO-Kongresses die Hintergründe, aktuellen Veränderungen und Perspektiven des Arabischen Frühlings beleuchten. Manche deutschen Wissenschaftler wirken sogar aktiv an der demokratischen Gestaltung vor Ort mit, sie arbeiten eng mit Aktivisten und Bloggern zusammen in Ägypten, Tunesien, aber auch in Libyen und Syrien.
Und wo verläuft da die Grenze der so genannten Objektivität?
Die Zeiten, in denen sich die meisten Orientwissenschaftler im akademischen Elfenbeinturm verschanzten, sind vorbei. Vielen geht es jetzt darum, wissenschaftliche Erkenntnisse für den politischen und sozialen Umbruch nutzbar zu machen, gemeinsam Strategien zu entwerfen und beim Aufbau neuer demokratischer Strukturen zu helfen.
ist Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO) und Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Genau das war aber vor den Revolutionen nicht im Fokus.
Richtig, angesichts der übermächtigen autoritären Herrschaftsstrukturen erschienen demokratische Veränderungen als Utopie und waren kaum Gegenstand der Forschung. Stattdessen haben zwei wichtige Entwicklungen die Orientwissenschaften in Deutschland maßgeblich beeinflusst: Der erste Umbruch wurde durch den 11. September 2001 ausgelöst. Dauerhafter als je zuvor rückten der Vordere Orient und die übrige islamische Welt in eine zentrale Position des weltpolitischen Interesses. Die Orientwissenschaften bekamen dadurch einen wesentlich höheren Stellenwert. Die massive Förderung neuer interdisziplinärer Forschungszentren und orientbezogener Studiengänge war die Folge. Die zweite Veränderung ist ein Resultat der jüngsten Integrationsdebatte. Sie hat dazu geführt, dass immer mehr Lehrstühle für die Imam-Ausbildung an deutschen Hochschulen eingerichtet werden.
Wie schätzen Sie die weiteren Auswirkungen des Arabischen Frühlings auf die Orientwissenschaften ein?
Die aktuelle Faszination an diesem Thema und die spontanen Forschungsaktivitäten zahlloser Orientwissenschaftler sind erst der Anfang. Die Bundesregierung hat 100 Millionen Euro zur Unterstützung des demokratischen Wandels in der arabischen Welt bereitgestellt. Davon wird ein erheblicher Teil gemeinsamen Forschungs- und Bildungsprojekten zwischen deutschen und arabischen Universitäten zu gute kommen. Noch fließen keine Forschungsgelder, doch das wird sich in Kürze ändern, wenn die Antragsfristen enden, und zahlreiche neue Projekte von der finanziellen Förderung profitieren können.
Diese Bildungszusammenarbeit wird von Politik und Hochschulen als die ideale Entwicklungshilfe gepriesen. Besteht nicht die Gefahr, dass am Ende wieder nur die alte Elite davon profitiert?
Das trifft für die internationale Bildungskooperation vielfach zu, gilt aber eher nicht für Deutschland. Wenn man sich zum Beispiel die American University in Kairo (AUC) anschaut, dort wurde der Nachwuchs der ägyptischen Elite platziert und der Zugang für andere war weitgehend verschlossen. Das war immer so, das ist immer noch so.
Und Deutschland macht einen Bogen um die Elite-Kids?
Nein, aber der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der den Bildungsaustausch in Deutschland federführend organisiert, sucht seine ausländischen Stipendiaten nach bestimmten »Qualitätskriterien« aus. Hier werden nur die Besten genommen – dass auch der Nachwuchs der Elite dabei ist, kann man natürlich nie ausschließen.
Kann ein solcher Bildungsaustausch eigentlich überhaupt für jeden zugänglich gemacht werden?
Das wird schwierig, hier muss man unterscheiden zwischen reichen und ärmeren Staaten im Vorderen Orient. Beispielsweise ist der Besuch hochkarätiger internationaler Bildungseinrichtungen in den reichen Ländern der Arabischen Halbinsel zumindest für die einheimische Bevölkerung gebührenfrei und wird staatlich finanziert. Allein in den Vereinigten Arabischen Emiraten existieren mittlerweile mehr als 60 Ableger von renommierten ausländischen Universitäten, in denen die jungen Emiratis international anerkannte Examensabschlüsse etwa von Harvard oder der Sorbonne erwerben können.
Und in den postrevolutionären Staaten? Wie sieht es in Tunesien und Ägypten aus?
Das sind ja eher arme Staaten, ohne Petrodollars. Die staatlichen Massenuniversitäten sind dort größtenteils gebührenfrei. Für die meist bessere Ausbildung in den privaten Universitäten, die oft mit ausländischen Hochschulen kooperieren, fallen dagegen hohe Studiengebühren an, die für ärmere Bevölkerungsgruppen unerschwinglich sind.
Wie ist denn dort das Interesse an einem Bildungsaustausch mit Deutschland?
Die deutsch-arabische Bildungskooperation ist mit keinem Land so intensiv wie mit Ägypten. Allein im vergangenen Jahr haben durch Unterstützung des DAAD rund 850 ägyptische Studierende, Doktoranden und Wissenschaftler Universitäten in Deutschland besucht. Durch die zusätzlichen Förderprogramme der Bundesregierung wird diese Zahl weiter kräftig steigen. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit deutscher Universitäten mit der German University in Cairo (GUC) finanziell gefördert. In diesem »Flaggschiff« der deutschen Bildungszusammenarbeit sind inzwischen mehr als 8000 Studierende eingeschrieben, und die Zahl der Studienbewerber übertrifft die Studienplätze um ein Mehrfaches.
Ist der Arabische Frühling auch in der GUC angekommen?
Davon wurde diese private ägyptische Universität keineswegs verschont: Viele Studierende forderten auch hier demokratische Verhältnisse, Mitbestimmung und Einsicht in die Verwendung der hohen Studiengebühren. Auf Proteste, Demonstrationen und Sit-ins reagierte die Universitätsleitung mit der Suspendierung von 26 Studierenden. Diese riefen über Blogs und ihre Netzwerke in Deutschland dazu auf, Proteste an die deutschen Kooperationspartner der GUC zu richten. Schließlich durften nicht nur die Suspendierten nach Unterzeichnung eines Verhaltenskodexes weiter studieren, sondern es fand auch die erste demokratische Wahl einer Studierendenvertretung statt. So kann ganz konkret Hilfe zum Aufbau einer demokratischen Hochschule aussehen.
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